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Gestatten, wir sind die Neuen

27.07.2021 • 14:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Srdjan Predragovic und Jadranko Stojanovic werden vom Klubangestellten Michael Knauth erst in die Kabine und dann durch die Sporthalle am See geführt.<span class="copyright">Hartinger</span>
Srdjan Predragovic und Jadranko Stojanovic werden vom Klubangestellten Michael Knauth erst in die Kabine und dann durch die Sporthalle am See geführt.Hartinger

Am Donnerstag hat beim Alpla HC Hard die Saisonvorbereitung begonnen.

Mittwoch, 16.30 Uhr, Sporthalle am See in Hard. Srdjan Predragovic lächelt. Der 26-jährige Rückraumspieler besichtigt seinen neuen Arbeitsplatz, das Spielfeld in der Sporthalle am See, samt der Kabine und der Geschäftsstelle der Roten Teufel. Michael Knauth führt ihn und Hards neuen Kreisläufer Jadranko Stojanovic durch die Halle. Dabei bringt es Predragovic gleich auf den Punkt: „Früher bin ich nicht gerne nach Hard gekommen“, lässt der Bosnier im Gespräch tief blicken, um im nächsten Augenblick aufzulösen: „Denn Auswärtsspiele in Hard bedeuteten, dass wir verlieren.“ Predragovic stand eineinhalb Spielzeiten in Linz unter Vertrag, die meiste Zeit seiner Karriere hat er allerdings in Deutschland verbracht.

16.32 Uhr, Spielerkabine. Predragovic und Stojanovic beziehen die Kabine. Die Platzwahl ergibt sich durch die freigewordenen Plätze. <span class="copyright">Hartinger</span>
16.32 Uhr, Spielerkabine. Predragovic und Stojanovic beziehen die Kabine. Die Platzwahl ergibt sich durch die freigewordenen Plätze. Hartinger

Zufall

Predragovic kann nicht nur perfekt Deutsch, es schwingt auch die so typische Sprachfärbung unserer Lieblingsnachbarn mit. Auch Stojanovic spricht gut Deutsch, „aber nicht ganz so gut wie Srdjan“, sagt der Kroate fast schon entschuldigend.

Die beiden kennen sich vom Spusu-All-Star-Game im Jahr 2019, als sie in einer Mannschaft spielten; mit Golub Doknic im Tor. Rechtshänder Stojanovic spielte von 2018 bis zum Sommer bei Bärnbach/Köflach, wo er in der abgelaufenen Saison ins All-Star-Team der Liga gewählt wurde. „Es war einfach für mich, das Angebot von Hard anzunehmen“, spart der Kreisläufer nicht mit Komplimenten, „denn mit Hard spielst du um Titel. Ich hatte auch Angebote von anderen ausländischen Klubs, aber als Sportler willst du Meisterschaften gewinnen.“

Um 16.43 Uhr betreten Stojanovic und Predragovic ein erstes Mal als Rote Teufel das Spielfeld in der Sporthalle am See. <span class="copyright">Hartinger</span>
Um 16.43 Uhr betreten Stojanovic und Predragovic ein erstes Mal als Rote Teufel das Spielfeld in der Sporthalle am See. Hartinger

Die beiden Neuzugänge wollen gerade die Halle verlassen, als sie zufällig ihren neuen Trainer Hannes Jón Jónsson treffen. Es ist nicht das erste Aufeinandertreffen mit ihrem Headcoach, wenige Stunden zuvor stand im Olympiazentrum bereits eine Leistungsdiagnostik und eine medizinische Untersuchung an. Trotzdem haben sich die drei natürlich einiges zu erzählen. Im Schlepptau von Jónsson ist sein achtjähriger Sohn Johann, der, kein Witz, seit mehr als drei Jahren Triathlet ist und ein Liverpool-Trikot trägt. Was ganz im Sinne von Stojanovic ist, der ebenfalls Fan der Reds ist. „Bis morgen“, verabschiedet sich schließlich Jónsson von seinen beiden Spielern. Dann steht, oder eben stand, eine erste Athletikeinheit auf dem Programm.

Um 17.02 Uhr treffen sie beim Verlassen der Halle zufällig ihren neuen Trainer Hannes Jón Jónsson und seinen Sohn Johann. <span class="copyright">Hartinger</span>
Um 17.02 Uhr treffen sie beim Verlassen der Halle zufällig ihren neuen Trainer Hannes Jón Jónsson und seinen Sohn Johann. Hartinger

Ortswechsel

Einige Minuten später, am anderen Ende von Hard in der Wohnung von Predragovic und seiner Frau Kristina. Der Bosnier sitzt zufrieden am Ess­tisch. „Ich bin seit Sonntag hier, mein Vater und mein Cousin haben uns beim Umzug geholfen.“ Wirklich gestresst hat ihn der Umzug sowieso nicht. „Als Sportler hat man Erfahrung beim Umziehen, ich musste eigentlich nur meine Sporttaschen packen. Die große positive Überraschung war, dass die Wohnung bezugsfertig war. Es ist ein Traum hier, wir wohnen 200 Meter vom See entfernt, und nebenan wohnt mit Jadranko auch noch ein Teamkollege. Noch besser geht es nicht.“
Wie auf Stichwort kommt besagter Mitspieler um die Ecke. Predragovic lässt ihn über die Terrassentür in die Wohnung, die beiden haben beschlossen, gemeinsam über ihre ersten Erfahrungen in Hard zu plaudern. Stojanovic ist am Montag in Hard angekommen. „Von mir zu Hause bis hierher sind es 850 Kilometer. Die Fahrt hätte eigentlich acht Stunden gedauert, aber wir sind bei München im Stau gestanden und brauchten neuneinhalb Stunden. Danach habe ich nur noch etwas gegessen und geschlafen. Am Dienstag habe ich dann die Anmeldung erledigt.“ Der Kroate wurde zwar von seiner Freundin beim Umzug begleitet, sie wird aber nicht hier leben und fährt bald wieder heim. „So ist das als Sportler“, sagt der 28-Jährige und macht eine Handbewegung, die zusammen mit seiner Mimik verdeutlicht: Einfach wird ihm der Abschied nicht fallen.

Stojanovic ist für jeden Spaß zu haben, stemmt die übergro­ßen Proteinbehälter.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Stojanovic ist für jeden Spaß zu haben, stemmt die übergro­ßen Proteinbehälter. Hartinger

Profileben

Es ist ein Moment, in dem greifbar wird, dass ein Leben als Profisportler viele Seiten hat, die dem Menschen hinter der Rückennummer so einiges abverlangen. Abseits der Öffentlichkeit. Dann fügt Stojanovic hinzu: „Sie kommt mich aber so oft wie möglich besuchen.“ Was macht er, wenn er nach dem Training in eine leere Wohnung kommt? „Ich habe meine Playstation dabei und werde FIFA21 spielen.“ Jetzt muss Predragovic lachen und fragt seinen neuen Mitspieler: „Hast du auch keine echten Hobbys? Ich schaue gerne Netflix, aber eigentlich ist das kein Hobby, sondern nur ein Zeitvertreib.“ Beide lachen laut, ehe Stojanovic antwortet: „Zu Hause schon, aber nicht während der Saison. Ich schaue querbeet alles auf Netflix.“ Dann muss der 28-Jährige laut auflachen, ehe er schildert: „Als ich während Corona zurück nach Kroatien gekommen bin und 14 Tage in Quarantäne musste, habe ich in zehn Tagen ‚Games of Thrones‘ angeschaut. Die komplette Serie.“ Wieder lachen beide, und Predragovic legt sogar noch eins drauf: „Ich habe mal in vier Tagen ‚Breaking Bad‘ angeschaut.“
Der Bosnier schaut die Serien auf Deutsch, für seine Frau laufen die Untertitel mit. „Sie will so schnell wie möglich Deutsch lernen. So wird aus dem Netflix-Gucken sogar eine Lerneinheit.“ Dann betont der 26-jährige Linkshänder: „Ich habe mir aber auch ein Fahrrad besorgt und werde auch immer mal am See eine Tour machen.“ Stojanovic erwidert: „Ich werde sicher hin und wieder schwimmen gehen. Zu Hause spiele ich gerne Wasserpolo. Heißt das so?“, fragt der 28-Jährige und flüstert seinem Mitspieler ein Wort zu. „Du meinst Wasserball“, antwortet Predragovic, woraufhin sich der Fragensteller mit der Handfläche tadelnd auf die Stirn klopft: „Ich sage ja, mein Deutsch ist nicht so gut.“

Die beiden Neuzugänge werfen für die Kamera die ersten Bälle. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die beiden Neuzugänge werfen für die Kamera die ersten Bälle. Hartinger

Freunde

Na na, wer wird denn da so streng sein. „Ich trinke gerne Kaffee, ist das ein Hobby?“, wirft Stojanovic schmunzelnd in den Raum. „Natürlich“, antwortet ihm Predragovic. „Das ist ein jugoslawisches Hobby.“ Beide nicken sich zu und klopfen sich lachend auf die Schenkel, da haben sich zwei Freunde gefunden.
Dann, inzwischen ist es fast 18.30 Uhr, geht der Besuch bei den beiden neuen Roten Teufeln zu Ende. Es waren zwei Stunden, die aufgezeigt haben: Hinter jedem Spieler steht eine Geschichte, und jeder Wechsel zu einem neuen Verein ist dabei der Beginn eines ganz neuen Kapitels. Mit offenem Ausgang natürlich. So ist das Leben – auch und gerade im Spitzensport.