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Verstand vs. Gefühl: Wettrennen der Erziehung

11.07.2021 • 08:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In den meisten Fällen weiß ich es besser. Ich weiß, dass gewisse Reaktionen unangebracht sind, ich weiß, dass manch erzieherische Maßnahme eigentlich totaler Humbug ist, und ich weiß, wie man mit pubertierenden Girls kommunizieren sollte. Ich weiß somit recht viel. An der Umsetzung hapert es nur immer wieder.

Mein Verstand und meine Emotionen haben manchmal Verständigungsprobleme. Insbesondere dann, wenn ich müde oder besonders aufgewühlt bin. Dann funktioniert die Leitung zwischen Hirn und Sprechorgan nicht ganz so schnell und die Gefühlswelt rund um den Solarplexus gewinnt das Rennen. Meine mitten in der sperrangelweit geöffneten Tür der Pubertät stehende jüngere Tochter tes­tet zum Beispiel gerade bis zu dieser Reizschwelle aus, welche Grenzen ihr gesteckt werden. Das ist eine Herausforderung zwischen den zwei Kontrahenten Verstand und Gefühl.

Der Verstand möchte dann, gut vorbereitet, folgende Unterhaltung (zum gefühlten 786. Mal) mit Tochter zwei führen: „Du musst endlich verstehen, wenn du gewisse Freiheiten willst, du dich auch an die Regeln zu diesen Freiheiten zu halten hast. Ich muss dir vertrauen können, denn je mehr ich dich loslasse, umso mehr hast du die Verantwortung über dich selbst. Wenn ich das Gefühl habe, du bist noch nicht soweit, dass du auch auf dich selbst aufpassen kannst, muss ich noch warten. Dann gibt es kein Kino mit der Freundin, wenn du danach nicht rechtzeitig zu Hause bist.“ Bin ich ruhig, ausgeschlafen und nicht aufgewühlt, funktioniert das auch.

Meistens aber schaut es eher so aus: „Geht’s dir noch? Wann, habe ich gesagt, sollst du zu Hause sein? Was ist mit dir los? Und dann auch noch das Handy nicht aufgeladen und ich erreiche dich nicht. Weißt du, welche Sorgen ich mir mache? Hausarrest, mindestens drei Tage und Handyverbot. Wäsche aufhängen gehen. Sofort. Und dein Zimmer aufräumen, jetzt!“ Wird dann noch ein langgezogenes „Du meine Güte!“ von der pubertierenden Tochter nachgeschoben, geht es gleich nahtlos weiter: „…außerdem musst du lernen, wie man mit Menschen umgeht. Hör auf, die Augen zu verdrehen. Ich versuche, mit dir vernünftig zu reden, weil du meinst, du bist soweit, und dann kommt ein respektloses „Du meine Güte“ daher. Fernsehverbot!“ Meine Tochter dreht sich um und verschwindet in ihrem Zimmer. Zehn Minuten später ist mein Verstand endlich im Ziel angekommen. Dann klopft Mutter Heidi an das Zimmer ihrer schmollenden Tochter, setzt sich neben sie, umarmt sie und führt ein konstruktives Gespräch. Zum 786. und sicher nicht zum letzten Mal.
Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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