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“Es gibt nicht den Flüchtling”

18.07.2021 • 18:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Bernd Klisch, der Leiter der Caritas-Flüchtlingshilfe. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bernd Klisch, der Leiter der Caritas-Flüchtlingshilfe. Klaus Hartinger

Bernd Klisch über Flüchtlinge im Land, Impfbereitschaft und junge Afghanen.

Wie viele Flüchtlinge werden derzeit von der Caritas im Land betreut?
Bernd Klisch: Es sind fast tausend Flüchtlinge, die wir betreuen. Davon hat mehr als die Hälfte schon ein Bleiberecht, also Asylstatus oder ein subsidiäres Bleiberecht. Die anderen sind noch im Asylverfahren.

Wie hat sich die Situation in den vergangenen Monaten zahlenmäßig entwickelt?
Klisch: Wir waren bis im Herbst des letzten Jahres im Rückbau. Seither haben wir relativ konstante Zahlen Das heißt, die Anzahl derer, die wir neu aufnehmen, und die Anzahl derer, die wir entlassen, weil sie eine Wohnung finden, hält sich die Waage. Beachtenswert ist, dass wir seit Oktober überwiegend syrische Flüchtlinge aufnehmen. Das war zuvor anders. Jetzt sind es rund 70 Prozent Syrer.

Wie schwer ist es denn für Flüchtlinge, arbeits- und wohnungsmäßig in Vorarlberg Fuß zu fassen?
Klisch:

Wir sind immer wieder überrascht, dass es ihnen gelingt, eine Wohnung zu finden, weil der Wohnungsmarkt sehr eng ist. Wobei es für Einzelpersonen und kleine Familien leichter ist. Sehr schwierig ist es für größere Familien. In Hinblick auf den Arbeitsmarkt sind wir ebenfalls überrascht, wie schnell viele eine Arbeit finden. Die Anzahl der Beschäftigten aus den Herkunftsländern Syrien, Iran, Irak, Afghanistan stieg auch während der Corona-Zeit.
Derzeit sind es 2800. Was wir auch merken, ist, dass die Flüchtlinge sehr bestrebt und bemüht sind, Arbeit und Wohnung zu finden.

In welchen Bereichen sind diese Menschen tätig?
Klisch: Den genauen Überblick haben wir nicht. Mein Eindruck ist, dass sie überwiegend in der Industrie tätig sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, dass sie von Corona nicht ganz so betroffen waren. Meistens führen sie einfache Hilfstätigkeiten in den großen Betrieben des Landes aus, aber auch in mittleren Unternehmen.

Fast 1000 Flüchtlinge werden derzeit im Land von der Caritas betreut, sagt Klisch.   <span class="copyright">Hartinger</span>
Fast 1000 Flüchtlinge werden derzeit im Land von der Caritas betreut, sagt Klisch. Hartinger

Wie hat sich Ihre Arbeit in der Corona-Zeit verändert?
Klisch: Wir haben natürlich zu Beginn auf digitale Kommunikation umgestellt. Da kam uns etwas zu Hilfe, dass Flüchtlinge gewohnt sind, mit WhatsApp zu kommunizieren, weil sie auch mit ihren Familien im Herkunftsland damit in Kontakt sind. Sehr schwierig war es im Bereich der Deutschkurse, weil wir auch die nur mehr digital fortführen konnten. Da haben wir kleine Gruppen gemacht und ebenfalls WhatsApp genutzt.

Gab es auch größere Schwierigkeiten?
Klisch: Der einzig wirklich große Nachteil war, dass wir keine Alphabetisierungskurse durchführen konnten. Was wir auch gemerkt haben, ist, dass vor allem die Schüler und Schülerinnen massiv Probleme hatten, weil ihnen sowohl die technische Ausstattung fehlte, um von zu Hause aus dem Unterricht zu folgen, als auch die digitalen Kenntnisse nicht da waren Dazu kamen die Wohnverhältnisse, die natürlich in unseren Quartieren nicht ideal für Homeschooling sind. Da waren sie benachteiligt gegenüber der restlichen Bevölkerung. Das war eine große Herausforderung. Wir haben die Schüler unterstützt, aber wir können nicht alles abdecken..

Zur Person

Bernd Klisch

Fachbereichsleiter Caritas Flüchtlingshilfe

Geboren 1963 in Bludenz, aufgewachsen in Nüziders. Studium Gesundheitsmanagement an der FH Krems.

Leitungs- und Geschäftsführungsfunktionen im Sozial- und Gesundheitsbereich (Lebenshilfe, aks, Landesregierung).

Hobbies: Trailrunning, Musik.

Wie hat es bei den Infektionszahlen ausgesehen?
Klisch: Da hatten wir immer dieselbe Quote wie die Gesamtbevölkerung. Die Infektionszahlen waren in Flüchtlingsunterkünften aufgrund der sehr strengen Maßnahmen nicht höher.

Können Sie jetzt wieder „normal“ arbeiten?
Klisch: Ja, wir haben auch keine infizierten Personen mehr. Jetzt läuft alles wieder im Normalbetrieb. Wenn die Infektionszahlen wieder steigen, müssen wir halt Maßnahmen setzen.

Wie hoch ist eigentlich die Impfbereitschaft unter den Flüchtlingen?
Klisch: Da haben wir noch ein Problem. Generell sind Flüchtlinge junge Menschen, und bei denen ist auch in der Gesamtbevölkerung die Impfbereitschaft weit geringer als bei der älteren Bevölkerung. Der zweite Grund ist, dass sie keine Vorteile aus der Impfung haben. Wir wissen, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung gestiegen ist, sobald die Impfung mit Urlaub, Gasthaus, Disco verknüpft war. Nachdem unsere Flüchtlinge weder in den Urlaub fahren noch ins Gasthaus gehen, haben sie da wenige Vorteile. Daher ist die Motivation sich impfen zu lassen noch gering. Wir klären auf, am Ende des Tages ist es aber ihre Entscheidung.

Die fehlenden Vorteile sind also der Grund für die geringe Impfbereitschaft?
Klisch: So ist es. Zu Beginn konnten sie sich ja aufgrund ihres jungen Alters nicht impfen lassen. Nun sind viele von sozialen Medien geprägt. Da wissen wir nicht immer genau, von welchen sozialen Medien auch aus ihren Herkunftsländern sie beeinflusst werden. Da gibt es auch Vorurteile gegenüber der Impfung, und sie sind genauso den Verschwörungstheorien ausgeliefert wie andere.

Dagegen versuchen Sie aber, etwas zu tun?
Klisch: Ja, da sind wir aktiv dran. Wir klären sie auf, wir unterstützen sie bei der Anmeldung, falls es da Probleme gibt.

Leitet seit 2015 die Caritas-Flüchtlingshilfe: Bernd Klisch.          <span class="copyright">Hartinger</span>
Leitet seit 2015 die Caritas-Flüchtlingshilfe: Bernd Klisch. Hartinger

Ist der Mord an dem 13-jährigen Mädchen in Wien ein Thema unter den afghanischen Flüchtlingen im Land?
Klisch: Er ist insofern ein Thema, als sie ein Problem damit haben und sich dagegen wehren, dass dann Vorurteile ihnen gegenüber da sind. Das merken sie natürlich. Sie erfahren teilweise auch in der Öffentlichkeit, dass sie beschimpft werden. Immer wenn es solche Vorfälle gibt, werden uns Probleme gemeldet, dass sie schwach angeredet werden, dass sie aufgefordert werden, nach Hause zu gehen, und ähnliches. Es stört sie sehr, dass sie da in einen Topf mit diesen Kriminellen geworfen werden. Sie verurteilen diese Tat genauso wie wir und sehen da keinen Zusammenhang mit sich selber. Sie verstehen nicht, wieso sie da in einen Zusammenhang gebracht werden.

Wie erleben Sie junge Afghanen?
Klisch: Sehr unterschiedlich. Ganz generell: Es gibt nicht den Flüchtling. Flüchtlinge sind Einzelpersonen, Einzelschicksale, die natürlich auch mit sehr unterschiedlichen Vorgeschichten und Belastungen bei uns ankommen. Da gibt es solche, die sich wahnsinnig leicht tun, etwa beim Deutschlernen, und die sich unbekümmert auf die Integration konzentrieren können. Dann gibt es aber auch solche, die einen wirklich schweren Rucksack mitbringen, vielleicht auch massive Flucht­erfahrungen, und die tun sich dann um einiges schwerer. Es gibt einen bestimmten Prozentsatz an Flüchtlingen, die leiden an Ängsten, an Depressionen, an Traumata. Die versuchen wir bestmöglich zu begleiten.

Aber es gibt auch Gewalt von jungen Afghanen hier im Land?
Klisch: Die gibt es. Es gibt Spannungen in den Quartieren, es gibt Spannungen unter den Flüchtlingen. Sie sind belastet, manche haben auch keine Perspektive, weil sie einen negativen Bescheid gekommen haben. Das führt zu Aggressionen, das führt zu Problemen. Viele sehen keine andere Möglichkeit, weil sie auch nichts anderes als Gewalt in ihren Herkunftsländern gelernt haben. Wir haben in der Flüchtlingshilfe ein sehr differenziertes Gewaltschutzkonzept, das in diesen Fällen zur Anwendung kommt. Da sind wir sehr konsequent. Gewalt ist ein absolutes No-Go, Gewalt wird nicht toleriert, und wenn Gewalt auftritt, auch Drohungen und massive Beschimpfungen, reagieren wir sofort.

Caritas-Flüchtlingshilfe

76 Unterkünfte, 925 betreute Flüchtlinge (389 Asylwerber/innen, 536 Bleibeberechtigte).

Flüchtlinge aus 36 Nationen (Afghanistan, Syrien, Somalia und weitere 33 Nationen).

Leistungen: Betreuung in den Unterkünften – Sozialberatung und Psychotherapie – Deutschkurse und Integrationsmaßnahmen – Rechtsberatung.

Mit einem wie großen Prozentsatz gibt es Probleme?
Klisch: Da müsste man definieren, was Probleme sind. Einen Prozentsatz kann ich da nicht nennen. Gewalt hat es an sich, dass man immer den Eindruck hat, es ist viel, auch wenn es wenig ist. Als Fachbereichsleiter werde ich ja eher über Problemfälle und nicht über die 99 Prozent, die keine Probleme machen, informiert. Da muss man aufpassen, dass die Wahrnehmung nicht verzerrt wird. Aber es sind ganz wenige Prozente. Und wir versuchen mit verschiedenen Methoden, diese Personen von einem Gewaltverhalten abzubringen.

Was tun Sie, wenn es nicht gelingt?
Klisch: Die allerletzte Konsequenz ist, dass wir sagen müssen, es tut uns leid, wir können dich nicht betreuen. Wir haben als letzte Konsequenz die Möglichkeit, jemanden aus der Betreuung zu entlassen.

Wie oft passiert das?
Klisch:
2015 war das öfters, seither etwa einmal im Jahr. Es ist die allerletzte Konsequenz, die wir anwenden. Zuvor versuchen wir alles. Und wir involvieren immer sofort die Polizei, wenn es Gewaltvorfälle gibt und wir das Gefühl haben, das könnte auch strafrechtlich relevant sein.

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