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Über die zwei Seiten einer Medaille

01.08.2021 • 22:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch. Klaus Hartinger

Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch erzählt von seinen Erfahrungen.

Wenn man mit Kindern über Kinderrechte spricht, erntet man ,Ahas‘ und viel Zustimmung. Erwachsene fragen schnell, wo die Pflichten bleiben. Im Mittelpunkt steht die UN-Kinderrechtskonvention mit Rechten, die sich kein Kind verdienen muss und die ihm zustehen, egal, wo es aufwächst“, erzählt Michael Rauch, der in der Kinder- und Jugendanwaltschaft unter anderem Kinder und Jugendliche berät und an Schulen geht.
Unterzeichnet haben die Konvention 166 Staaten. Mit der Umsetzung läuft es nicht bei allen diesen Staaten gleich gut. Deshalb gibt es alle fünf Jahre ein Monitoring eines Kinderrechtekontingents, das dann Empfehlungen ausspricht.

Schulpflicht

Rechte und Pflichten für Kinder und Jugendliche sind manchmal wie zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Beispielsweise gibt es das Kinderrecht auf Bildung, gleichzeitig aber die Schulpflicht. So wichtig ist das Thema dem österreichischen Staat, dass er nicht nur in Lehrpersonal und Ausstattung investiert, sondern Kindern und Jugendlichen vorschreibt, dass sie die Schule besuchen müssen.
„In anderen Ländern, in Asien und Lateinamerika, müssen auch Kinder dagegen bereits arbeiten, um der Familie das Überleben zu sichern. In unserer Bundesverfassung gibt es ein Verbot der Kinderarbeit. ,Aber was ist mit Tischdecken, Müll hinaustragen und Zimmer aufräumen?‘, fragen mich die Kinder dann. Da muss ich sie enttäuschen. Im Rahmen des familiären Zusammenlebens gibt es sehr wohl die Verpflichtung, dem Alter entsprechend mitzuhelfen“, erklärt Rauch.

Gewaltverbot

Kinder haben auch ein Recht auf Erziehung, was sie selbst oft als seltsam empfinden. Es ist aber Aufgabe hauptsächlich der Eltern, Werte zu vermitteln. Allerdings hat Österreich im Jahr 1989 immerhin als viertes Land der Welt rechtlich verankert, dass Eltern kein Recht haben, ihre Erziehung mittels körperlicher Gewalt durchzusetzen.
Wichtig sind auch das Kinderrecht, seine Meinung äußern zu dürfen, sowie die Beteiligungsrechte. Diese sind altersmäßig gestaffelt. Zum Beispiel können Kinder ab einem Alter von zehn Jahren vor Gericht aussagen. Ab 14 Jahren dürfen Jugendliche selbst über medizinische Behandlungen entscheiden. Vor manchen Dingen werden Heranwachsende auch bewusst geschützt, etwa vor dem Rauchen und Alkohol, und nicht umsonst darf ein 16-Jähriger noch keinen Mietvertrag abschließen.

Im Vorjahr wurde auch in Österreich für Kinderrechte demonstriert. <span class="copyright">apa</span>
Im Vorjahr wurde auch in Österreich für Kinderrechte demonstriert. apa

Verantwortung

„Das Loslassen passiert in Etappen, endgültig mit dem Auszug der jungen Erwachsenen. Kinder haben ein Recht auf Beteiligung, dass sie also zum Beispiel beim Planen des Urlaubs miteinbezogen werden. Oft empfinden Kinder ihre Eltern als streng, aber Erziehung führt im besten Fall dazu, dass junge Menschen befähigt werden, Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Kinder- und Jugendanwalt.
Ein wiederkehrendes Thema in seinen Diskussionsrunden in Schulen sei, dass die Jungen sich mehr zutrauen, als die Eltern ihnen zugestehen möchten. Auch das Taschengeld ist ein vieldiskutiertes Sujet, wobei die Höhe des Taschengelds nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. „Wichtig ist, dass Kinder so den Umgang mit Geld lernen.“

Corona-Zeit

Rauch erzählt von den rechtlichen Schwierigkeiten in der Corona-Zeit. „Der Staat war gezwungen, Rechte abzuwägen und das Recht auf körperliche Gesundheit vorn anzustellen. Je länger aber Schulen, Kitas und Spiel- und Sportplätze geschlossen geblieben sind, umso offensichtlicher wurde, dass das zulasten der psychischen Gesundheit ging. Wir werten die Studien gerade aus, aber klar ist schon jetzt: Es gab unter Jugendlichen eine massive Zunahme psychischer Erkrankungen.“ Gerade durch Corona wurde noch einmal deutlich: Das Recht und die Pflicht der Kinder und Jugendlichen, in die Schule zu gehen, ist für alle Beteiligten sehr wichtig.

Auszüge aus der Kinderrechtskonvention der UN, für Kinder übersetzt:

 Artikel 2: Alle Kinder haben diese Rechte, egal, wer sie sind, wo sie leben, woher sie kommen, welche Hautfarbe sie haben, was ihre Eltern machen, welche Sprache sie sprechen, welche Religion sie haben, ob sie Junge oder Mädchen sind, in welcher Kultur sie leben, ob sie eine Behinderung haben, ob sie reich oder arm sind. Keinem Kind darf irgendeines der beschlossenen Rechte weggenommen werden.

• Artikel 9: Du hast das Recht, bei Deinen Eltern zu leben, es sei denn, das wäre nicht gut für Dich. Wenn Du aus irgendeinem Grund von beiden Eltern oder einem Teil der Eltern getrennt lebst, hast Du das Recht, regelmäßig mit ihnen in Verbindung zu sein, außer es würde Dich gefährden.

• Artikel 16: Du hast das Recht auf eine Privatsphäre. Niemand darf ungefragt Deine Briefe lesen, Dein Zimmer durchsuchen oder ähnliches tun. Niemand darf Dich beschämen oder beleidigen.

• Artikel 17: Du hast das Recht, alles zu erfahren, was Du für ein gutes Leben wissen musst, aus dem Radio, der Zeitung, Büchern, dem Computer und anderen Quellen. Erwachsene sollen dafür sorgen, dass die Informationen, die Du erhältst, Dir nicht schaden. Außerdem sollen sie Dir helfen, die Informationen, die Du brauchst, zu finden und zu verstehen.

• Artikel 19: Du hast das Recht auf Schutz, damit Du weder körperlich noch seelisch misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt wirst.

• Artikel 28: Du hast das Recht auf eine gute Schulbildung. Die Grundbildung soll nichts kos­ten. Du sollst dabei unterstützt werden, den besten Schul- und Ausbildungsabschluss zu machen, den Du schaffen kannst. Der Staat muss dafür sorgen, dass alle Kinder in die Schule gehen und kein Kind dort schlecht behandelt wird.

• Artikel 29: Deine Bildung soll Dir helfen, alle Deine Talente und Fähigkeiten zu entwickeln. Sie soll Dich außerdem darauf vorbereiten, in Frieden zu leben, die Umwelt zu schützen und andere Menschen und ihre Rechte zu respektieren, auch wenn sie anderen Kulturen oder Religionen angehören. Dafür sollst Du auch die Menschen- und Kinderrechte kennenlernen und achten.

• Artikel 31: Du hast das Recht auf Freizeit, zu spielen, Dich zu erholen und Dich künstlerisch zu betätigen.

• Artikel 37: Niemand darf Dich auf grausame oder unmenschliche Weise bestrafen. Die Todesstrafe für Kinder muss überall abgeschafft werden. Nur in seltenen Ausnahmefällen dürfen strafmündige Kinder ins Gefängnis gesperrt werden. Wenn es geschieht, müssen sie kindgerecht behandelt werden und sofort Zugang zu einem Anwalt haben. Sie müssen mit ihren Eltern in Verbindung bleiben können.