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Tipps für Leseratten am Strand

26.07.2021 • 11:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Werke sorgen im Urlaub sowohl für Spannung als auch für Entspannung.<span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Die Werke sorgen im Urlaub sowohl für Spannung als auch für Entspannung.Symbolbild/Shutterstock

Die NEUE-Redaktion präsentiert ihre Lieblingsbücher für den Sommer.

Ein Plädoyer für die Phantasie

Nach der großen Corona-Lockdown-Stubenhockerei lockt der Sommer nun wieder nach draußen. Als Rüstzeug für den im Herbst erwarteten Delta-Blues und allfällige Einschränkungen möchte ich Ihnen Xavier de ­Maistres (1763-1852) „Reise um mein Zimmer“ (Aufbau Verlag) ans Herz legen. Mit diesem Kabinettstück setzte der französische Offizier und Schriftsteller den damals angesagten literarischen Expeditionsberichten sozusagen einen Gedankenspaziergang entgegen. In Turin wegen eines un­erlaubten Duells zu 42 Tagen Zimmerarrest verurteilt, beschreibt er auf geistreiche und unterhaltsame Art, was wir kaum noch wahrnehmen: die alltäglichsten Dinge. Jedes Objekt wird zur Quelle der Reflexion. Seine Entdeckungsreise führt unter anderem vom Bett zum Lehnstuhl, der zur Kutsche wird – und weiter zum Schreibtisch, wo er in der Schublade in eine Welt der Erinnerungen und verborgenen Schätze abtaucht. Ja, die abenteuer­lichsten Reisen finden bekanntlich im Kopf statt.
Jörg Stadler

Wiedersehen mit alten Bekannten

Sven Regener ist nicht nur ein erfolgreicher Musiker, sondern auch ein guter Schriftsteller, der es versteht, unterhaltsame Geschichten zu erzählen. In seinem Roman „Wiener Straße“ gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie etwa Frank Lehmann, seinem besten Freund Karl Schmidt oder dem kauzigen schwäbischen Wirt Erwin. Und genauso wie in Regeners vergangenen Werken ziehen die Erzählungen und Dialoge den Leser sofort in ihren Bann – seien es die Geschichten rund um das „Café Einfall“ oder um die Künstlergruppe „ArschArt“. Nachdem am 9. September Regeners neuer Roman „Glitterschnitter“ erscheinen soll, ist „Wiener Straße“ die richtige Lektüre zur Überbrückung der Wartezeit.
Michael Steinlechner

Was wäre wenn?

Der Roman „The Man in the High Castle“ von Philip K. Dick geht der „Was wäre wenn?“-Frage auf Basis einer platt erscheinenden Kulisse in schonungsloser Ehrlichkeit nach. Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg nicht verloren, sondern die Hälfte der USA besetzt, an der Westküs­te regieren die Japaner. Im Buch begegnet man den Menschen des Alltags in Extremlagen: kriecherisch, feige und aufs bloße Überleben aus, aber oft auch unverhofft mutig.
Moritz Moser

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit? Dieser Frage geht der Roman „Echo des Schweigens“ aus dem Jahr 2020 auf den Grund. Strafverteidiger Hannes Jansen schwankt im Gerichtssaal und im Privatleben zwischen Gesetz und Moral – ein Gewissenskonflikt. Es ist nämlich der entscheidende Fall für seine Karriere: Der Anwalt vertritt einen Polizisten, der wegen eines Mordes an einem Asylwerber angeklagt ist. Sein Glaube an dessen Unschuld gerät aber ins Wanken: „Wenn das Büchlein echt war, war sein Mandant ein Mörder.“ Durch diesen neuen Beweis und durch seine Kontrahentin, Rechtsmedizinerin und Geliebte Sophie Tauber, stellt er auf einmal seine Pflichten als Verteidiger in Frage. Was auf dem Klappentext als Liebesgeschichte angekündigt wird, ist dann doch eher ein Genremix aus Gerichtskrimi gepaart mit einer historischen Erzählung. Autor Markus Thiele liefert auf fesselnde Art und Weise dem Leser Antworten und neue Blickwinkel auf die Frage, was Gerechtigkeit ist. Dies geschieht ganz nebenbei ohne erhobenen Zeigefinger. Der Schriftsteller, der selbst Rechtsanwalt ist, vereint im Roman Unterhaltung mit Kritik, die NS-Zeit mit der Gegenwart und den realen Tod des Sierra-Leoners Oury Jalloh im Jahr 2005 im Polizeirevier Dessau mit Fiktion.
Laura Schwärzler


Der etwas andere Heimatroman

Es ist eine skurril-amüsante Geschichte, die Vea Kaiser in „Blasmusikpop“ vor dem Leser und der Leserin ausbreitet. Der vom Forschergeist beseelte Johannes A. Irrwein wächst in einem abgelegenen alpenländischen Bergdorf namens St. Peter am Anger auf, mit dessen Bewohnern und vor allem deren Traditionen er so gar nichts anzufangen weiß.
Sein sehnlichster Wunsch ist es, aufs Gymnasium zu kommen. Das haut hin, nur mit der Matura klappt es nicht. Seinem großen Vorbild Herodot nacheifernd wird er dann zum Dorfchronisten.
Ein 14,8Meter langer Fischbandwurm spielt in diesem Roman ebenso eine wichtige Rolle wie ein schöner Mönch im Jaguar – und der Fußballclub St. Pauli. Souverän und mit viel Witz erzählt Kaiser in ihrem Debütroman von 2012 eine etwas andere Familien- und Heimatgeschichte.
Brigitte Kompatscher

Gauß’ Reise durch Europa

Auf seine eigene Art und Weise macht der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß Lust auf das Reisen – und zwar mit seinem Buch „Die unaufhörliche Wanderung“ (Zsolnay). Die Sammlung von meist bereits erschienenen Reportagen und Reflexionen führt den Leser an skurrile Orte in Europa, die Gauß kritisch, versehen mit viel Hintergrundwissen und persönlichen Beobachtungen und Erlebnissen, beschreibt. Er reiste nach Albanien oder wanderte durch die verlassenen Gassen Venedigs, die nur einen Steinwurf entfernt liegen von den abgetrampelten Touristenpfaden. Er besuchte das einstige jüdische Ghetto im mährischen Trebic, dessen Schönheit heute Touristen vorgeführt wird – auch wenn diese eben durch den Versuch entstand, die jüdische Bevölkerung in das Ghetto zu zwängen. Gauß’ Texte beschreiben nicht nur, sondern sie regen auch an, sich über die Zukunft Europas Gedanken zu machen.
Lisa Kammann

Der Charme unverblümter Sprache

Ich bin kein schöner Mensch. Meine Aura ist irgendwie zahnfarben“, liest sich der erste Satz aus dem 2015 erschienenen Roman „180 Grad Meer.“ Beruhigt lässt sich feststellen, dass die für ihre Ausdrucksweise bekannte Autorin Sarah Kuttner sich auch in diesem Werk nichts aus blumigen Umschreibungen macht, sondern schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Denn auch wenn die Geschichte der leidenschaftslosen Sängerin, die sich mit den Geistern ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, durchaus keine neue ist, ist es dieser spezielle Schreibstil, der den Charme des Romans ausmacht.
Alyssa Hanßke