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Pionier für ein besseres Wohnen

10.08.2021 • 19:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Blick in die Ausstellung im vai. <span class="copyright">Darko Todorovic</span>
Blick in die Ausstellung im vai. Darko Todorovic

Rudolf Wäger wird mit einem Buch und einer Schau gewürdigt.

Ob man eine wichtige Pionierleistung erbracht hat, das weiß man immer erst im Nachhinein, sagt Verena Konrad. Für die Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts (vai) ist es von großer Bedeutung, Pionierleistungen der Vorarlberger Architektur sichtbar zu erhalten, meint sie bei einem Besuch in der Ausstellung „Rudolf Wäger. Baukünstler“. Die Schau ist Teil einer umfassenden Aufbereitung des Vorlasses des 2019 verstorbenen Baukünstlers. Dieser Vorlass liegt im Architekturzentrum Wien (Az W), das zusammen mit dem vai eine Publikation herausgegeben hat. Architekturvermittlerin Martina Pfeifer Steiner und Architektin Marina Hämmerle sind die Autorinnen dieses Werks, die Fotografien stammen von dem Feldkircher Architekten Markus Gohm. Bereits vor Wägers Tod begann die Arbeit an dem Buch, posthum wurde es fertiggestellt.

Rudolf Wäger. <span class="copyright">Martina Pfeifer Steiner</span>
Rudolf Wäger. Martina Pfeifer Steiner

Das Buch liegt in der Schau auf, zudem gibt es informative Videos, die Wäger im Gespräch zeigen. Baupläne geben einen detaillierten Einblick in dessen Baupraxis, ausgewählte Fotografien und Zitate sind an den Wänden angebracht. Dazu gibt es Vitrinen, in denen Holzskulpturen von Wäger zu sehen sind. Gestaltet ist die Ausstellung mit viel Holz – ein zentrales Material des als Zimmermann ausgebildeten, 1941 geborenen Götzners. Obwohl er 120 Gebäude beziehungsweise deren Umbau entworfen hat, wird Wäger nicht als Architekt bezeichnet, erklärt Konrad: Als Architektur-Autodidakt gehörte er nicht der Kammer an.

Widerstand

Architektur, die sozioökonomische Kriterien mit einbezieht, reduzierte Formen und viel Holz – was heute selbstverständlich zur Vorarlberger Baukultur dazugehört, konnte in den 1960er-Jahren Skandale auslösen. Als Vertreter der Neuen Vorarlberger Bauschule war Wäger ein wichtiges Bindeglied zwischen seinen etwas älteren Kollegen, wie Jakob Albrecht, Hans Purin oder den C4 Architekten, und der nächsten progressiven Architektengeneration ab Ende der 70er-Jahre, wie der Architekturforscher Otto Kapfinger in dem Buch schreibt. Präzision, Einfachheit und Ehrlichkeit prägten das Schaffen Wägers, genauso wie sein Ursprung als Handwerker, erklärt Konrad. Wäger wollte nicht provozieren, er war kein radikaler und lauter Rebell, so der Tenor seiner Zeitgenossen – und doch trafen seine visionären Bauten immer wieder auf Widerstand. Sein über die Grenzen blickender Intellekt und seine linksgerichteten politischen Ansätze stießen bei der konservativen Mehrheit auf wenig Verständnis.

Auch Videos sind in der Schau zu sehen.<span class="copyright"> Darko Todorovic</span>
Auch Videos sind in der Schau zu sehen. Darko Todorovic

Konflikte erzeugte bereits das Würfelhaus in Götzis, das Wäger 1965 für sich und die Familie gebaut hatte. Der kleine Kubus war eines der ersten Häuser mit Flachdach im Ländle, merkt Konrad an. Das war offenbar schon zu viel für die Leute, es gab „heftige Reaktionen“ und Probleme mit den Behörden, wie Wäger selbst in einem Video­porträt von Ingrid Adamer erzählte. Ein Modell des Hauses ist in der Schau zu sehen.

Die Siedlung Ruhwiesen in Schlins. <span class="copyright">Markus Gohm</span>
Die Siedlung Ruhwiesen in Schlins. Markus Gohm

Wohngemeinschaften galten zu der Zeit noch als ein Format für Hippies, Eigentümergemeinschaften, die sich für Siedlungsbauten zusammenschlossen, bildeten einen Kontrast zur Einfamilienhausmentalität. Zu den bekanntesten Siedlungen Wägers gehört die Siedlung Ruhwiesen in Schlins (1972), die in der Ausstellung einen prominenten Platz hat. Ursprünglich als dreigeschossige

Anlage geplant, musste Wäger aufgrund des Widerstands der Gemeindeplanung die Pläne bis auf ein Geschoss reduzieren. Die rationale Konstruktion macht die Siedlung aus, trotz der relativ niedrigen Wände der Bungalows profitieren die Bewohner noch heute von der großzügigen und durchlässigen Raumatmosphäre.
Schlussendlich ging es ihm um ein besseres Wohnen, sagte Wäger in Adamers Filmporträt. Ausgangspunkt dafür war für den Handwerker stets die Konstruktion: einfach, klar, und ökonomisch.

Rudolf Wäger

Die Ausstellung ist bis 4. September im vai in Dornbirn zu sehen. Di. bis Fr., 14 bis 17 Uhr, Do. bis 20 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr geöffnet. Eine Exkursion gibt es am Samstag, den 21. August.

Die Publikation „Rudolf Wäger. Baukünstler“ ist im Birkhäuser Verlag erschienen, umfasst 320 Seiten und 190 Abbildungen. Erhältlich im vai und im Buchhandel (49,95 Euro).