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Direkt in die Arme der Taliban getrieben

21.08.2021 • 20:08 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Taliban posieren mit Waffen. Wie geht es für die Bevölkerung weiter?<span class="copyright">AP</span>
Die Taliban posieren mit Waffen. Wie geht es für die Bevölkerung weiter?AP

Afghanistan: Eine Analyse des Vorarlberger Nahost-Experten Thomas Schmidinger.

Eine Woche nach der kampflosen Übernahme Kabuls durch die Taliban steht fast ganz Afghanistan unter Kontrolle der Taliban. Lediglich im nördlich von Kabul gelegenen Pandschschir-Tal formiert sich um den Sohn des legendären Mujaheddin-Kommandanten Ahmed Shah Massoud und dem von dort stammenden bisherigen Vizepräsidenten Afghanistans, Amrullah Saleh, bewaffneter Widerstand und dann gibt es im Korangal-Tal noch die Präsenz des „Islamischen Staates“ in Afghanistan in der Kunar-Provinz, nahe der Grenze zu Pakistan.

Die Taliban im Präsidentenpalast in Kabul. <span class="copyright">AP</span>
Die Taliban im Präsidentenpalast in Kabul. AP

Der „Islamische Staat“ (IS), dem sich in Afghanistan 2014 einige abtrünnige ehemalige Taliban angeschlossen hatten, war einer der Gründe für die Annäherung Russlands, Chinas, aber auch der USA an die nunmehrigen neuen Machthaber des Landes. Im Gegensatz zu den auf Afghanistan und die paschtunischen Grenzregionen Pakistans konzentrierten Taliban, die nie einen Anschlag außerhalb ihrer Kernregion durchgeführt hatten und kein global agierendes jihadistisches Projekt darstellen, bildet der IS Afghanistans ein Teil einer global agierenden Terrororganisation, die von den Nachbarstaaten als weit größere Gefahr gesehen wurde als die Taliban. Während der IS um die Errichtung eines ­globalen „Khalifats“ kämpft, geben sich die Taliban mit einem „Emirat“ in Afghanistan zufrieden.

Die jihadistische Gefahr des IS war aber keineswegs der einzige Grund für den Rückzug der USA, die nach 20 Jahren erfolgloser Besatzung des Landes wohl genauso kriegsmüde waren wie die afghanische Bevölkerung, die nicht nur unter den Anschlägen der Taliban und des IS, sondern auch unter dem Drohnenkrieg der USA gelitten hatte.

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In die Arme der Taliban.

Trotz der Bilder von verzweifelten Afghanen am Flughafen von Kabul, die noch irgendwie versuchen, das Land zu verlassen, darf nicht vergessen werden, dass es sich dabei überwiegend um Angehörige der urbanen Mittel- und Oberschichten handelt, vielfach um so genannte „Ortskräfte“ der deutschen und amerikanischen Truppen und Angehörige der bisherigen Verwaltung, die sich vor Racheakten der Taliban fürchten. Unter diesen, aber auch unter den Angehörigen der schiitischen Hazara und anderer religiöser Minderheiten gibt es ebenso berechtigte Ängste vor den neuen Machthabern, wie unter jungen urbanen Frauen, kulturellen und politischen Aktivistinnen und Aktivisten. Daneben gibt es aber auch das ländliche Afghanistan, dessen Bevölkerung die letzten 20 Jahre am stärksten unter dem Krieg gelitten hat und immer wieder Opfer von Drohnen- und Luftangriffen wurde, die viel öfter Reisende, Nomaden oder ganze Hochzeitsgesellschaften trafen als tatsächliche Terroristen.

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Diese ländliche Bevölkerung konservativer sunnitischer Paschtunen, die nur wenig von der pro-amerikanischen Regierung profitierte, allerdings die Folgen des Krieges am stärksten zu spüren bekam, wurde durch diese Kriegsführung geradezu in die Arme der Taliban getrieben, die zumindest als Geschäftspartner für den Opiumanbau willkommen waren.

2001, am Ende ihres ersten „Islamischen Emirats“ hatten sich diese bereits sehr unbeliebt gemacht. Die Kriegsführung und Besatzungspolitik der USA und ihrer Verbündeten, sowie die Korruption der pro-amerikanischen Regierung, die jeweils nur ihr eigenes Klientel bediente, ermöglichte es aber den Taliban, sich als nationale Befreiungsarmee neu zu erfinden, die letztlich innerhalb weniger Wochen das Land weitgehend kampflos übernehmen konnte, als der Staat immer mehr zerbröselte.

Kriegsmüde

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich eine Mehrheit der Afghanen und vor allem der Afghaninnen eine Rückkehr zum extrem brutalen puritanischen System der Taliban der 1990er-Jahre wünschen würde. Die Mehrheit der Bevölkerung ist einfach kriegsmüde. Dass die Taliban zumindest in ihren offiziellen Ankündigungen derzeit sehr gemäßigte Töne anschlagen und eine „islamisch inklusive Regierung“ und Frauenrechte „im Rahmen der Scharia“ versprechen, ist nicht nur eine PR-Aktion gegenüber der internationalen Öffentlichkeit, sondern auch ein Signal an die eigene Bevölkerung, es diesmal anders machen zu wollen. Das Vertrauen großer Teile der afghanischen Bevölkerung gegenüber diesen Ankündigungen ist allerdings enden wollend. Nach den Erfahrungen der 1990er-Jahre genießen die Taliban im städtischen Bürgertum, aber auch in der Bergregion des schiitisch geprägten Hazarajat einen Misstrauensvorschuss, der wohl nicht durch schöne Worte, sondern nur durch Taten wettgemacht werden könnte.

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Aus den nun schon etwas länger unter Kontrolle der Taliban stehenden Städten kommen widersprüchliche Nachrichten. Während es in einigen Gebieten zu Morden an Journalisten und Taliban-Gegnern kommt, verhalten sich offenbar andere Kommandanten tatsächlich konzilianter als in den 1990er-Jahren. Zivile Proteste am Unabhängigkeitstag am 19. August zeigen, dass es durchaus auch eine Zivilgesellschaft gibt, die um ihre Rechte kämpfen will. Was eine „islamisch inklusive Regierung“ und „Frauenrechte im Rahmen der Scharia“ sind, wird sich jedenfalls an Taten und nicht an schönen Worten beurteilen lassen.

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Thomas Schmidinger. Thomas Schmidinger

Zum Autor

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Sozial- und Kulturanthropologe. Der Nahost-Experte aus Feldkirch ist im Bereich internationaler Politik Lehrbeauftragter an der Uni Wien. Er schreibt als Gastkommentartor in regelmäßigen Abständen für die NEUE am Sonntag.

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