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Liebe, Hoffnung, Schmerz und Tod

11.08.2021 • 19:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Enorm flexibel: Das Vokalensemble The Present im Kunsthaus Bregenz.<span class="copyright">Anja Köhler</span>
Enorm flexibel: Das Vokalensemble The Present im Kunsthaus Bregenz.Anja Köhler

Berliner Ensemble The Present war zu Gast beim Konzert im KUB der Festspiele.

Schmerzhafte Reibeklänge gibt es bei Carlo Gesualdo ebenso wie bei Sidney Corbett: Der eine war ein süditalienischer Fürst der Renaissancezeit, der den Mord an seiner Gattin und andere Seelenqualen in Töne fasste. Der andere stammt aus Chicago, lebt und unterrichtet seit vielen Jahren in Deutschland und hat Gedichte der hochbegabten, aus Uruguay stammenden Dichterin Delmira Agustini vertont. Sie schrieb in ihren Gedichten von Erotik und Tod und wurde 1914, im Alter von 28 Jahren, von ihrem Ex-Ehemann getötet. Corbett ist im Musiktheater zu Hause, seine Madrigale für drei Frauenstimmen sind höchst anspruchsvoll in Intonation und Ambitus und wurden auf faszinierende Weise dargeboten.

Querverbindungen

Das waren nicht die einzigen Brückenschläge vom 16. ins 21. Jahrhundert, die das Vokalensemble The Present mit fünf Stimmen und einem „Saitenspieler“ (Lee Santana an Laute und Gitarre) unternahm: Der Programmzettel verband auf etwas kryptische Weise die Madrigale der italienischen und französischen Renaissance- und Frühbarockzeit und von Komponisten unserer Zeit mit der Traumerzählung des Francesco Colonna aus dem Jahr 1499, aus der Alexander Moosbrugger für sein Musiktheater „Wind“, das nächste Woche zur Uraufführung kommt, seine Inspiration hat. Querverbindungen oder auch schärfste Kontraste allenthalben in einem interessanten und durchkomponierten Programm, die sich wohl nur den Veranstaltern und den Ausführenden offenbarten – für das Publikum im Kunsthaus Bregenz aber wären ein paar Hinweise oder gar Texte hilfreich gewesen.

<span class="copyright">Anja Köhler</span>
Anja Köhler

Die Zuhörer konnten freilich auch „nur“ über den harmonischen Zusammenklang der Stimmen und deren stilistische Vielseitigkeit staunen, auch über die Raumwirkungen, die im KUB entstehen: Da fanden sich Sopranistin Olivia Stahn, Altistin Amélie Saadia, Tenor Tim Karweick und Bass Felix Schwandtke im intimen Ensemblegesang von Cipriano de Rores „O sonno“ auf der schwarzen Polsterbank zusammen. Gegenüber erging sich Hanna Herfurtner, begleitet von einem Schlagzeugzuspielband, in himmelsstürmenden Koloraturen und Sprechgesang des Schweizer Komponisten Wolfgang Heiniger: Von einer Reise nach Tahiti war die Rede, doch obwohl die Sängerin auch in höchsten Registern wortdeutlich agiert, verschwimmen die Worte im überakustischen Kunsthaus, die Energie überträgt sich natürlich.

Schmachtfetzen

Herfurtner gestaltet auch die weibliche Hauptrolle in Moosbruggers „Wind“ und ihr scheinen keine Grenzen vokalartistischer Art gesetzt. Ruhe im Zusammenklang von Alt und Tenor schenkte ein Zwiegesang aus dem französischen 16. Jahrhundert, während bei Clément Janequin ein ganzer Vogelschwarm tirilierte, zwitscherte und gurrte: Sprachfeuerwerk und musikalische Rhetorik der Renaissance, die die Kunst des Ensemblegesangs beleuchtete.

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Anja Köhler

Die Themen der Vokalmusik sind von jeher Liebe, Sehnsucht, Hoffnung, Schmerz und Tod – ob in den alten Madrigalen, in der zeitgenössischen Musik oder im Popsong: So sprang auch The Present lustvoll zwischen Marenzio, Corbett und Teddy Renos Schmachtfetzen „Baciami tre volte“ (mit Tenorsolo am Mikro und Backgroundsummen der Ladies). Und dass die „Blumenstudien“ der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti ebenfalls in enger Verbindung mit den schmerzerfüllten Madrigalen des Carlo Gesualdo stehen, ließ sich zwar hören, wurde aber erst in der Nachrecherche erklärt. Wie schon im Vorjahr erwies sich The Present als ­enorm flexibles Vokalensemble und wurde vom Publikum entsprechend gefeiert.