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Sechs Tage und sieben Nächte lang im Einsatz

07.08.2021 • 20:50 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
Markus Stengele am Steuer des Unimog trotz anstrengender Arbeit gut gelaunt.<span class="copyright">@fire/Stengele</span>
Markus Stengele am Steuer des Unimog trotz anstrengender Arbeit gut gelaunt.@fire/Stengele

Vorarlberger Markus Stengele half beim Hochwasser im deutschen Ahrtal.

Ahrweiler, Rech und Mayschoß – Namen, die der gebürtige Nofler Markus Stengele nicht so schnell vergessen wird. Vor drei Wochen wurden die drei Orte im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz über Nacht zum Schauplatz einer Flutkatastrophe. Der Fluss Ahr wurde nach lange anhaltendem Starkregen zum reißenden Strom und setzte ganze Ortschaften in der Region unter Wasser. Stengele war mit der gemeinnützigen Hilfsorganisation „@fire – Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.“ sechs Tage lang als Ersthelfer in dem Gebiet im Einsatz.

Zwischen 50 und 80 freiwillige Helfer von "@fire" waren im Ahrteil im Einsatz. <span class="copyright">@fire/Stengele</span>
Zwischen 50 und 80 freiwillige Helfer von "@fire" waren im Ahrteil im Einsatz. @fire/Stengele

Am 16. Juli erhielt der Feuerwehrmann, der sowohl bei der Feuerwehr Rankweil als auch bei der Betriebsfeuerwehr Hilti in Schaan aktiv ist, die Alarmierung von „@fire“. 30 Minuten hatte er dann Zeit, um Rücksprache mit seinen Vorgesetzen bei Hilti zu halten und für den Einsatz im Katastrophengebiet zu- oder abzusagen. „Mein Arbeitgeber steht voll hinter mir und stellt mich für solche Einsätze frei“, erklärt Stengele, der bereits seit sechs Jahren bei „@fire“ engagiert ist.

Über Spenden finanziert

Über 300 Mitglieder hat der Verein. Die meisten von ihnen stammen aus Deutschland und sind Feuerwehrleute oder bei anderen Blaulichtorganisationen engagiert. Auf Anfrage von staatlichen Institutionen helfen sie weltweit freiwillig und unentgeltlich nach Katastrophen. Schwerpunkte sind dabei die Suche nach Verschütteten und die Bekämpfung von Waldbränden. Finanziert wird der Verein über freiwillige Spenden. Zwei der Unterstützer sind die Hilti Foundation und die Hilti Gruppe. So hat der Bautechnologiekonzern beispielsweise Gerätschaften zur Verfügung gestellt, die nun im Katastrophenfall von den Helfern genutzt werden.

Spezialaufgaben

Durch die Partnerschaft zwischen „@fire“ und der Hilti Foundation ist Stengele auf den Verein aufmerksam und zum Mitglied geworden. Die berufliche Erfahrung, die er als Chemie-Labortechniker in der Diamantwerkzeug-Entwicklung von Hilti gesammelt hat und immer noch sammelt, kommt ihm bei den Einsätzen zugute. Bei den „Urban Search and Rescue“-Missionen – also beim Suchen und Retten in bewohnten Gebieten – ist er als Spezialist für das Bohren und Schneiden mit an Bord. Ebenso hat er Erfahrung im Umgang mit Gas- und Strahlenmessgeräten. Am Einsatzort kann er so beispielsweise feststellen, ob es dort gefährliche Konzentrationen von Gas gibt, die eine Gefahr für die Einsatzkräfte und Helfer sein können.

Vom Unimog bis hin zum ATV (im Vordergrund) waren viele geländegängige Fahrzeuge im Einsatz.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
Vom Unimog bis hin zum ATV (im Vordergrund) waren viele geländegängige Fahrzeuge im Einsatz. @fire/Stengele

Stengeles Fähigkeiten und Wissen waren daher auch im deutschen Ahrtal gefragt. So brach er schon kurze Zeit nach der Alarmierung dorthin auf. Mit im Gepäck hatte er weitere Gerätschaften seines Arbeitsgebers, die ihm im Katastrophengebiet hilfreich sein sollten. Bereits am Freitag­abend traf er nach sechs Stunden Fahrzeit in Rösrath ein. „Die Stadt liegt etwa 40 Kilometer von Bonn entfernt, und dort war der Sammelpunkt für die Einsatzkräfte von ‚@fire‘“, erzählt der Feuerwehrmann. Insgesamt rund 50 freiwillige Helferinnen und Helfer des Vereins waren zu Beginn am Einsatz beteiligt. Später wuchs die Zahl auf 80 an. Sie alle waren in Rösrath in einem mobilen Spital untergebracht und brachen von dort aus zu den verschiedenen Einsatzstellen auf.

Im Wald gab es Abschlepphilfe durch einen Landwirt mit seinem Traktor.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
Im Wald gab es Abschlepphilfe durch einen Landwirt mit seinem Traktor. @fire/Stengele

„@fire“ verfügt im Gegensatz zu anderen Organisationen wie etwa der deutschen Bundeswehr oder dem deutschen Technischen Hilfswerk (THW) nicht über schweres Gerät. Dafür stehen jedoch kleine, wendige und geländegängige Fahrzeuge – sogenannte ATV („All Terrain Vehicles“) – zur Verfügung. Ebenso waren ein Unimog, ein Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF), ein Tieflader mit Kran und sogar ein kleines Amphibienfahrzeug im Einsatz. Die Kräfte von „@fire“ sind zudem speziell darin geschult, in derartigen Katastrophengebieten trotz zerstörter oder fehlender Infrastruktur Hilfe zu leisten. So gehörte es zu den ersten Aufgaben, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff für Stromgeneratoren in die nur schwer erreichbaren Ortschaften zu bringen. Auf dem Rückweg wurden zudem Personen aus dem Gefahrengebiet evakuiert. „Es ging darum, vor allem Familien mit Kindern und Greise in Sicherheit zu bringen“, erzählt Stengele. Außerdem sei es gerade in derartigen Katastrophenfällen wichtig, Leerfahrten zu vermeiden und Ressourcen – wie eben Treibstoff für die Fahrzeuge – nicht zu vergeuden.

Zufahrtswege gesucht

In den ersten Tagen nach der Katastrophe bekam der Vorarlberger nur wenig Schlaf: „Es waren höchstens sechs Stunden in drei Tagen“, sagt er. Denn schon am Samstag widmete sich der freiwillige Helfer seinem nächsten Einsatz. Es ging darum, weiter in das Unglücksgebiet vorzudringen. So war die Gemeinde Mayschoß auf herkömmlichem Weg nicht mehr zu erreichen: „Es gab vor dem Hochwasser eine Bahnstrecke und auch eine Straße, die in den Ort führten. Beide wurden allerdings zerstört.“ In einem Lieferwagen machte sich Stengele mit einem Begleiter auf, um über kleine Wege in den umliegenden Wäldern und Weinbergen eine sichere Zufahrt in die Ortschaft zu finden. Die Suche gestaltete sich erfolgreich, allerdings gerieten die Helfer dabei selbst in eine Notlage. Denn auf einem feuchten Wegstück blieb ihr Fahrzeug im Schlamm stecken. Erst ein Landwirt konnte Stengele und seinen Begleiter mit einem Traktor aus der misslichen Lage befreien.

“Was wir gesehen haben, lässt sich eigentlich nicht beschreiben.”

Markus Stengele, Feuerwehrmann

Der Zusammenhalt der Menschen in dem Krisengebiet hat den Feuerwehrmann beeindruckt. So wie der Landwirt, der ihm im Wald geholfen hat, hätten auch alle anderen Bauern in der Region mit ihren Traktoren bei den Bergungs- und Aufräumarbeiten geholfen. Auch lokale Unternehmer hätten ihr schweres Gerät zur Verfügung gestellt und sich bei der Beseitigung von Schlamm, Schutt und anderen Hindernissen beteiligt. Andernorts hätten Gaststätten oder Metzger Verpflegung für die bis zur Erschöpfung arbeitenden Helfer bereitgestellt.

Gute Kommunikation mit den Einsatzkräften anderer Organisationen war gefragt.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
Gute Kommunikation mit den Einsatzkräften anderer Organisationen war gefragt. @fire/Stengele

Für Pausen blieb jedoch nur wenig Zeit, denn schon am dritten Tag rückten die Kräfte von „@fire“ weiter vor. In der Gemeinde Rech machten sich die Helfer ein Bild von den Zerstörungen durch die Flut. Häuser, Brücken und andere Bauwerke waren vom Wasser dem Erdboden gleichgemacht worden. Mit Unterstützung von einheimischen Experten wurde bei der Erkundung festgelegt, wo am dringendsten Hilfe gebraucht wird. Zudem wurde für andere Organisationen wie etwa die Bundeswehr oder das THW Aufklärung betrieben. So wurde etwa abgeklärt, wo der beste Standort für eine Pionierbrücke über den Fluss sein könnte, wo geeignete Hubschrauberlandeplätze waren oder welche Gebäude einsturzgefährdet sind.

Technische Einsatzleitung

Die Zusammenarbeit der Rettungskräfte hat gut funktioniert, betont Stengele. Im Örtchen Kalenborn – nördlich des Ahrtals gelegen – war die technische Einsatzleitung stationiert, bei der alle Fäden zusammenliefen. Dort war ein Sammelpunkt, von dem aus die Hilfskräfte ins Katastrophengebiet ausgerückt sind. „Permanent sind Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht angekommen und abgefahren. Es war oft schwierig zu wissen, wer überhaupt Vorfahrt hat, sodass die Polizei schließlich den Verkehr geregelt hat“, schildert der gebürtige Nofler seine Eindrücke.

In Rech haben sich die Helfer von "@fire" mit lokalen Experten ein Bild der Lage gemacht.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
In Rech haben sich die Helfer von "@fire" mit lokalen Experten ein Bild der Lage gemacht. @fire/Stengele

Nichtsdestotrotz liefen die Einsätze in den überfluteten Regionen Hand in Hand ab. Das zeigte sich auch am vierten Einsatztag. Gemeinsam mit mehreren Kameradinnen und Kameraden war er im Städtchen Bad-Neuenahr-Ahrweiler tätig. In der Altstadt galt es, die Feuerwehr und das THW dabei zu unterstützen, eine mehrstöckige Tiefgarage auszupumpen und zu durchsuchen. Dabei zeigte sich, mit welchen Wassermassen die Betroffenen und Helfer zu kämpfen hatten. Schließlich war vor Ort eine riesige Pumpe im Einsatz, welche fähig ist, bis zu 11.000 Liter Schmutzwasser pro Minute zu befördern. Dennoch dauerte es eine Weile, um alle Ebenen der Tiefgarage wieder zugänglich zu machen. Stengele und seine Kollegen von „@fire“ waren in der Garage unter anderem mit Gasmessungen beauftragt. So wurde sichergestellt, dass das Bauwerk ohne Atemschutz betreten werden kann. „Das hat die Arbeit für die Feuerwehrleute sehr erleichtert“, erläutert der Vorarlberger.

11.000 Liter Schmutz-Wasser pro Minute kann diese große Pumpe befördern.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
11.000 Liter Schmutz-Wasser pro Minute kann diese große Pumpe befördern. @fire/Stengele

Nach mehreren Tagen mit Einsätzen direkt im Überschwemmungsgebiet und nur wenige Schlaf war für den freiwillgen Helfer am Dienstag und Mittwoch dann „kürzertreten“ angesagt, sofern dies bei einer derartigen Katastrophe überhaupt möglich ist. Am Stützpunkt von „@fire“ kümmerte sich Stengele um die Logistik und um das Personal.

Aufgaben im Hintergrund

Denn bei derartigen Großeinsätzen gibt es nicht nur am Ort des Geschehens viel zu tun. Auch im Hintergrund müssen viele Aufgaben erledigt werden. Sei es, für die Verpflegung der Helferinnen und Helfer zu sorgen, sei es, darauf zu schauen, dass die Betten und Schlafstätten sauber und ordentlich sind, sodass die müden Einsatzkräfte sich zumindest kurz von den Strapazen erholen können. Genauso muss natürlich das Material permanent gepflegt und in Schuss gehalten werden, damit es möglichst rasch wieder verwendet werden kann.

Am Stützpunkt galt es, alle verwendeten Gerätschaften wieder für den nächsten Einsatz vorzubereiten und in Schuss zu halten.  <span class="copyright">@fire/Stengele </span>
Am Stützpunkt galt es, alle verwendeten Gerätschaften wieder für den nächsten Einsatz vorzubereiten und in Schuss zu halten. @fire/Stengele

Eine wichtige Rolle spielt bei derartigen Katastrophen zudem die Kommunikation – sowohl mit den eigenen Kollegen als auch mit Einsatzkräften anderer Organisationen. In seinen ersten Tagen im Flutgebiet hatte Stengele wertvolle Erfahrung gesammelt. Er wusste, welche Wege mit welchen Fahrzeugen passiert oder wie Orte am besten erreicht werden können. Dieses Wissen gab er am Stützpunkt an andere Fahrer weiter. Die Kräfte von „@fire“ erstellten außerdem eine Karte des gesamten Einsatzgebietes, auf der aktuelle Informationen wie etwa der Zustand von Straßen und Wegen verzeichnet waren. Die Daten wurden von allen beteiligten Organisationen vor Ort genutzt, um die Einsätze zu planen und über die aktuelle Lage im Katastrophengebiet Bescheid zu wissen.

Hans Kohler und Markus Stengele unterstützen die Kameraden in Deutschland mit ausrangierter Einsatzkleidung aus dem Ländle. <span class="copyright"> @fire/Stengele </span>
Hans Kohler und Markus Stengele unterstützen die Kameraden in Deutschland mit ausrangierter Einsatzkleidung aus dem Ländle. @fire/Stengele

Nach den beiden Tagen am Stützpunkt von „@fire“ neigte sich der Einsatz von Stengele langsam dem Ende zu. Am Donnerstag hatte er noch einige kleinere Aufgaben zu erledigen, ehe er sich am Freitag dann wieder auf den Heimweg machte. Mittlerweile sind alle Einsatzkräfte des gemeinnützigen Vereins wieder nach Hause zurückgekehrt. Ihre Arbeit ist jedoch noch nicht ganz beendet. Denn die Mitglieder von „@fire“ wollen ihre Feuerwehrkollegen aus dem Krisengebiet weiter unterstützen. Denn durch das Hochwasser wurden auch mehrere Feuerwehrhäuser in den betroffenen Ortschaften zerstört. Mit diesen zusammen wurden auch Gerätschaften und selbst die Einsatzkleidung Opfer der Wassermassen. Nun sammeln die Mitglieder von „@fire“ Material, um ihren Kameradinnen und Kameraden zu helfen, möglichst rasch wieder einsatzfähig zu sein.

Ausrangierte Einsatzkleidung

Mit Unterstützung des ehemaligen Rankweiler Bürgermeisters Hans Kohler und dessen „Projekt Moldawien“ konnte Stengele auch nachträglich einen Beitrag leisten. 30 Garnituren ausrangierter Einsatzkleidung wurden aus Vorarlberg in das Flutgebiet geschickt. Auch wenn der Feuerwehrmann nun seit mehr als zwei Wochen wieder in der Heimat ist, wird er die Eindrücke aus dem Hochwassergebiet nicht so schnell vergessen. „Was wir dort gesehen haben, lässt sich eigentlich nicht beschreiben“, sagt er.
Doch trotz der Not und Zerstörung im Krisengebiet hat Stengele auch viele positive Erinnerungen an den Zusammenhalt und die Dankbarkeit, die den Helferinnen und Helfern entgegengebracht wurde, mitgenommen. Diese Erinnerungen geben Kraft für mögliche nächste Einsätze. Denn es wäre durchaus möglich, dass „@fire“ bereits in Kürze erneut alarmiert wird, um bei der Bekämpfung der Waldbrände in Südeuropa mitzuhelfen. Stengele wäre für diese Aufgabe jedenfalls wieder gerüstet.

Weitere Informationen zu „@fire“ gibt es auf: https://at-fire.de