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Schreckliche Odyssee mit Happy End

11.07.2021 • 18:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Heute hat Khalbash wieder Grund zu lachen: Im September beginnt er eine Lehre bei der Firma Blum. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Heute hat Khalbash wieder Grund zu lachen: Im September beginnt er eine Lehre bei der Firma Blum. Klaus Hartinger

Nach seiner Flucht hat Janyar Khalbash ein neues Zuhause gefunden.

Einer der Flüchtlinge, die das SOS Kinderdorf betreut (siehe rechts), ist Janyar ­Khalbash. „Ein Paradebeispiel für erfolgreiche Integration“, wie Sozialpädagoge Franz Dietrich schwärmt. Große Worte, denen der junge Mann schon beim ersten Eindruck gerecht wird. Freundlich stellt er sich vor. Mit Akzent, ansonsten jedoch in auffallend gutem Deutsch. Dass er erst seit knapp zwei Jahren in Österreich lebt, ist Khalbash kaum anzumerken. Doch der Weg hierher war ein langer, aufwühlender und sehr gefährlicher für den damals erst 14-Jährigen. Im NEUE-am-Sonntag-Gespräch äußerte sich der junge Syrer über seine Flucht.

Entführung

Bis zu seinem 14. Lebensjahr wuchs Khalbash bei seiner Familie in der syrischen Großstadt Aleppo auf, arbeitete dort gerade an seinem Pflichtschulabschluss. Das normale Leben eines Teenagers – so normal das Leben inmitten eines Kriegsgebiets eben sein kann. „Für meine Abschlussprüfung musste ich in eine andere Stadt fahren. Eigentlich lag diese nicht weit entfernt, doch wegen des Krieges musste ich einen Umweg von zwölf Stunden mit dem Bus in Kauf nehmen“, erinnert sich der heute 18-Jährige an jenen Tag zurück, der sein Leben für immer verändern sollte.

„Als ich nach der Prüfung mit dem Bus nach Hause fuhr, wurde dieser plötzlich angehalten.“ Das Fahrzeug wurde entführt, alle Passagiere – darunter ­Khalbash – in einem Keller gefangen gehalten. „Sie warfen unsere Handys weg und nahmen unser Geld und unsere Papiere. Die Männer bedrohten uns mit Messern und forderten Lösegeld. Doch ohne unsere Telefone konnten wir niemanden um Geld bitten.“ Erst als der Krieg immer näher rückte, wurden die Entführungsopfer freigelassen. „Um uns herum fielen Bomben und keiner wusste, wo wir sind. Also liefen wir einfach drauf los und kamen so nach Idlib – eine Stadt nahe der türkischen Grenze.“ Doch dort wartete die nächste schreckliche Nachricht: Ohne die ihm gestohlenen Dokumente konnte der 14-Jährige nicht in seine Heimat zurück.

Nach seiner Entführung musste Janyar Khalbash im Alter von nur 14 Jahren alleine aus seiner Heimat fliehen.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Nach seiner Entführung musste Janyar Khalbash im Alter von nur 14 Jahren alleine aus seiner Heimat fliehen. Klaus Hartinger

Auf der Flucht

„Unsere einzige Möglichkeit war es, in die Türkei zu fliehen – und das taten wir.“ Vier Monate lang kam Khalbash dort bei den Verwandten einer Familie unter, die mit ihm in Gefangenschaft geraten war. „Diese wollten ihr Glück dann jedoch in Griechenland versuchen. Sie boten an, mich bis dahin mitzunehmen. Dann müsse ich jedoch meinen eigenen Weg suchen. Ihr Geld reichte nicht, um für mich zu sorgen.“ Für den heute 18-Jährigen ein schwerer Schlag, immerhin waren seine Begleiter für ihn zu einer Ersatzfamilie geworden. Doch alleine in der Türkei zurückzubleiben, mit der ständigen Angst jeden Moment wieder abgeschoben werden zu können, war für den jungen Syrer eine absolute Horror-Vorstellung. So nahm er das Angebot an und machte sich mit den lieb gewonnenen Begleitern auf in das fremde Land. Dann war der 14-Jährige auf sich gestellt.

„In Griechenland angekommen, lebte ich einige Tage lang auf der Straße. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, fremde Menschen anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Bis eines Tages der Besitzer eines Cafés, vor dem ich saß, auf mich zu kam.“ Khalbash erzählte ihm seine herzzerreißende Geschichte und der Mann zeigte Mitleid: „Er bot mir einen Job in seinem Café an. Im Gegenzug für meine Arbeit gab er mir zu essen und schenkte mir ein Dach über dem Kopf. Endlich war mir in all dieser Zeit der Ungewissheit etwas Gutes widerfahren.“

Der Weg nach Österreich

Und auch wenn er sich gut mit seinem neuen Leben zu arrangieren schien, ließ ihn doch ein Gedanke nicht mehr los – der an seine Familie. „Ich erinnerte mich, dass mein Bruder, nachdem er den Militärdienst verweigert hatte, nach Österreich flüchten musste. Wenn ich schon nicht zu meinen Eltern konnte, wollte ich wenigstens bei ihm sein.“ So erzählte der junge Syrer dem Café-Besitzer von seinem Wunsch. Und tatsächlich schaffte es dieser, einen Pass für den 14-Jährigen aufzutreiben, mit dem dieser nach Österreich fliegen konnte. „Und obwohl die Reise noch so manche Hürde für mich bereit hielt, stand ich eines Tages endlich am Bahnhof in Feldkirch.“

In Vorarlberg angekommen, machte sich Khalbash auf zur Polizei, um seine Geschichte zu erzählen. Diese konnten die Höchster Adresse seines großen Bruders Delchas Taher ausfindig machen. „Als ich ihn endlich in die Arme nehmen konnte, habe ich einfach nur vor Freude geweint. Ich dachte, ich sehe meine Familie nie wieder.“ Ihm bricht die Stimme, als er daran zurückdenkt. „Mit dem Handy meines Bruders konnte ich dann zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr mit meinen Eltern sprechen. Sie hatten in all der Zeit angenommen, ich wäre tot. Das brach mir mein Herz.“

Vor zwei Jahren hat der gebürtige Syrer in Vorarlberg sein neues Zuhause gefunden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Vor zwei Jahren hat der gebürtige Syrer in Vorarlberg sein neues Zuhause gefunden. Hartinger

Paradebeispiel für Integration

Es war dieser Tag, an dem sich das Leben des heute 18-Jährigen endlich zum Guten wenden sollte. Und das auch dank mehrerer lokaler Hilfsorganisationen: Zunächst nahm die Caritas Vorarlberg Khalbash unter ihre Fittiche, anschließend das ifs, bevor er in das Unterstützungsprogramm des SOS Kinderdorfs aufgenommen wurde. Dietrich und das Team brachten den gebürtigen Syrer in einer Zwei-Mann-Wohngemeinschaft unter und standen ihm in jeder Lebenslage zur Seite. „Doch vor allem war es Janyar selbst, der ungeheuren Fleiß an den Tag legte. Er war allzeit bemüht, schnell Deutsch zu lernen und sich zu integrieren“, erklärt der Sozialpädagoge.

Und dieser Fleiß sollte sich für den jungen Mann tatsächlich auszahlen: Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Vorarlberg wurde ihm das Recht auf Asyl zugesprochen. Noch im selben Jahr schloss der gebürtige Syrer erfolgreich seinen Pflichtschulabschluss ab. Für ihn selbst ein wichtiger Schritt, wie er selbst erklärt: „Ich wollte nie stehen bleiben, sondern immer mein Bestes geben, lernen und im Leben weiterkommen.“ Ehrgeiz, den der 18-Jährige nun bald auch endlich beruflich unter Beweis stellen kann, wie der nun in Dornbirn wohnhafte junge Mann stolz erzählt: Im Herbst beginnt Khalbash nämlich seine Lehre bei der Firma Blum.