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Zorn, Schweigen, und ein Dämon aus Asche

04.08.2021 • 13:39 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Ein Jahr nach der Explosion wartet Beirut noch immer auf Heilung
Ein Jahr nach der Explosion wartet Beirut noch immer auf Heilung imago images/ZUMA Wire

Vor einem Jahr riss Explosion Loch in Beirut. Opfer warten auf Gerechtigkeit.

Fünfundzwanzig Meter räkelt sich Nadim Karams Trümmerkonstrukt in die Höhe. Umgeben von den gespenstischen Überresten des Beiruter Hafens soll ein „Ascheriese“ (arabisch: Marid men Rimad) „Hoffnung geben“, so der Künstler, und „Katharsis“ ermöglichen. Aus der Bevölkerung regnet es Kritik: Solange die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, soll man keine Statuen bauen – Gerechtigkeit geht vor Gedenken. „Wohin mit den Körperteilen?“ fragt eine Aktivistin in einem offenen Brief – die Skulptur ist gänzlich aus vor Ort gefundenen Metallresten gebaut.

Das Projekt hat den bitteren Beigeschmack der Scheinheiligkeit: Der Hafen war und ist Sperrgebiet, der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Aufbau der Skulptur muss mit den Meistern des Hafens abgesprochen worden sein, also mit jenen ehemaligen Kriegsherren, Milizionären und Geschäftsmännern, die seit Ende des Bürgerkrieges 1990 den Staat für persönlichen Profit ausquetschen. Sie gelten auch als die Verantwortlichen für die Detonation von 2740 Tonnen hochexplosivem Ammoniumnitrat, geparkt im Herzen der Küstenstadt.

Die aus den Trümmern des Hafens gefertigte Skulptur „Ascheriese“ soll Beirut Hoffnung geben, steht letztlich aber für ein kaputtes System, gegen das die Libanesen aufbegehren
Die aus den Trümmern des Hafens gefertigte Skulptur „Ascheriese“ soll Beirut Hoffnung geben, steht letztlich aber für ein kaputtes System, gegen das die Libanesen aufbegehrenAPA

Der Hafen verkörpert für die Libanesen, was die Hälfte der Bevölkerung unter die Armutsgrenze und das Land laut Weltbank in eine der drei global schlimmsten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gedrückt hat: Korruption.

Wissen um Gefahr

Wie alle öffentlichen Institutionen wird der Hafen zwischen den größtenteils mono-konfessionellen Parteien aufgeteilt – aber nicht zur gegenseitigen Kontrolle, sondern im Sinne der Verteilung von Ressourcen unter dem Schleier des konfessionellen Proporzes, und natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Solange alle Parteigänger und Würdenträger ihren Teil kriegen, wird nicht lange nachgefragt. Wer bezahlt, sind die, die im Spiel der „politischen Klasse“ nicht mitmachen wollen oder können; also der Großteil der Bevölkerung.

Die Explosion des Hafens ist an Symbolik nicht zu überbieten: die Ladung des mysteriösen Schiffs, das 2013 in Beirut ankerte und kurz darauf versank, so munkelt man, war entweder Eigentum des bewaffneten Flügels der schiitischen Hisbollah, und damit unantastbar, oder Eigentum von niemandem, und damit uninteressant.

Die Explosion vor einem Jahr hatte ein Zwanzigstel der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe
Die Explosion vor einem Jahr hatte ein Zwanzigstel der Sprengkraft der Hiroshima-BombeAPA

Dokumente belegen, dass ranghohe Politiker schon sechs Jahre vor der Explosion wussten, welche Gefahr die Lagerung des Kunstdüngers im Hafen für die Sicherheit der Bevölkerung darstellte. Ein mutiger Zolloffizier, der 2014 seine Vorgesetzten dringlich bat, das Ammoniumnitrat zu beseitigen, war 2017 unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, nachdem seine Ansuchen wiederholt an bürokratischen Hürden und Zuständigkeitsstreits abgeprallt waren. Ob politische Omertà oder simple Ignoranz gegenüber dem öffentlichen Wohl: Man ist sich einig auf Beiruts Straßen, dass die Katastrophe zu verhindern gewesen wäre.

Mühsame Suche nach der Wahrheit

Wie erwartet ist die Suche nach Wahrheit gefangen im Netz der Korruption und des trügerischen „konfessionellen Friedens“. Nachdem der erste Richter, der mit der Untersuchung der Explosion beauftragt worden war, eine Liste an verdächtigen politischen und staatlichen Würdenträgern präsentierte, wurde er prompt vom Kassationsgericht entlassen. Zwei beschuldigte (Ex-)Minister hatten dem Richter Befangenheit vorgeworfen und ihn des Verfassungsbruchs bezichtigt, da er ihre politische Immunität infrage stellte.

Besagte Immunität wird auch dem Nachfolger des Richters zum Verhängnis – nicht einen politischen Würdenträger durfte er befragen, verhaftet wurden nur rangniedrige Beamte. Tatsächlich kann politische Immunität de facto nur von Fall zu Fall durch das Parlament aufgehoben werden, also von einem eng verbandelten Club von Profiteuren genau jenes Systems, das eine unbehinderte Untersuchung der Explosion infrage stellt. Gesetzliche Basis dafür ist die Angst vor einem interkonfessionellen Konflikt: Um sich vor hetzerischem Missbrauch der Judikative zu schützen, hat man sie bis zur Unkenntlichkeit entschärft.

Umgekehrt können öffentliche Schuldzuweisungen nach einem breit ausgelegten Verhetzungsparagraphen, der eigentlich vor konfessioneller Gewalt schützen soll, mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft werden. Auch internationale Untersuchungen wurden bis zuletzt mit eiserner Härte sabotiert. Zu explosiv, vermuten die Beirutis, was noch so zu finden wäre am Hafengelände oder in den Dokumenten der Hafenbehörde. Amnesty International spricht von einer „schamlosen Obstruktion der Justiz“ zum Jahrestag der Katastrophe.

Zum Jahrestag der Katastrophe mehren sich die zornigen Proteste gegen die Regierung, die alle Ermittlungen sabotiert
Zum Jahrestag der Katastrophe mehren sich die zornigen Proteste gegen die Regierung, die alle Ermittlungen sabotiertGetty

Das Stadtbild ist nach wie vor geprägt von den Folgen der Explosion, die laut Experten eine Sprengkraft von einem Zwanzigstel der Bombe von Hiroshima ausmachte. Speziell in den belebten Stadtteilen von Dschemmeizeh, Dscheitawi und Aschrafieh hat man den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben: In den Hinterhöfen türmen sich Trümmerhaufen und Glassplitter, die Fassaden schälen sich von eleganten Stadtpalais und Altbauhäusern, brachliegende Geschäfte und Cafés mit geborstenen Schaufenstern säumen die Straßen. In den wenigen Geschäften, die die Wiedereröffnung gewagt haben, erspäht man Narben auf Gesichtern und Gliedmaßen. Porträts von Opfern kleben anklagend an den Hauswänden. „Morgen bringen wir unseren Schmerz zu ihnen“, sagte ein Bekannter am Vorabend des Jahrestags. Doch der Zorn und der Wunsch nach Genugtuung konkurrieren mit Frustration und Niedergeschlagenheit. Er wolle den Jahrestag in den Bergen verbringen, weit weg von Beirut, meint ein Freund. „Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich all das noch einmal durchleben muss.“

Kein Dämon, kein Schicksal

Nadim Karams‘ Statue passt verhängnisvoll gut ins Bild. Marid bedeutet im Arabischen nicht nur Riese, sondern auch Dämon. Genau zu dem scheint die libanesische politische Klasse systemische Korruption generell und die Explosion im speziellen erklären zu wollen: zu einer Katastrophe übernatürlicher Herkunft, einem bösen Geist, der Land und Leute heimsucht. Sie spricht von Aufklärung und Wahrheitsfindung und blockiert zugleich die Untersuchungen. Sie verspricht Reform und Korruptionsbekämpfung. Zugleich steht der Libanon aber seit einem Jahr ohne Regierung da, weil sich die Parteigranden nicht auf die Aufteilung der Ministerien einigen können. Doch ohne Regierung bleiben finanzielle Hilfen, die dem importabhängigen Land aus der Währungskrise helfen könnten, weitestgehend aus. Nahrungsmittel-, Strom-, Treibstoff- und Medikamentenknappheit sind die Folge. Ohnedies raubt die Hyperinflation den Menschen ihr Erspartes, und macht Gehälter wertlos. Als ob dem nicht genug wäre, verzehren Waldbrände den Norden des Landes. Zivilschutz und Armee können dem Debakel nur wenig entgegensetzen. Wie damals, vor dem Ausbruch der Proteste im November 2019, ist nur ein Bruchteil der Löschhelikopter einsatzbereit. Die Wartungsgelder waren wohl im Dickicht des Staatsapparats abhanden gekommen.

Für die Demonstranten, die heute die Straßen füllen, ein Ende der Korruption, Gerechtigkeit für die Opfer des 4. August 2020 und eine systemische Veränderung fordern, ist es kein Dämon, kein Schicksal, die das Land heimsuchen. Es sind Männer aus Fleisch und Blut, deren Ignoranz und Habgier die geschundene Republik zu ersticken drohen. Noch ist die Lage friedlich, doch ein Jahr nachdem die Stadt in Asche versank, brennt wieder die Luft.

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