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Optimismus in der Industrie mit großem „Aber“

20.07.2021 • 20:50 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
IV-Geschäftsführer Christian Zoll, IV-Präsident Martin Ohneberg und Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie, (v.l.n.r.) präsentierten die Umfrageergebnisse. <span class="copyright">vol.at/Mayer</span>
IV-Geschäftsführer Christian Zoll, IV-Präsident Martin Ohneberg und Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie, (v.l.n.r.) präsentierten die Umfrageergebnisse. vol.at/Mayer

IV-Präsident Martin Ohneberg warnt vor zusätzlichen Belastungen.

Durchaus positiv gestimmt blicken die Verantwortlichen in der Vorarlberger Industrie nach vorne. Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung (IV) und der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer (WKV). Allerdings schwingt bei der guten Stimmung auch ein großes „Aber“ mit, wie IV-Präsident Martin Ohneberg berichtet. Denn die Rohstoffverfügbarkeit und die Preise für die Materialien bereiten den Unternehmern Sorgen. Dazu drückten auch hohe Logistikkosten etwa durch Engpässe bei Transportcontainern oder die Schwierigkeiten im Suez-Kanal die Profite. Umso wichtiger sei es, die Industrie nicht durch zusätzliche Abgaben oder Bürokratie in Österreich zu belasten, betonte Ohneberg.

Geschäftsklimaindex

Die Konjunkturumfrage wird jedes Quartal durchgeführt. Die teilnehmenden Unternehmensverantwortlichen werden unter anderem um eine Einschätzung der aktuellen und der in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage gebeten. Diese können als „Gut“, „Durchschnittlich“ oder „Schlecht“ beurteilt werden. Aus den Werten für „Gut“ und „Schlecht“ wird ein Saldo gebildet. Der Mittelwert der Einschätzung von aktueller und künftiger Lage ergibt den Geschäftsklimaindex der Vorarlberger Industrie. Für das zweite Quartal liegt dieser bei 44,5 Prozentpunkten und damit fast 20 Punkte über dem Wert aus dem ersten Jahresviertel (24,6 Prozentpunkte). An der jüngsten Umfrage haben sich 47 Vorarl­berger Industriebetriebe mit insgesamt über 27.000 Beschäftigten beteiligt.

Die Rohstoffpreise drücken in der Industrie auf die Erträge und auf die Stimmung. <span class="copyright">APA</span>
Die Rohstoffpreise drücken in der Industrie auf die Erträge und auf die Stimmung. APA

Die aktuelle Stimmung in den Unternehmen ist damit sogar besser als noch vor der Krise. Zuletzt war im vierten Quartal 2016 (45,4 Prozentpunkte) ein so hoher Wert erreicht worden. Der starke Anstieg nach einer Krise ist laut IV-Präsident nichts Neues. Auch in der Finanzkrise 2008 war der Geschäftsklimaindex in den Keller gerauscht. Doch schon nach kurzer Zeit blickten die Unternehmen schon wieder positiver in die Zukunft.

Branchenergebnisse

Eine Neuerung hat die Konjukturumfrage für das zweite Quartal gebracht. Die Befragung wird traditionell auch nach den verschiedenen Branchen ausgewertet. Bisher waren hier die Maschinen- und Metallindustrie, die Nahrungs- und Genussmittelindustrie, die Textilindustrie sowie die Elektro- und Elektronikindustrie vertreten. Nun wurde erstmals auch eine Auswertung für die Verpackungsindustrie vorgenommen. Damit trage man dem Umstand Rechnung, dass es in Vorarlberg namhafte Unternehmen in dieser Branche gebe, sagte Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer.

Dominant ist in Vorarlberg aber immer noch die Maschinen- und Metallindustrie, ­berichtete der Geschäftsführer der Industriellenvereinigung, Christian Zoll. Diese sei auch ein wesentlicher Träger des Aufschwungs. In Sachen Geschäftslage und Auftragsbestand sind die Unternehmensverantwortlichen in diesem Bereich sehr positiv gestimmt. 90 Prozent der Befragten beurteilten die derzeitige Situation mit „Gut“. Weit weniger optimistisch sind die Unternehmer jedoch, wenn es um die Ertragssituation in sechs Monaten geht.

Corona-bedingt wurden auch im vergangenen Jahr in den Unternehmen Einbrüche verzeichnet. Mittlerweile seien die Auftragsbücher wieder gut gefüllt, sagte Ohneberg. Immerhin wurden in über 80 Prozent der befragten Unternehmen steigende Auftragsbestände verzeichnet. Zugleich berichteten jedoch lediglich 14 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass sie eine verbesserte Ertragssituation erwartet.

Rohstoffpreise

Die einzelnen Branchen waren und sind unterschiedlich von der Pandemie betroffen. Dementsprechend unterschiedlich fällt auch die derzeitige Einschätzung aus. Auch die hohen Rohstoffpreise haben je nach Spezialisierung unterschiedliche Auswirkungen. Der Höhenflug ist eine Folge der Krise. So seien in manchen Bereichen die Produktionskapazitäten noch nicht hochgefahren. In anderen sei einfach die Nachfrage konjunkturbedingt hoch. Mit einer Besserung der Situation wird im vierten Quartal beziehungsweise im ersten Quartal 2022 gerechnet, meinte Ohneberg. Prognosen seien allerdings schwierig.

Schon 2008 brach der Geschäftsklimaindes aufgrund der Finanzkrise ein. Der zweite Einbruch erfolgte wegen Corona im vergangenen Jahr. <span class="copyright">IV</span>
Schon 2008 brach der Geschäftsklimaindes aufgrund der Finanzkrise ein. Der zweite Einbruch erfolgte wegen Corona im vergangenen Jahr. IV

Angesichts der herausfordernden Situation warnte der IV-Präsident vor zusätzlichen Belastungen für die Unternehmen. Denn diese hätten neben den hohen Rohstoffpreisen nach wie vor mit dem Arbeitskräftemangel und auch noch mit den Folgen der Pandemie – wie etwa Einreisebeschränkungen in Asien – zu kämpfen. Da dürften nicht noch zusätzliche Bürokratie etwa in Form des neuen Lieferkettengesetzes oder überbordende Umweltauflagen dazukommen.

Branchenergebnisse 2

Ebenfalls gut gestimmt sind die Vertreter der Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Hier mache sich vor allem die Öffnung der Gastronomie und Hotellerie positiv bemerkbar, erläuterte Zoll. Ein Großteil der Befragten rechnet jedoch damit, dass die Ertragssituation in sechs Monaten durchschnittlich sein wird. Als durchschnittlich könnte man auch die Stimmung in der Textilindustrie beurteilen. So schätzen die Umfrageteilnehmer zumindest großteils die aktuelle Lage ein. Sie gehen auch davon aus, dass sich dies im nächsten halben Jahr nicht wesentlich verändern wird.

Deutlich positiver gestimmt sind die Unternehmer in der Elektro- und Elektronikindustrie. Die Branche sei die einzige, bei der keine Frage der Umfrage negativ beantwortet worden sei, berichtete Amann. Anders sieht es in der Verpackungsindustrie aus. Positive und negative Sicht der derzeitigen Lage halten sich dort die Waage. Die Entwicklung in den nächsten sechs Monaten wird von den Unternehmern eher skeptisch eingeschätzt.

Kinderbetreuung ausbauen

Auf Landesebene erneuerte Ohneberg die Forderung nach einem Ausbau des Kinderbetreuungs­angebots. Dieses sei wichtig, um die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte zu erleichtern. Ebenso wichtig sei es, sich auf eine mögliche vierte Corona-Welle im Herbst vorzubereiten. Bisher sei das Krisenmanagement in Vorarlberg vorbildlich gewesen. Dies müsse auch so bleiben. Dementsprechend müsse die weitere Entwicklung mit großer Vorsicht beobachtet werden. „Die Impfung ist die Lösung“, betonte der IV-Präsident und Unternehmer. Es müsse daher alles dafür getan werden, dass sich möglichst viele Menschen in Vorarlbergs Bevölkerung impfen lassen.