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Verfolgt vom „Incubo Nero“

20.07.2021 • 20:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit "Nero" wird am 21.07. im Festspielhaus eröffnet.<span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Mit "Nero" wird am 21.07. im Festspielhaus eröffnet.Philipp Steurer

Mit „Nero“ wird am Mittwoch das Opernprogramm der Festspiele eröffnet.

Opernkennern ist Arrigo Boito als Komponist der 1868 in Mailand uraufgeführten Oper „Mefistofele“ und als Librettist der beiden letzten Meisterwerke Giuseppe Verdis, „Otello“ aus dem Jahr 1887 und „Falstaff“ aus dem Jahr 1893, bekannt. Auch das Textbuch zu „La Gioconda“ von Amilchare Ponchielli stammt aus seiner Feder. Geboren wurde Boito 1842 als Sohn einer polnischen Gräfin und eines Malers in Padua, die Mutter zog mit ihm nach Venedig und förderte seine Neigung zur Musik.

Der Komponist Boito

Am Mailänder Konservatorium studierte er bei Alberto Mazzucato, gemeinsam mit Franco Faccio, dessen „Amleto“ (Hamlet) das diesjährige Regieteam bereits bei den Bregenzer Festspielen 2016 wieder ans Licht gebracht hat – das Textbuch zu „Amleto“ stammt ebenfalls von Boito. Wie auch diese großen Themen zeigen, gingen Boitos Interessen weit über die Musik hinaus. Er war vertraut mit den Größen der europäischen Literatur und den deutschen Klassikern – sein „Mefistofele“ ist unter den „Faust“-Vertonungen jenes Werk, das sich am dichtesten an Goethes Drama annähert.
Ein Stipendium ermöglichte Boito in jungen Jahren einen längeren Aufenthalt in Paris, daran schloss sich eine Reise durch Polen, Deutschland, Belgien und England an. Zurück in Mailand schloss er sich den „scapigliati“ (die „Ungebundenen“) an, einer Gruppe von Literaten, Komponisten und bildenden Künstlern, die sich gegen den bürgerlichen Lebensstil und die Vorherrschaft der Religion wandten.

"Nero" bei den Bregenzer Festspiele 2021.<span class="copyright">Philipp Steurer</span>
"Nero" bei den Bregenzer Festspiele 2021.Philipp Steurer

Boito war begeistert von den deutschen Komponisten wie Bach, Beethoven, Mendelssohn oder Weber. Daher wählte er wohl auch den Faust-Stoff für seine Oper, deren Uraufführung zunächst ein Fiasko war, die sieben Jahre später nach einer Umarbeitung jedoch großen Erfolg hatte. Parallel zu seinen Libretti für Giuseppe Verdi schrieb Arrigo Boito an Text und Musik seines „Nerone“, veröffentlichte im Jahr 1901 das Libretto als Dichtung, konnte die Komposition aber nicht mehr vollenden – der fünfte Akt blieb Fragment. Arrigo Boito starb 1918 in Mailand, der Dirigent Arturo Toscanini und die Komponisten Antonio Smareglia und Vincenzo Tommasini vollendeten das Werk, das Boito über 56 Jahre seines Lebens begleitet hatte, und brachten es 1924 an der Mailänder Scala zur Uraufführung.

Gebrochenes Bild

Den Inhalt dieser komplex angelegten, vielschichtigen Oper verkürzt darzustellen, scheint unmöglich – ebenso wie Boito über Jahrzehnte seines Lebens um Form und Musik gerungen hat, ist hier, so Regisseur Olivier Tambosi im Werkstattgespräch, eine „Apotheose des Scheiterns“ eingefangen, die Arbeit an „Nerone“ verfolgte ihn wie einen Alptraum („Incubo Nero“).
Gezeigt werde ein Bilderbogen aus dem alten Rom, in dem Personen und Geschehnisse weniger in ihrer Entwicklung als eher wie Energieblöcke dargestellt seien. Beginnend mit der Szene, in der Nero die Urne mit der Asche seiner ermordeten Mutter begraben will, werde ein gebrochenes Bild des Herrschers und seiner Machtphantasien dargestellt. Ihm zur Seite stehen die schillernde Figur des Magiers Simon mit seinen Ritualen und dessen Gegenspieler, der christliche Prophet Fanuel. Altes und neues Denken treffen aufeinander, gespiegelt in psychischen Zuständen, die wie Filmschnitte montiert sind. Das sei, so Elisabeth Sobotka, „unglaublich modern“.

"Nero" im Festspielhaus.<span class="copyright">Philipp Steurer</span>
"Nero" im Festspielhaus.Philipp Steurer

In der Musik werde die neue Welt auch klanglich mit orchestralen, ausufernden Mitteln und großen „vokalathletischen“ (Dirigent Dirk Kaftan) Partien, aber auch mit spannenden Frauenfiguren zum Klingen gebracht. Olivier Tambosi, der schon als Kind gepackt war von Boitos Klangwelten in „Mefistofele“, schöpft aus dem Vollen und sprudelt über, wenn er sagt: „Ich lebe mit den Figuren und Sängern mit“, die „Psychosen werden hörbar, spürbar, erlebbar“.
Bei der Uraufführung waren 600 Statisten und allein acht weiße Pferde beteiligt – doch das alte Rom wollen Tambosi, sein Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann und Kostümbildnerin Gesine Völlm nicht auf die Bühne stellen. Wir dürfen gespannt sein, wie sich „Nerone“ in die Reihe der Bregenzer Raritäten einfügt.

AufführungsDaten

„Nero“ ist am Mittwoch (19.30 Uhr) sowie am 25. Juli (11 Uhr) und 2. August (19.30 Uhr) zu sehen. Tickets gibt es noch unter www.bregenzerfestspiele.com.

Katharina von Glasenapp