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Neue „Zwergenvilla“ spielt in der Topliga

02.08.2021 • 20:20 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Dietmar Lenz ist beim Gemeindeverband für das Thema nachhaltiges Bauen zuständig. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Dietmar Lenz ist beim Gemeindeverband für das Thema nachhaltiges Bauen zuständig. Oliver Lerch

Gemeindeverband unterstützt Kommunen beim nachhaltigen Bauen.

Den Sonderpreis „Businessart“ des ÖGUT-Umweltpreises hat kürzlich die Initiative „Nachhaltig: Bauen in der Gemeinde“ erhalten. Die Auszeichnung wurde bereits im Vorjahr vergeben, allerdings konnte diese aufgrund der Corona-Pandemie nun erst offiziell überreicht werden. Für die Verantwortlichen der seit 15 Jahren bestehenden Initiative war dies bei Weitem nicht der erste Preis, der bisher eingeheimst worden ist. Auch zahlreiche Projekte, die mit Unterstützung von „Nachhaltig: Bauen in der Gemeinde“ umgesetzt worden sind, wurden bereits mit Auszeichnungen gewürdigt. Angeboten wird das Servicepaket vom Gemeindeverband, der dafür mit dem Energieinstitut Vorarlberg und der Spektrum Bauphysik & Bauökologie GmbH zusammenarbeitet.

Kommunen entscheiden

Worum es bei der Initiative geht, ist schnell erklärt. Gemeinden werden dabei unterstützt, ihre Gebäude möglichst nachhaltig zu errichten oder auch zu sanieren. In welchem Umfang die Unterstützung in Anspruch genommen wird, entscheiden die Verantwortlichen der jeweiligen Kommune selbst, erläutert Dietmar Lenz vom Gemeindeverband. Möglich ist eine Begleitung von der ersten Idee an bis zum Ende der Umsetzung. Sie möglichst früh im Prozess mit dem Thema Nachhaltigkeit zu verbessern, erleichtert die Sache natürlich. Beispielsweise können dann bereits beim Architekturwettbewerb entsprechende Vorgaben inkludiert werden. Genauso unterstützen die Experten die Gemeinden aber auch später bei den Ausschreibungen für die Gewerke, indem etwa Vorgaben bezüglich der verwendeten Materialien gemacht werden. Genauso werden auf Wunsch dann auch die laufenden Bauarbeiten überwacht.

21 Kriterien in vier Kategorien

Eine zentrale Rolle im Prozess spielt der Kommunalgebäude­ausweis (KGA). Anhand von 21 Kriterien in vier Kategorien wird bei diesem von Experten die energetische und ökologische Ausführung des Neubaus oder der Sanierung bewertet. Maximal 1000 Punkte können dabei erreicht werden. Der KGA wird schlussendlich auch für die Bemessung von Förderungen herangezogen. Je besser die Beurteilung ausfällt, umso höher ist die mögliche Förderung.

Neubau in der Topliga

Mittlerweile wird im Zuge der Initiative bereits das 130. Projekt umgesetzt. Bereits fertiggestellt ist dagegen die neue „Zwergenvilla“ in Bludenz-Bings. Mit einem Wert von 917 Punkten im KGA spielt der Neubau in der Topliga, bringt es Lenz auf den Punkt. Ab Herbst ist hier eine ganztägige Kindergarten-Gruppe untergebracht. Ebenso gibt es eine Kleinkindbetreuung.

Der "Zwergengarten" wurde nach Plänen des Architekturbüros Zottele/Mallin errichtet. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Der "Zwergengarten" wurde nach Plänen des Architekturbüros Zottele/Mallin errichtet. Oliver Lerch

Das Bauvorhaben wurde von Anfang an von den Experten von „Nachhaltig: Bauen in der Gemeinde“ begleitet. Schon im Architekturwettbewerb, den das Büro Zottele/Mallin für sich entscheiden konnte, war vorgegeben, dass im KGA mindestens 850 Punkte erreicht werden sollen. Schlussendlich wurde sogar ein noch höherer Wert erreicht. Das Gebäude ist nahe am Passivhausstandard errichtet, verfügt über eine Dachbegrünung und Emissionen in den Innenräumen durch Lösungsmittel oder Formaldehyd gibt es nicht. Eine Besonderheit gibt es zudem, was die verwendeten Baumaterialien betrifft. „Seitens der Stadt Bludenz wurde Wert darauf gelegt, dass für die Inneneinrichtung heimisches Holz verwendet wird“, erklärt Lenz. Und so kommt es, dass Kiefernholz aus dem Forstbesitz der Stadt in den Innenräumen allgegenwärtig ist.

Dietmar Lenz (Gemeindeverband) und Sabine Erber (Energieinstitut) nahmen den Ögut-Sonderpreis entgegen. <span class="copyright">Vorarlberger Gemeindeverband</span>
Dietmar Lenz (Gemeindeverband) und Sabine Erber (Energieinstitut) nahmen den Ögut-Sonderpreis entgegen. Vorarlberger Gemeindeverband

Eine immer wichtigere Rolle spielt nach Angaben des Experten auch die Klimawandel­anpassung. So wurde etwa bei der „Zwergenvilla“ Wert darauf gelegt, dass das Gebäude „sommertauglich“ ist. Trotz großer Fensterflächen soll es in den Räumlichkeiten nicht zu warm werden. Erreicht wird dies mit entsprechenden Möglichkeiten zur Beschattung und auch der kontrollierten Be- und Entlüftung. Dabei wird auf einen „Low Tech“-Zugang gesetzt, um nicht durch allzu komplizierte Technik einen höheren Wartungsaufwand zu verursachen.

Fotovoltaik

Verzichtet wurde seitens der Stadt auch auf eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Eine solche hätte zwar auch trotz der Begrünung installiert werden können, allerdings erschien dies den Stadtverantwortlichen aufgrund des Standortes nicht sinnvoll. Lenz ist jedoch überzeugt, dass die Fotovoltaik künftig eine noch wichtigere Rolle einnehmen wird.

Das Dach des "Zwergengartens" ist begrünt. Auf eine Fotovoltaikanlage wurde verzichtet. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Das Dach des "Zwergengartens" ist begrünt. Auf eine Fotovoltaikanlage wurde verzichtet. Oliver Lerch

Für die Kommunen lohnt sich das nachhaltige Bauen. Über die Lebensdauer gerechnet seien die Gebäude auf jeden Fall wirtschaftlich, betont der Experte. Um ein bis zwei Prozent höhere Kosten bei der Errichtung würden durch eine bessere Energieeffizienz und niedrigere Wartungs- und Betriebskosten rasch wettgemacht. Dazu dienen auch die höheren Förderungen als Anreiz. Nicht zuletzt wird durch den Ansatz natürlich auch die Umwelt geschützt. Seitens der Architekten gebe es auch keinen Widerstand gegen das nachhaltige Bauen. Manche würden sogar regelrecht für das Thema brennen. Ein bisschen mehr Überzeugungsarbeit habe man in den Anfangszeiten dagegen bei manchen Handwerkern leisten müssen. Sie seien teils skeptisch gewesen, wenn sie beispielsweise statt ihrer bewährten Hilfsmittel auf schadstofffreie Alternativen umsteigen sollten. Mit Aufklärungsarbeit sei es aber gelungen, auch sie mit an Bord zu holen. Für so manchen waren die nachhaltigen Projekte der öffentlichen Hand auch ein Grund, gänzlich auf die schadstofffreien Mittel umzusteigen. Schließlich ist die Reduktion der Emissionen auch für Privatkunden ein gewichtiges Verkaufsargument. Zudem wird dadurch auch die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter geschützt.

Rund 1,2 Milliarden Euro

Die Projekte, an denen Lenz und sein Team – jeweils zwei Mitarbeiter beim Energieinstitut und bei Spektrum – bisher mitgewirkt haben, hatten ein Bauvolumen von insgesamt rund 1,2 Milliarden Euro. Nachdem das nachhaltige Bauen weiterhin an Bedeutung gewinnt, dürfte dieser Wert künftig noch weiter in die Höhe gehen.

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