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Weniger Infektionskrankheiten im Corona-Jahr

04.08.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Verstärkte Hygiene-Maßnahmen führten zu weniger Übertragungen von Infektionskrankheiten. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Verstärkte Hygiene-Maßnahmen führten zu weniger Übertragungen von Infektionskrankheiten. Oliver Lerch

Im Vorjahr gab es in Vorarlberg praktisch keine Influenza-Fälle.

Mit Beginn der Corona-Pandemie hat sich unser Leben in zahlreichen Aspekten verändert: Lockdown, Schutzmaske, weniger Kontakte, Abstandhalten, Händewaschen, Reisebeschränkungen. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Maßnahmen, die dazu dienen sollen, das Sars-CoV-2-Virus in Schach zu halten. Allerdings – und das ist ein positiver Neben­effekt – wird dadurch auch die Übertragung anderer Viren und Bakterien erschwert.

In Vorarlberg sind im ersten Corona-Jahr vor allem jene Infektions- und meldepflichtigen Krankheiten zurückgedrängt worden, die durch Tröpfchen übertragen werden, teilt die Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H in einer Aussendung mit. Am deutlichsten war dieser – wohl vorübergehende – Rückgang bei Influenza, Atemwegs- sowie Fernreise- und Tropenkrankheiten, hieß es.

Nicht bemerkbar

Während in Vorarlberg jährlich im Durchschnitt über 100 Menschen wegen einer Influenza stationär im Spital behandelt werden müssen, hat es in der Grippesaison 2020/21 im Land praktisch überhaupt keine bestätigten Grippefälle gegeben – sprich: Heuer war die Grippewelle nicht bemerkbar. Als Anfang 2020 Corona aufgetreten ist, war die Grippewelle schon fast vorüber. Zuvor hatte es im Jänner und Februar aber schon Erkrankungen gegeben, wurde mitgeteilt.

„Das war auch gut so“, sagt Oberärztin Gabriele Hartmann. Sie ist die Leiterin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektionsvorsorge am Landeskrankenhaus Feldkirch. „Normalerweise sind unsere Stationen im Jänner und Februar mit Grippe-Patienten voll. Der Lockdown in dieser Hochphase der Influenza hat uns heuer tatsächlich in diesem Bereich entlastet. Nicht auszudenken, wenn die Grippewelle noch zur Corona-Pandemie dazugekommen wäre.“ Hartmann geht allerdings davon aus, dass die Verschnaufpause nur kurz währt und zukünftig wieder mit einem schwereren Grippejahr zu rechnen ist.

Infektionsexpertin Gabriele Hartmann.   <span class="copyright">KHBG</span>
Infektionsexpertin Gabriele Hartmann. KHBG

Auffallend zurückgegangen ist laut der Aussendung im Vorjahr vor allem die Zahl an Infekten der Atemwege, die durch Tröpfchen übertragen werden: Respiratorische Viren und Bakterien, wie etwa das Bakterium Hämophilus influenzae, das Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen verursachen kann, sind spürbar weniger aufgetreten. „Wir haben beispielsweise auch einen starken Rückgang von RSV-Infektionen beob­achtet“, bestätigt Hartmann. Das RSV ist ein Erreger, der vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern Atemwegs­infektionen verur­sacht.

„Tatsächlich“, ergänzt Burk­hard Simma, Primar der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde am Landeskrankenhaus Feldkirch, „konnten wir mit Beginn des ersten Lockdowns 2020 den vorerst letzten unserer RSV-Patienten entlassen. In der Zeit danach ist die Infektion bis dato praktisch verschwunden. Ansonsten merken wir das Aussetzen diverser Infektionskrankheiten – von Influenza bis hin zu Atemwegsinfekten – im Kinderbereich genauso wie bei den Erwachsenen.“

“Nicht auszudenken, wenn die Grippewelle noch zur Corona-Pandemie dazugekommen wäre”

Gabriele Hartmann, Oberärztin LKH Feldkirch

Deutlich weniger aufgetreten sind auch Pneumokokken. Die Bakterien können Hals-, Atemwegs- und im schlimmsten Fall auch Hirnhautentzündungen auslösen. Teilweise verzeichnet die Statistik des Sozialministeriums hier einen Rückgang der gemeldeten Fälle um bis zu 50 Prozent.

Keuchhusten wurde indes im vergangenen Jahr laut Statistik des Sozialministeriums in Vorarl­berg 24 Mal diagnostiziert, 2019 gab es noch 32 Fälle. Scharlach ist hingegen von 16 auf zwei Fälle im vorigen Jahr zurückgegangen und Masern sind im Corona-Jahr 2020 in Vorarlberg überhaupt nicht aufgetaucht. 2019 waren es noch zwei bestätigte Fälle im Land.

Reisekrankheiten

2020 sind aufgrund der Reisebeschränkungen auch die Zahlen typischer Fernreise- und Tropenkrankheiten – etwa Salmonellen und Denguefieber – zurückgegangen beziehungsweise teils sogar auf Null gesunken. Bei Hepatitis C, mit der man sich auch hierzulande anstecken kann, sank die Zahl der gemeldeten Fälle von 65 im Jahr 2019 auf 27 im Vorjahr. Noroviren wurden hingegen im Corona-Jahr 41 Mal gemeldet, 2019 waren es noch 104 Fälle.

„Alles in allem dürften die Hauptgründe für die teils starken Rückgänge einzelner Erreger tatsächlich in den Lockdowns und den Hygienemaßnahmen liegen“, stellt Infektionsexpertin Hartmann fest. Sie geht zudem davon aus, dass sich auch die Kindergarten- und Schulschließungen entsprechend ausgewirkt haben. Verstärkend hinzugekommen werde wohl auch sein, dass einzelne Krankheitsfälle erst gar nicht bekannt geworden sind, weil die Menschen im ersten Corona-Jahr generell etwas weniger in Spitäler, Arztpraxen und Apotheken gegangen seien.

Nichts verlernt

„Jedenfalls spielt eine solche Unterbrechung des Infektionsgeschehens für die allgemeine Abwehrfähigkeit unseres Immunsystems keine Rolle“, erklärt die Fachfrau: „Der menschliche Körper wird es auch weiterhin wie gewohnt mehr oder weniger gut schaffen, mit Schnupfen, Halsweh, Durchfall und Co. fertigzuwerden. Das hat er in dieser kurzen Pause nicht verlernt. Dafür ist auch der Grad der Durchseuchung zu hoch.“

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