Allgemein

Vermittler zwischen den Welten

14.08.2021 • 19:57 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
In der neuen Funk­tion trägt Gerold Hämmerle statt drei Sternen den Äskulapstab auf der Schulter.<span class="copyright">Stiplovsek</span>
In der neuen Funk­tion trägt Gerold Hämmerle statt drei Sternen den Äskulapstab auf der Schulter.Stiplovsek

Gerold Hämmerle ist seit Kurzem neuer Landesfeuerwehrarzt in Vorarlberg

Noch ein bisschen ungewohnt ist es für Gerold Hämmerle, wenn er auf die Schulter des Hemds seiner Feuerwehruniform schaut. Normalerweise sieht er dort ein Abzeichen mit drei goldenen Sternen auf rotem Grund. Seit 2016 trägt er dieses als Zeichen dafür, dass er Kommandat der Feuerwehr Dornbirn ist. Seit Kurzem kann auf den Schulterstücken seines Hemds aber auch noch ein anderes Abzeichen prangern: ein silberner Äskulapstab auf gelbem Grund und mit schwarzem Rahmen. Denn im Juli wurde Hämmerle, der beruflich als geschäftsführender Oberarzt an der Abteilung für Gefäßchirurgie am Landeskrankenhaus Feldkirch tätig ist, zum neuen Landesfeuerwehrarzt bestellt.

Der Landesfeuerwehrarzt trägt als sichtbares Zeichen seiner Funktion den Äskulapstab auf der Schulter. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Der Landesfeuerwehrarzt trägt als sichtbares Zeichen seiner Funktion den Äskulapstab auf der Schulter. Stiplovsek

In dieser Funktion ist der Mediziner vor allem als Berater für die Verantwortlichen im Landesfeuerwehrverband im Einsatz. In den Zuständigkeitsbereich des Landesfeuerwehrarztes fallen beispielsweise die Tauglichkeitsuntersuchungen für Feuerwehrleute. Besonders von Bedeutung sind dabei jene für die Atemschutzträger. Denn diese stehen im Einsatz unter extremer Belastung und müssen dementsprechend fit sein. Es gibt daher genaue Vorgaben, wie die Untersuchung durchgeführt werden muss und welche Voraussetzungen zu erfüllen sind, um diese zu bestehen. Ebenso wird vom Landesfeuerwehrarzt eine Liste mit Medizinern geführt, die die Untersuchung zur Atemschutztauglichkeit durchführen.

Soziale Funktion

Nicht ganz so streng sind die Vorgaben, die zur Erlangung der allgemeinen Einsatztauglichkeit zu erfüllen sind. Diese gelten für alle neu in eine Wehr eintretenden Florianijünger. Die diesbezüglichen Regelungen gehen auf die Feuerpolizeiordnung aus dem Jahr 1949 zurück. So können „körperliche oder geistige Gebrechen“ einem Einsatz bei der Feuerwehr entgegenstehen. Wie diese Gebrechen aussehen, wird jedoch nicht näher definiert. „Die Ärzte sind heute bei der Auslegung der Regelung sehr großzügig. Und das ist gut so“, sagt Hämmerle. Schließlich stehen nicht alle Feuerwehrleute bei Einsätzen in der ersten Reihe. Es müssen auch zahlreiche andere Aufgaben erledigt werden. So spricht nach Angaben des Landesfeuerwehrarztes nichts dagegen, dass beispielsweise ein Rollstuhlfahrer bei einem Einsatz seinen Dienst in der Funkzentrale – im Feuerwehrjargon auch Florian genannt – verrichtet. Die Wehren können auf diese Weise auch eine soziale und integrative Funktion erfüllen, ist der Mediziner überzeugt.

Bewusstseinsbildung

Eine weitere wichtige Aufgabe für den Landesfeuerwehrarzt ist, mögliche gesundheitliche Risiken für Feuerwehrleute zu erkennen und entsprechende Bewusstseinsbildung zu betreiben. Als Beispiel nennt Hämmerle die zunehmende Verwendung von Kohlefaserverbundstoffen beim Fahrzeugbau. Wenn diese Materialien etwa bei einem Unfall geschnitten werden müssen, können gefährliche Stäube entstehen, gegen die sich Feuerwehrleute mit Masken schützen sollten.

Aufklärungsarbeit

Eine weitere wichtige Aufgabe für den Landesfeuerwehrarzt ist, mögliche gesundheitliche Risiken für Feuerwehrleute zu erkennen und entsprechende Bewusstseinsbildung zu betreiben. Als Beispiel nennt Hämmerle die zunehmende Verwendung von Kohlefaserverbundstoffen beim Fahrzeugbau. Wenn diese Materialien etwa bei einem Unfall geschnitten werden müssen, können gefährliche Stäube entstehen, gegen die sich Feuerwehrleute mit Masken schützen sollten.

Ein weiteres Thema ist in diesem Zusammenhang auch eine vor allem in den USA und mittlerweile auch in Deutschland laufende Diskussion über das Krebsrisiko von Berufsfeuerwehrleuten. Denn sie haben Studien zufolge eine geringere Lebenserwartung als der Durchschnitt der Bevölkerung. Als Ursache werden unter anderem giftige Rauchgase vermutet, denen die Einsatzkräfte bei Bränden ausgesetzt sind. Aber auch der stressige Arbeitsalltag mit einer Vielzahl von Einsätzen auch in der Nacht könnte eine Rolle spielen. In Vorarlberg sieht der Landesfeuerwehrarzt diesbezüglich kein Problem. Schließlich ist das Einsatzpensum der heimischen Florianijünger nicht mit jenem von Berufsfeuerwehrleuten in amerikanischen Großstädten zu vergleichen. Nichtsdestotrotz behält der Mediziner die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich im Auge. Zudem wird Aufklärungsarbeit betrieben. So wird etwa empfohlen, dass die Feuerwehrleute nach der Rückkehr ins Gerätehaus nach einem Brand nicht mit der benutzten Einsatzkleidung quer durch das Gebäude laufen oder diese noch Tage oder Wochen lang im Spind hängen lassen. Denn die Schadstoffe aus dem Rauch setzen sich auch in der Kleidung fest und werden dann nach und nach wieder abgegeben.

Leichtere Einsatzkleidung

Die Ausrüstung der Feuerwehrmänner und -frauen ist laut Hämmerle auch noch aus einem anderen Grund ein wichtiges Thema. „Wenn Feuerwehrleute im Einsatz ums Leben kommen, ist es oft nicht so, dass sie beispielsweise nicht mehr aus einem brennenden Gebäude kommen, sondern vielfach ist ­ein Herzinfarkt die Todesursache“, erläutert der Experte. Ein Faktor ist dabei die Einsatzkleidung. Diese ist dick und schwer, um den Träger oder die Trägerin entsprechend zu schützen. Doch gerade in der heißen Jahreszeit kann dies auch zu einem Nachteil und einer körperlichen Belastung werden: „Da ist man manchmal schon durchgeschwitzt, wenn man sich ins Auto gesetzt hat, um zum Einsatzort zu fahren.“ Gerade bei technischen Einsätzen wie etwa nach Autounfällen sei es aber gar nicht notwendig, so schwere Schutzkleidung zu tragen. In Dornbirn wurde daher für derartige Situationen zusätzlich leichtere Einsatzkleidung als Alternative zur üblichen Schutzausrüstung angeschafft. Und diese hat sich bewährt, wie der Kommandant erklärt.

Beruflich ist Gerold Hämmerle geschäftsführender Oberarzt in der Abteilung für Gefäßchirurgie am LKH Feldkirch. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Beruflich ist Gerold Hämmerle geschäftsführender Oberarzt in der Abteilung für Gefäßchirurgie am LKH Feldkirch. Stiplovsek

Ein weiteres Anliegen ist dem Landesfeuerwehrarzt auch die Zusammenarbeit mit der Rettung. Diese funktioniert in Vorarlberg sehr gut. Regelmäßig wird auf den unterschiedlichsten Ebenen gemeinsam geübt. Am Einsatzort sind die Aufgaben zwischen Feuerwehr und Rettung klar getrennt: die Bergung von Personen ist Aufgabe der Feuerwehr, die medizinische Versorgung übernimmt die Rettung. Wichtig ist im Ernstfall, dass alle Beteiligten eine „gemeinsame Sprache“ sprechen, betont Hämmerle und erläutert dies an einem Beispiel: Muss etwa bei einem Verkehrsunfall eine Person aus einem Auto geborgen werden und der Notarzt spricht davon, dass dies schnell gehen muss, meint er damit einen Zeitraum von ungefähr zwei Minuten. Für Feuerwehrleute heißt eine schnelle Bergung dagegen, dass diese mitunter bis zu 15 Minuten in Anspruch nimmt. Es ist also wichtig, dass die Betroffenen ein gegenseitiges Verständnis dafür entwickeln, wovon jeder Beteiligte spricht und wozu jeder fähig ist. Der Mediziner sieht sich hier in der Rolle als Vermittler, da er beide Seiten der Medaille kennt.

Aktuelle Entwicklungen verfolgen

Zudem legt er Wert darauf, dass die Patienten-orientierte technische Rettung gemeinsam stetig weiterentwickelt und dem aktuellsten Erkenntnisstand angepasst wird. Auch dies veranschaulicht Hämmerle mit einem Beispiel: War es vor Jahrzehnten noch so, dass Verletzte am Einsatzort vom Notarzt im Rettungswagen erst für den Transport stabilisiert wurden, so zählt heute vor allem Geschwindigkeit. Der Patient soll so schnell wie möglich vom Unfallort ins Krankenhaus und dort auf den OP-Tisch gebracht werden. Für den Landesfeuerwehrarzt gilt es daher, aktuelle Entwicklungen in der Forschung sowie im Feuerwehr- und Rettungswesen genau im Blick zu behalten und dann darauf zu reagieren. In seiner neuen Funktion wird dem Mediziner die Arbeit also nicht so schnell ausgehen. Zugleich kann er sich darüber freuen, in einem sehr abwechslungsreichen Themenbereich tätig zu sein.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.