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„Von der Gewerkschaft sollte differenziert werden“

21.08.2021 • 20:09 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Stubener Hotelier Markus Kegele ist seit letztem Jahr Tourismus-Spartenobmann.<span class="copyright"> </span><span style="background-color: rgba(111, 111, 111, 0.2); color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">Hartinger</span></span>
Stubener Hotelier Markus Kegele ist seit letztem Jahr Tourismus-Spartenobmann. Hartinger

Tourismus-Spartenobmann Markus Kegele über Ruf der Branche und Personalproblem.

Wie akut ist das Personalproblem im Tourismus in Vorarlberg?
Markus Kegele: Das Mitarbeiterproblem ist sehr akut im Moment. Das war es schon vor der Krise, aber nach der Krise ist es wirklich extrem akut.

Inwiefern hat Corona die Problematik verschärft?
Kegele: Mitarbeiter der Branche sind unsicher geworden, weil sie nicht mehr beschäftigt werden konnten und die Aussichten ebenso ungewiss waren. Das AMS hat darum Umschulungen angeboten, die viele genutzt haben. Nun fehlen uns insgesamt circa 60.000 Branchenmitarbeiter in ganz Österreich.

Von der Gewerkschaft wurden zuletzt schlechte Arbeitsbedingungen und geringes Gehalt kritisiert. Ist das so?
Kegele: Der Großteil der Betriebe zahlt Löhne weit über dem Kollektivvertrag. Für alle anderen gilt das Mindestgehalt. Hinzu kommen jedoch standardmäßig Boni, Überstundenpauschale, Kost und Logis – also Vollpension und Übernachtung – sowie Vorteile bei Freizeitaktivitäten. Außerdem wird sehr vielen Mitarbeitern eine Wohnqualität auf dem Niveau der Gäs­te geboten. Darum sollte auch von der Gewerkschaft differenziert werden, ob Bedingungen in Großstädten oder dem ländlichen High-Quality-Tourismus kritisiert werden, der uns in Vorarlberg auszeichnet.

Woher hat die Branche dann ihren offensichtlich nicht so guten Ruf?
Kegele: Wie schon betont – vom Ruf einer ganzen Branche zu sprechen, ist nicht differenziert, da sich das Gewerbe stark unterscheidet. Grundsätzlich sind wir eine Dienstleistungsbranche und arbeiten zu Zeiten, in denen andere Bevölkerungsteile Urlaub machen oder an Feiertagen. Das ist unser Geschäftsmodell und dessen sollte sich jeder bewusst sein. Auf der anderen Seite bietet der Beruf in dieser Branche sehr viele Entwicklungsmöglichkeiten, denn in kaum einer anderen Branche lernt man so viele Menschen kennen, kann auf der ganzen Welt tätig sein und Aufstiegschancen nutzen. Das fördern wir zum Beispiel durch internationale Kooperationsprojekte, wie in meinem Betrieb, wo Mitarbeiter in der Sommersaison in einem Luxus-Resort in Vietnam Erfahrungen sammeln und Weiterbildungsangebote nutzen.

Zur Person

Markus Kegele. Geboren 1967 in Bludenz, aufgewachsen in Brand. Hotelkaufmann. Hotelfachschule „Villa Blanka“ in Innsbruck. Lehr- und Wanderjahre in verschiedenen Ländern.

Eigentümer Hotel & Chalet „Mondschein“ in Stuben und „Haus Albona“ in Klösterle, Betreiber der Kaltenberghütte.

Seit 2020 Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WKV, Fachgruppenobmann Hotellerie.

Nun ist aber die Fluktuation im Tourismus seit Jahren sehr hoch. Warum?
Kegele: Das ist relativ einfach zu erklären. Wir haben die saisonstarken Zeiten, die Ferienzeiten. Eine Industrie läuft ganzjährig. Wir haben mit Menschen und nicht Maschinen zu tun und darum unterliegen unsere Arbeitszeiten und Intensitäten auch Schwankungen. Grundsätzlich ist es jedoch auch gerade die Abwechslung, die diese Branche so attraktiv macht, dass man in diesen Berufen wahrhaftig etwas erleben kann – und das wollen viele nutzen, um vielseitige Erfahrungen in verschiedenen Ländern zu sammeln. Die Zeiten, in denen ein Mitarbeiter 20 Jahre in einem Betrieb bleibt, sind auch in anderen Branchen vorbei. Das ist nunmal der Zeitgeist und dafür suchen wir gemeinsam Lösungen.

Wie kommt man an Fachkräfte? Gibt es andere Möglichkeiten als die regelmäßige Forderung nach Erhöhung der Kontingente aus Drittstaaten?
Kegele: Wir haben sicher einen Wettbewerbsnachteil durch unsere hohen Lohnnebenkosten und Steuern. Das ist ein alter Hut, aber das wird leider ignoriert. Mehr Netto vom Brutto wird mittlerweile seit Generationen gefordert. 130 Prozent vom Nettolohn zahlt der Unternehmer nochmal drauf. In Anbetracht dessen sind unsere Mitarbeiterkosten extrem hoch – verglichen mit anderen Ländern auf dem höchsten Level. Es braucht neue Modelle – zum Beispiel Wochenend- und Feiertagsarbeit für die Mitarbeiter steuerfrei zu entgelten.

Da wäre der Gesetzgeber gefragt?
Kegele: Da ist der Gesetzgeber gefragt und das fordern wir schon lange. Das Problem ändert sich aber nicht, sondern es verschärft sich dauernd. Denn wir stehen zunehmend im internationalen Wettbewerb.

Das heißt, Sie sehen da auch nicht die Chance, dass sich was ändert?
Kegele: Nun, zumindest geben wir nicht auf. Wir sind ja in unserer Branche Berufsoptimisten. Ich hoffe nur, dass der Staat und auch die Gewerkschaften dieses Dilemma des globalen Wettbewerbs endlich erkennen. Wir müssen das ganzheitlich und geschlossen angehen und eben auch das große Ganze reflektieren und verstehen.

Das Personalproblem im Tourismus ist nach Corona noch akuter geworden, sagt der Vorarlberger Spartenobmann.<span class="copyright"> APA</span>
Das Personalproblem im Tourismus ist nach Corona noch akuter geworden, sagt der Vorarlberger Spartenobmann. APA

Wie kann man Jugendliche für Tourismusberufe begeistern?
Kegele: Im Prinzip ist es einer der schönsten Berufe überhaupt für junge Menschen. Man sammelt Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, kann sich ein internationales Netzwerk aufbauen, genießt Kulinarik und hat die Möglichkeit, auf der ganzen Welt in jedem Land auf Anhieb eine interessante Stelle zu finden. Das kommunizieren wir in Zukunft noch stärker und bauen es auch aus. Unser Betrieb bietet jetzt zum Beispiel ab Herbst drei Lehrstellen an, bei der der Lehrling im Winter am Arlberg arbeiten kann und im Sommer am Bodensee. Gute Leistungen honorieren wir darüber hinaus mit Anreizen. Zum Beispiel bezahlen wir den Führerschein und garantieren eine Auslandserfahrung in einem Fünf-Sterne-Partner-Resort mit Flug.

Wie ist eigentlich bisher die Sommersaison verlaufen?
Kegele: Angefangen hat es sehr schwierig. Der Juni und der Juli waren relativ verhalten. Zusätzlich zu den Covid-Nachwirkungen macht uns das verregnete Wetter zu schaffen, aber es geht aufwärts.

Der Hotelier betreibt auch die Kaltenberghütte im hinteren Klostertal.     <span class="copyright">Kegele</span>
Der Hotelier betreibt auch die Kaltenberghütte im hinteren Klostertal. Kegele

Trauen Sie sich schon, eine Prognose für den Herbst und vor allem den Winter abzugeben?
Kegele: Das ist unser Dilemma. Wir haben noch keinerlei Planungssicherheit, wie der Winter verlaufen wird. Selbst, wenn unsere Betriebe im Winter öffnen dürfen, ist immer noch die Frage, ob auch die Grenzen offen sind und wie die Auflagen der Heimatländer unserer Gäs­te sind. Offene Betriebe, aber geschlossene Grenzen bringen uns überhaupt nichts. Allein unsere heimischen Gäste füllen unsere Lifte und Betten nicht. Die Erfahrung haben wir schon gemacht. Wenn der Binnenverkehr in Europa möglich ist und sich die Quarantäneauflagen für unsere Gäste in Grenzen halten, dann sind wir optimistisch.

Wobei derzeit die Infektionszahlen wieder überall steigen?
Kegele: Derzeit, aber jetzt haben wir August. Noch haben wir die Zeit, um uns strategisch vorzubereiten und einen Plan auszuarbeiten. So wie letztes Jahr soll es uns nicht noch einmal ergehen. Wenn die Betriebe zwei Winter zu bleiben, werden sie das überleben? Ich sage, nein.

Wie kann man sich vorbereiten?
Kegele: Da ist die Politik gefragt. Nur mit einer vorausschauenden Politik können wir eine Strategie entwickeln. Diese Abhängigkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem tun wir alles Mögliche, um schon jetzt das Beste daraus zu machen.

Das heißt?
Kegele: Wir bereiten uns vor, indem wir Mitarbeiter anstellen und unsere Zimmer auf gut Glück verkaufen. Wir müssen so agieren, als ob alles offen ist und funktioniert. Das ist natürlich unternehmerisch extrem riskant. Wenn die Grenzen zu bleiben, müssen wir Mitarbeiter wieder entlassen, die Gästebuchungen rückabwickeln. Wir haben einen riesigen administrativen Aufwand, aber keine Einnahmen. Darum fordern wir, dass die Politik weitsichtiger denkt. Nicht nur über drei Wochen, sondern zumindest bis nächsten Frühling hinaus. Im Schulterschluss – mit den Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre – sollte das möglich sein und gelingen.

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