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Der Angstgegner Mathematik als Erfolgsgeheimnis

28.07.2021 • 16:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mathematikerin Anna Kiesenhofer mit Ausdauer, hoher Frustrationstoleranz und viel Hingabe
Mathematikerin Anna Kiesenhofer mit Ausdauer, hoher Frustrationstoleranz und viel Hingabe APA/AFP/GREG BAKER

Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer lenkt Aufmerksamkeit auf Mathe.

Sogar „Nature“, die wichtigste Wissenschaftszeitschrift der Welt, war es eine Erwähnung wert: dass eine Forscherin Gold gewann. Und erst recht hat dies die Österreicher verblüfft: Mit Anna Kiesenhofer fuhr just eine Mathematikerin, die in Lausanne in der Schweiz arbeitet, mit dem Rennrad auf das Siegesstockerl.

„Ich halte das für ein großes Glück. Man sieht, dass Mathematiker nicht nur irgendwelche Nerds sind“, freut sich Rudolf Taschner, Mathematiker und Nationalratsabgeordneter, der sich jahrelang der Popularisierung seines Fachs verschrieben hat. Mathematik sei persönlichkeitsbildend, Mathematiker würden mit „kühlem Blick die Welt betrachten“, „Mathematiker sind muntere, aufgeweckte Menschen“, so Taschner.

Tatsächlich ist es erst wenige Tage her, dass ein anderer „Mathematiker“ für Furore gesorgt hat. Clemens J. Setz, der Mathematik-Lehramt in Graz studierte, erhielt den bedeutendsten Literaturpreis des deutschen Sprachraums: den Georg-Büchner-Preis. Er bemerkte einmal, die Mathematik kümmere sich weniger um die Realität, sondern sei mehr wie ein Schachspiel und befasse sich mit Symbolen, die nicht unbedingt in der Wirklichkeit eine Entsprechung finden.

Analytische Herangehensweise

Konstruieren sich Mathematiker also die Wirklichkeit anders? Berechnen sie ständig ihr Umfeld? Kiesenhofer selbst erklärte, sie sei es gewohnt, „analytisch“ zu denken, sie habe die physikalischen Bedingungen quasi immer im Hinterkopf.

Aber konnte sich Kiesenhofer den Sieg „ausrechnen“, „kalkulierte sie richtig“, obwohl nicht einmal „sie selbst damit gerechnet hat“, wie die Schlagzeilenmacher am Montag freudig reimten?

Das wohl alles nicht, sie habe „einfach getreten“, relativierte sie selber. Beruflich hat sie es mit einer hochkomplexen Form von Gleichungen zu tun (siehe links unten).

Kein Sport ohne Mathe

Natürlich wird heute jede Sportart von Mathematik dominiert und getrieben – zahlreiche Sensoren verkabeln die Athleten und ihr Umfeld, exzessive Datensammlungen werden angelegt über Körper, mentale Stärke und die Konkurrenz, hoch spezialisierte Auswertungen und Computeranwendungen und Apps stehen jedem Spitzensportler zur Verfügung.

Dennoch, die Spannweite, wo der Mathematiker verblüfft: Sei es der Literat Norbert Gstrein, sei es der frühere Konzertpianist Christian Krattenthaler, sei es der Corona-Erklärer Niki Popper oder auch Moderatorin Barbara Stöckl. Die Verwandtschaft von Mathematik und Musik sei uralt, von Pythagoras über Johann Sebastian Bach bis hin zu Alban Berg, so der Grazer Uni-Mathematiker Wolfgang Ring.

Ganz zu schweigen davon, dass Mathematiker heute in Versicherungswirtschaft, Datenanalyse, Simulation, Forschung und Entwicklung tätig sind, jedes Handy von mathematischen Formeln lebt.

Respekt vor Mathe

Warum also gelten Mathematiker als so (lebens-)fern? Als Nerds? Warum ist das Fach so angstbesetzt, warum haben Österreicher oft jahrzehntelang noch Albträume?

Da seufzen Mathematiker wie Clemens Heuberger (Uni Klagenfurt) oder Peter Grabner (TU Graz). Man habe „in den letzten Jahrzehnten ständig an der Schulmathematik herumgedoktert“, sagt Grabner. Mathematik-Horror sei ein „deutschsprachiges Phänomen“, klagt Heuberger, anderswo sei man nicht stolz darauf, „nichts von Mathe zu verstehen“.

Und doch sind alle sich einig: Mathe ist kein Kinderspiel, erfordert volle Konzentration, Hingabe und hohe Frustrationstoleranz. Anders gesagt: Beste Voraussetzungen auch für einen Olympiasieg.