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„Die Honorare sind nicht das Problem“

15.08.2021 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die einzige Kassenkinderärztin in Feldkirch wird Ende des Jahres ihre Praxis schließen.<span class="copyright"> <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">Hartinger</span></span>
Die einzige Kassenkinderärztin in Feldkirch wird Ende des Jahres ihre Praxis schließen. Hartinger

Manfred Brunner über Kinderarzt-Problematik in Feldkirch.

Sind Sie über die Vertragskündigung der einzigen Kassen-Kinderärztin in der Stadt Feldkirch informiert?
Manfred Brunner:
Ja, das ist mir bekannt. Die Stelle ist noch bis 31. Dezember 2021 besetzt. Wir werden alles unternehmen, um bis dahin eine Lösung zu finden.

Die Ärztin klagt über zu große Arbeitsbelastung.
Brunner:
Ich glaube nicht, dass die betreffende Ärztin im Schnitt mehr Patienten hat als andere Kassenärzte. Im Gegenteil.

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Hartinger

Die seit einem Jahr unbesetzte zweite Planstelle in der Stadt Feldkirch wurde im Juni einmal mehr im Deutschen Ärzteblatt ausgeschrieben. Haben sich Interessenten gemeldet?
Brunner:
Nein, leider. Es haben sich keine Bewerber gemeldet.

Was wird die ÖGK tun, damit die 35.000-Einwohner-Stadt Feldkirch ab Anfang 2022 nicht ohne Kinderarzt dasteht?
Brunner:
Wir haben vielfältige Arbeitsmodelle im niedergelassenen Bereich geschaffen. Es gibt Job-Sharing-Modelle, Gemeinschaftspraxen oder Teilstellen für im Krankenhaus tätige Kinderfachärzte. Auch eine Lehrpraxis-Möglichkeit für Turnusärzte des LKH Feldkirch haben wir im Einvernehmen mit der Krankenhausbetriebsgesellschaft geschaffen. Wir hoffen, dass diese Modelle auf fruchtbaren Boden fallen. Ein pädiatrisches Zentrum wie in Dornbirn wäre ebenfalls möglich. Da bräuchte es halt einen engagierten Arzt, der das in die Hände nimmt. Wir können keine Mediziner herzaubern. Aber wir werden Gespräche mit potenziellen Interessenten führen.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Feldkircher Eltern wenigstens zu Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen und Impfungen kommen? Das Landeskrankenhaus hat gegenüber der NEUE mitgeteilt, dass diese Leistungen nicht übernommen werden können.
Brunner:
Das ist noch nicht abschließend besprochen. Da werden wir allenfalls noch Gespräche mit der Krankenhausbetriebsgesellschaft führen. Im Notfall muss so etwas möglich sein.

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Hartinger

Welche Möglichkeiten gibt es noch?
Brunner:
Wenn nach einem Ausscheiden eines Arztes niedergelassene Kollegen im Umkreis die Leistungen übernehmen, so wird das besonders gut honoriert. Damit haben wir einen Anreiz gesetzt, um unversorgte Patienten zu übernehmen.

Neben den fehlenden Ausbildungsplätzen werden die Kassenverträge immer wieder als Hauptursache für die immer schwieriger werdende Besetzung von Kassenstellen genannt. Verdienen Kassenärzte zu wenig?
Brunner:
Die Honorare sind nicht das Problem. Das ist ein Gerücht. Auch das Einkommen eines Kinderarztes ist ein sehr gutes.

Was ist dann das Problem?
Brunner:
Oft ist es die Angst vor der Selbstständigkeit. Aber auch da gibt es Möglichkeiten. Der aks (Anm.: Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin) könnte beispielsweise das Ordinationsmanagement übernehmen. Das wird andernorts in Vorarlberg bereits so praktiziert und kommt für den Arzt sogar kostengünstiger, als wenn er das selbst macht.

Inwieweit werden die anstehenden Pensionierungen das Problem des Ärztemangels verschärfen?
Brunner:
Die Pensionierungswelle hat 2014 begonnen. Seit damals haben wir 120 Stellen nachbesetzt, davon 30 zusätzliche Kassenstellen. In etwa fünf Jahren wird die Spitze erreicht sein, denke ich. Bis dahin werden wir uns wahrscheinlich weiterhin schwertun.

„In etwa fünf Jahren wird die Spitze der ­Pensionierungswelle erreicht sein, denke ich. Bis dahin werden wir uns wahrscheinlich weiterhin schwertun.“

Manfred Brunner, Landesvorsitzender ÖGK

Wie viele Kassenstellen gibt es in Vorarlberg, und wie viele davon sind zum derzeitigen Zeitpunkt unbesetzt?
Brunner:
In Vorarlberg gibt es 340 Vertragsärzte, 10 Kassenstellen sind unbesetzt.

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Hartinger

Ein besonderes Problem scheint es bei den Augenärzten zu geben. Allein in diesem Bereich sind sechs Stellen unbesetzt. Warum ist das so?
Brunner:
Da haben wir ein substanzielles Problem im Ausbildungsbereich. Da gibt es einfach zu wenig Output.

Was erwarten Sie sich vom Land als Dienstgeber der Spitalsärzte?
Brunner:
Wir wünschen uns, dass Spitalsärzten Spielraum für die Ausübung einer Teilkassenvertragsstelle geboten wird, anstatt neben der Spitalstätigkeit Privatordinationen zu ermöglichen.

Hätte man das Problem der unbesetzten Kassenstellen in Vorarl­berg vor der Kassenfusion besser in den Griff bekommen können?
Brunner:
Die Situation am Ärztestellenmarkt hat nichts mit der Organisationsform der Sozialversicherung zu tun.

Zur Person

Manfred Brunner (Jahrgang 1962), ein gebürtiger Höchster, ist Landesvorsitzender der Österreichsichen Gesundheitskasse (ÖGK). Vor der Zentralisierung der Kassen ewar er jahrelang Obmann der Vorarlberger Gebietsskrankekasse (VGKK). Brunner ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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