Allgemein

„Ich habe in den Sternenhimmel geschaut“

15.08.2021 • 09:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
„Ich habe in den Sternenhimmel geschaut“
Bettina Plank hat in Tokio mit ihrer Bronzemedaille Vorarlberger Sportgeschichte geschrieben. GEPA

Am 5. August gewann Bettina Plank Bronze in Klasse bis 55 Kilogramm.

Es ist jetzt zwei Wochen her, dass wir als Ausblick auf Ihren olympischen Wettkampf ein Interview führten. Sie machten damals den Eindruck, dass Sie am Punkt sind, mein Gefühl war, Sie holen eine Medaille.
Bettina Plank:
Am Punkt war ich, das stimmt, ich war mir aber sehr unsicher, zu was das reichen kann. Ich bin sehr angespannt in den Wettkampf, wobei es eine positive, eine schöne Anspannung war, fast ein wenig vergleichbar mit einem Prickeln. Mein Weg zu den Olympischen Spielen war lang, natürlich mit Blick auf meine Karriere, aber auch, was das Frühjahr betrifft. Mir war wichtig, dass ich unabhängig vom Resultat eine richtig starke Leistung im Nippon Budokan zeige. Ich war froh, dass ich auf der Matte stehen durfte, um den Wettkampf aller Wettkämpfe zu bestreiten.

Sind Sie stolz auf sich?
Plank:
Ja, das bin ich wirklich. Ich bin stolz auf mich und mein Team. Wir haben es gemeinsam geschafft, dass, wie Sie es richtig sagen, ich am Punkt da war. Es ist ein großes Privileg, dass mir bei Olympia alles so aufgegangen ist, wie sich das jeder Sportler vor seinem Antreten bei den Spielen erträumt, aber nur wenige erreichen können. Mein Medaillengewinn ist wie ein Märchen, dadurch hat diese lange Reise, das lange Abenteuer doch noch ans Ziel meiner Träume geführt.

Sie hatten ja eigentlich schon mit den Spielen abgeschlossen, weil Sie die Qualifikation verpassten, und waren dann perplex, als Sie doch noch einen Startplatz bekamen. Hätten Sie es damals geglaubt, wenn Ihnen wer gesagt hätte, dass Sie eine Medaille gewinnen?
Plank:
Wo denken Sie hin. (lacht) Niemals! Ich war so weit weg davon, überhaupt in Tokio kämpfen zu können, weil ich mental völlig leer war. Eine Medaille war illusorisch. Ich habe mich in Tokio nicht auf der Matte gesehen, und war auch der Meinung, dass ich da gar nicht hingehöre. In den Jahren davor hätte ich es mir verdient gehabt, unsere Sportart bei Olympischen Spielen zu vertreten. Ja. Aber doch nicht nach so einem Frühjahr. Ich wollte nicht nach Tokio. Mein Trainer Juan Luis hat es dann aber in den acht Wochen bis zum Tag X, dem Wettkampf geschafft, mich in vielen kleinen Schritten wieder auf die Reihe zu bekommen. Wie er das geschafft hat, weiß nur er. Ich hatte in Japan keinen Moment der Zweifel mehr.

In Japan haben Sie zunächst in Kameoko ein Trainingslager absolviert und sind erst drei Tage vor Ihrem Wettkampf ins olympische Dorf übersiedelt. Der Reisetag von Kameoko nach Tokio dürfte sehr aufregend gewesen sein, weil das ja wirklich das letzte Signal war: Jetzt geht’s los?
Plank:
Ganz genau so war es. Kameoko war so wichtig für mich, und damit meine ich nicht nur die sehr guten Trainingsbedingungen. Die Menschen dort waren so nett zu mir, sind so achtsam mit mir umgegangen. Eine solche Wertschätzung habe ich noch nie erfahren. Ich kann das gar nicht beschreiben, die Menschen haben mir ein gutes Gefühl gegeben, sie haben mich bestärkt und gestärkt. Ich weiß gar nicht, ob ich das erzählen darf, auf dem Weg von unserem Hotel zur Trainingshalle sind sie mit uns bei einem Tempel stehengeblieben. Eigentlich durften wir uns nur im Hotel und in der Trainingshalle aufhalten. Doch weil der Tempel menschenleer war, führten sie uns in den Tempel und zeigten uns, wie bei ihnen gebetet wird.

Das klingt nach einem sehr spirituellen Moment?
Plank:
Ja, spirituell und kraftvoll. Ich war und bin sehr dankbar für dieses Erlebnis. Die Menschen in Kameoko schenkten mir so viele Glücksbringer, der Bürgermeister hat eine Fahne gezeichnet. Ich habe viele Gesten der Unterstützung erlebt, das hat mich zutiefst berührt.

Gibt es so was wie eine schönste Erinnerung an Tokio?
Plank:
Es ist fast unmöglich, einen einzigen Augenblick rauszupicken. Es gab so viele wunderschöne Momente. Wenn ich aber so darüber nachdenke, der allerschönste war wahrscheinlich, als klar war, dass ich eine Medaille gewonnen habe. Da ist alles aus mir rausgebrochen. Da habe ich einfach geweint. Ich habe meinen Trainer Juan Luis umarmt und war so dankbar, dass ich ihm mit dieser Medaille etwas zurückgeben konnte. Wir haben so einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt, haben so hart gearbeitet; die Olympiamedaille ist die ganz große Belohnung dafür.

Wie haben Sie die Siegerehrung erlebt?
Plank:
Es war ein einzigartiger Moment. Einfach magisch. Allein schon davor, als ich wusste, dass ich auf dem Podest oben stehen darf und mir jetzt gleich eine Medaille umhängen darf. Ich habe mir gesagt, dass ich versuchen will, diese Momente so gut ich kann festzuhalten. Damit ich mich mein ganzes Leben lang daran erinnern kann. Ein Bild, das sich bei mir von der ­Siegerehrung eingebrannt hat, ist, wie der österreichische Schiedsrichter Alois Wiesböck geweint hat. Es hat mich beeindruckt, wie stolz viele Menschen auf mich sind.

Nach Ihrem Medaillengewinn warteten viele Verpflichtungen bis spät in die Nacht auf Sie, die Online-Pressekonferenz begann um 1.30 Uhr und dauerte bis nach 2 Uhr. Wann hatten Sie den ersten Moment für sich?
Plank:
Nach der Pressekonferenz bin ich mit ein paar Leuten vom ÖOC im olympischen Dorf zu den Ringen gegangen. Das war der klassische Treffpunkt für diejenigen, die Party machen wollten. Wir haben uns dort bei der Wiese auf den Boden gelegt und in den Sternenhimmel geschaut. Das war der erste Moment, in dem ich etwas zur Ruhe gekommen bin. Wir haben geredet und geredet, ich konnte mir ein erstes Mal darüber klar werden, was gerade passiert ist. Realisiert habe ich es in diesem Augenblick noch nicht, dass ich tatsächlich eine Olympiamedaille gewonnen habe; das habe ich wahrscheinlich immer noch nicht. Das war ein wundervoller Abschluss eines ganz besonderen Tags. Es war warm und gemütlich, um vier Uhr herum wurde es hell. Wir sind bis sieben Uhr geblieben, dann habe ich mich zurückgezogen. Schlafen konnte ich zwei Tage lang nicht, weil ich viel zu aufgewühlt war.

„Ich habe in den Sternenhimmel geschaut“
GEPA

Bei der Pressekonferenz offenbarten Sie, dass Sie gar keine klaren Erinnerungen mehr an Ihre Kämpfe hätten und Sie sich die Kämpfe anschauen werden, um sich die Erinnerungen zurückzuholen. Haben Sie dafür schon Zeit gefunden?
Plank:
Noch nicht, es war gar nicht so einfach, die Aufnahmen zu bekommen. Hoffentlich finde ich bald Zeit, mir die Videos anzuschauen, ich freue mich schon sehr darauf, den Wettkampf nachzuerleben.

Ihr Terminkalender dürfte randvoll sein – wie gehen Sie damit um, dass Sie jetzt so im Mittelpunkt stehen und so viele Menschen von Ihnen etwas wollen?
Plank:
Das wird sich bald wieder normalisieren. (lacht) Aber es stimmt schon, aktuell prasseln sehr viel Termine rein. Ich sehe das aus verschiedenen Perspektiven. Auf privater Ebene bin ich enorm überrascht darüber, wie viele Menschen meinen Wettkampf verfolgt haben und wie viele sich von Herzen für mich mitfreuen. Ich habe zwei Tage gebraucht, um alle Nachrichten zu beantworten. Da sieht man, was für einen Unterschied es ausmacht, ob man bei einer EM oder WM eine Medaille gewinnt, oder bei Olympia. Selbst mein Europameister-Titel oder meine Goldmedaille bei den European Games wurden eigentlich nur in der Karatewelt registriert. Durch meine Bronzemedaille in Tokio wurde ich dagegen von der ganzen Sportwelt wahrgenommen, in Vorarlberg, in ganz Österreich heißt es: Wir haben eine Medaille gewonnen.

„Ich habe in den Sternenhimmel geschaut“
Afp

Wie klingt das für Sie?
Plank:
Diese kollektive Freude, dieses Wir-Gefühl ist vielleicht sogar das Schönste an der Medaille überhaupt. Es berührt mich zutiefst, wie viele Menschen ich erreicht habe. Die vielen öffentlichen Termine sind eine Folge daraus. Eigentlich würde ich ja gerne alles etwas sacken lassen, damit ich die Geschehnisse etwas besser greifen kann. Aber die große Aufmerksamkeit ist auch eine Chance für mich, denn jetzt werde ich gehört und kann mich bei vielen Menschen für ihre Unterstützung bedanken, wie meinen Eltern. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie jetzt auch über den Karatesport hinaus ein Vorbild sind?
Plank:
Es ist eine schöne Vorstellung, dass ich für andere Menschen eine Inspiration sein könnte – hoffentlich kann ich dieser großen Rolle gerecht werden. Im Herbst stehen drei Turniere in der Premier League an, im November findet in Dubai die WM statt. In mir brennt weiterhin das Feuer, ich habe immer noch Ziele. Jetzt brauche ich aber erst mal etwas Zeit, um alles zu verarbeiten, und will auch den Moment genießen. Danach werde ich wieder angreifen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.