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16 weiße Orgel-Inseln und eine Yacht

12.08.2021 • 21:31 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Manche der Protagonisten in „Wind“ hielten Blumenkohl-Köpfe in den Händen: Ob das bei der fertigen Inszenierung auch so sein wird?<span class="copyright"> Dietmar Stiplovsek</span>
Manche der Protagonisten in „Wind“ hielten Blumenkohl-Köpfe in den Händen: Ob das bei der fertigen Inszenierung auch so sein wird? Dietmar Stiplovsek

Erste Einblicke in „Wind“ und Infos zum Opernstudio-Stück beim zweiten Pressetag.

Mit Spannung wird die Uraufführung von Alexander Moosbruggers Oper „Wind“ erwartet, durch den Ausfall der Bregenzer Festspiele im Vorjahr hat sich der Spannungsbogen noch verlängert. Am nächsten Donnerstag wird es schließlich soweit sein, wenn „Wind“ erstmals einem Publikum präsentiert wird. Pressevertreter konnten schon gestern beim zweiten Pressetag im Festspielhaus in dem von Künstlerin Flaka Haliti gestalteten Raum Platz nehmen, um einer Probe beizuwohnen. Dass dieses Werk etwas ganz Neues darstellt, das steht nun fest. Zudem blickte Intendantin Elisabeth Sobotka auf die bisherige Saison zurück, Näheres zur Opernstudio-Produktion „Die Italienerin in Algier“ gab es außerdem zu erfahren.

<span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Dietmar Stiplovsek

„Unglaublich gut“ findet Sobotka den Verlauf der bisherigen Spielzeit. Vor zwei Monaten hätte sich die Lage noch ganz anders gezeigt, auch sei sie nicht sicher gewesen, ob nach dem Pandemie-Jahr das Interesse des Publikums noch vorhanden sei. Diese Sorge ist offenbar besei­tigt, die Vorstellungen wären gut gebucht, so die Intendantin. Ein „wahnsinnig schönes Gefühl“ sei es, zusammen mit dem Publikum wieder auf diese „gemeinsame Reise“ durch das Programm gehen zu können. Was den Corona-Fall einer „Rigoletto“-Zuschauerin betrifft, der am 5. August bekannt wurde, so habe sich zum Glück kein Clus­ter bei den Kontaktpersonen ergeben, informierte Sobotka auf Nachfrage.

172 Pfeifen

Die Idee hinter „Wind“ sei, dass sich Künstler, die sich im „normalen“ Opernbetrieb nicht treffen würden, zusammenfinden um ein neues Musiktheaterwerk zu kreieren, wie die Intendantin erklärte. Vom Kunsthaus Bregenz wurde dafür Künstlerin Flaka Haliti „entsendet“, so Sobotka. Sie habe kein Bühnenbild entwickelt, sondern einen Raum geschaffen. In diesen ist die Orgel integriert, die von Wendelin Eberle und seinen Mitarbeitern bei der Firma Rieger konzipiert und gebaut wurde. Mit 16 Orgel-Inseln – so war es bei der Probe zu erleben – verteilt sich das Instrument über den gänzlich weiß gestalteten Raum, der Zuschauer sitzt an der seitlichen Tribüne quasi mitten im Instrument. Durch Schläuche gelangt der „Wind“ zu den insgesamt 172 Orgelpfeifen, manche dieser Elemente bewegten sich, ein wenig wie eine Ziehharmonika, in senkrechter Richtung.

Maria Barakova gibt die Isabella in der „Italienerin in Algier“. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Maria Barakova gibt die Isabella in der „Italienerin in Algier“. Dietmar Stiplovsek

Hagen Matzeit singt und spricht in der Rolle des Poliphilo, Hanna Herfurtner ist in der Rolle der Polia zu erleben, weitere Sänger sind involviert. Dazu gibt es mit Jürgen Sarkiss und Anna Clementi zwei Sprechrollen. Für die szenische Einrichtung zeichnet Leonora Scheib verantwortlich, an der Produktion beteiligt ist unter anderem auch das SWR Experimentalstudio.

Zwischenbereiche

Vom Sprechen zum Singen, vom Bühnenbild zum Raum, von der bildenden Kunst zum Theater – genau diese Zwischenbereiche seien so wesentlich für „Wind“, wie die Beteiligten im Anschluss erklärten. Genauso wenig könne das rätselhafte Buch „Hypnerotomachia Poliphili“ von 1499 eingeordnet werden: Niemand wisse, ob es nun ein Roman wäre, ein Buch über Architektur oder ein akademisches Werk, meint Haliti, die sich wie Komponist Moosbrugger eingehend damit befasst hat. Den Raum wollte sie als bildende Künstlerin gestalten, und bewusst Regeln der Bühnenbild-Arbeit umgehen. Die Farbe Weiß etwa sei sonst auf der Bühne eine heikle Farbe, wie Sobotka ergänzte.

Ein „Traum im Traum“ sei „Wind“, sagte Moosbrugger. Er hat sein Werk in Orgelsequenzen eingeteilt, gestern zu sehen war ein Proben-Ausschnitt aus der dritten Sequenz „Die Vermessung des Raums“. Dies sei eine akustische Vermessung, in der sich verschiedene Klänge verschränken würden. Durch die so entstehenden Verstimmungen würden im Raum Schwingungen erzeugt, erklärte der Komponist. Mehrere Ebenen, Zeiten, Perspektiven, Klangquellen, Tonalitäten und Stimmungen beinhalte dieses Werk.

Luxusyacht

Brigitte Fassbaender wiederum, Regisseurin des Opernstudio-Stücks, entführt das Publikum auf eine Luxusyacht, wie sie verriet. „Sehr nahe an unserer Zeit“ habe sie die Rossini-Oper inszeniert, das fragwürdige Frauenbild darin wolle sie umgehen, die Figur der Elvira (Sarah Yang) sei ja schon bedauernswert genug. Als Vorbild habe ihr die Beziehung von Aristoteles Onassis und Maria Callas gedient, deshalb auch die luxuriöse Yacht.

Zum Glück, so Fassbaender, sei Isabella eine emanzipierte Frauenfigur. Für die russische Sängerin Maria Barakova sei es eine große Ehre, diese Rolle im Opernstudio singen zu können, wie sie sagte. Seit zwei Jahren bereite sie sich auf die Rolle vor, nun gelte es, mit Fassbaender und Jonathan Brandani die Farben und Facetten des Parts herauszuarbeiten. Der musikalische Leiter schwärmte wie die Regisseurin von den jungen Sängern. Sie seien sehr talentiert und würden mit viel Freude Neues ausprobieren. Rossinis Komposition biete viele Möglichkeiten für Ornamentationen und Tempoänderungen. Auch witzig sei die Musik – was sich gut für die jungen Talente eignen würde, meinte Fassbaender: Sie könnten frei improvisieren und die Situationskomik „wunderbar bedienen“. Das Ergebnis der Opernstudioarbeit – für diese Schiene wurden ja kürzlich Sobotka und die Festspiele prämiert – feiert am Montag Premiere. Für den Mittwoch und Freitag gibt es noch Karten (www.bregenzerfestspiele.com).