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Schlagzeuger Charlie Watts verstorben

25.08.2021 • 08:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Charlie Watts (1941-2021)
Charlie Watts (1941-2021) APA

Welt trauert um einen Rolling Stone: Charlie Watts mit 80 Jahren verstorben.

Anfang August hieß es: Wegen einer kurzfristig notwendigen Operation verpasst Schlagzeuger Charlie Watts (80) von den Rolling Stones die US-Tournee der Rockband. Der Eingriff sei erfolgreich gewesen, Watts müsse sich nun aber mehrere Wochen erholen. „Einmal in meinem Leben war mein Timing etwas daneben“, scherzte Watts. Er werde den Ratschlag der Mediziner beherzigen und habe akzeptiert, dass seine Erholung eine Zeit lang dauern werde.

Nun wurde bekannt, dass die Schlagzeuglegende tot ist. Watts ist nach Agenturberichten in einem Londoner Spital „friedlich“ verstorben. Der Musiker wurde 80 Jahre alt. Sein Agent bestätigte das Ableben.

Taktgeber der Rolling Stones

Fast sechs Jahrzehnte lang war Charlie Watts der Taktgeber der Rolling Stones. Den Rock’n’Roll-Lebensstil hatte er weitestgehend gemieden. Von Groupies hielt er sich fern. Konzerttourneen verabscheute er. Man könnte meinen, Charlie Watts hätte sich nur versehentlich in den Rock’n’Roll verirrt. Der Stones-Drummer hatte die Aura eines englischen Gentlemans, war stets dezent und elegant gekleidet. Er sprach leise, wirkte auch sonst eher unauffällig und zurückhaltend. Zumindest äußerlich trafen die gängigen Rock-Klischees nicht auf ihn zu.

„Ich hatte genug davon, das war’s.“

„Ich dachte ein paar Mal, dass die Band aufhört. Ich hab das früher nach jeder Tournee gedacht“, scherzte Watts im „NME“-Interview, bevor die „No Filter“-Tour vor drei Jahren in Großbritannien Halt machte. „Ich hatte genug davon, das war’s.“ Dass er die Strapazen langer Tourneen noch nie ausstehen konnte, ist kein Geheimnis. Ob er einmal über den Ruhestand nachgedacht habe? „Nein, nicht wirklich“, sagte er da.

Aus zwei Jahren wurden fast 60

Kurz nach der Gründung der Gruppe war der gebürtige Londoner Charles Robert Watts, den alle nur Charlie nannten, im Jänner 1963 dazugestoßen. Langfristige Pläne hatte er nicht. „Ursprünglich waren die Stones für mich nur eine weitere Band“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich ging davon aus, dass spätestens nach zwei Jahren alles vorbei sein würde.“ Es wurden fast 60.

Jazz und R&B hatten bei ihm als Teenager die Leidenschaft für die Musik geweckt. „Mit 14 habe ich Charlie Parker gehört. Da habe ich gedacht: Das will ich auch machen“, erzählte er seinem Schlagzeuger-Kollegen Chad Smith, dem Drummer der Red Hot Chili Peppers, in einem Interview für den „Drum Channel“ auf Youtube. Allerdings war es nicht so sehr Parkers Saxofon, sondern der Rhythmus der Band, der Watts faszinierte.

Das Trommeln brachte er sich selbst bei. Er spielte in wechselnden lokalen Formationen und trat in der Londoner Clubszene auf. Eine berufliche Laufbahn als Schlagzeuger hatte er nicht im Sinn. Nach der Kunsthochschule stand eigentlich eine Karriere als Grafikdesigner in Aussicht. Doch dann kam ein Anruf von Alexis Korner. Der einflussreiche Blues-Musiker war auf den talentierten, jungen Drummer aufmerksam geworden und konnte ihn überzeugen, seiner Band Blues Incorporated beizutreten, der auch die späteren Stones-Gründer Mick Jagger und Brian Jones zeitweise angehörten.

Nach dem Einstieg bei Blues Incorporated arbeitete Watts anfangs weiter hauptberuflich als Designer. Seine Grafiker-Ausbildung war dem Musiker auch später noch sehr nützlich. Watts entwarf Artwork für Stones-Alben und gestaltete mit Frontmann Jagger die legendären, gigantischen Konzertbühnen der Rockveteranen. Auf dem witzigen Cover des Livealbums „Get Yer Ya-Yas Out!“ ist Watts selbst tanzend neben einem Esel zu sehen. Das Design stammt allerdings nicht von ihm.

Neben Jagger und Gitarrist Keith Richards ist der stoische Drummer als einziges Bandmitglied auf allen Studioalben der Rolling Stones zu hören. Musikalisch beschränkte er sich in all den Jahren meist auf seine Drums. Er schrieb praktisch keine Songs und wollte möglichst wenig mit der Produktion zu tun haben. In Interviews betonte er oft, es sei ihm völlig egal, was nach den Aufnahmen im Studio mit den Songs passiert. Man könnte sagen: Der wollte doch nur spielen.

Seit 1964 verheiratet

Watts‘ Privatleben konnte man im besten Sinne als bürgerlich bezeichnen. Seit 1964 war er mit seiner Ehefrau Shirley Ann Shepherd verheiratet, die er schon kannte, bevor die Stones weltberühmt wurden. Selbst in wilderen Zeiten soll er sich von den vielen Groupies, die die Band umschwärmten, ferngehalten haben. Bei einem Besuch in Hugh Hefners Playboy-Villa zog er sich angeblich in den Billard-Raum zurück. Mit Shirley hat er eine gemeinsame Tochter: Seraphina, die dem Paar die Enkelin Charlotte bescherte.

Folgerichtig war Watts nicht unbedingt für Exzesse bekannt – anders als seine etwas jüngeren, berühmteren und hedonistischeren Bandkollegen Jagger und Richards. Allerdings hatte auch er in den 80er-Jahren zeitweise mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen, die er jedoch rechtzeitig in den Griff bekam. Einen gesundheitlichen Rückschlag musste er 2004 verkraften, als bei ihm Kehlkopfkrebs diagnostiziert wurde. „Ich dachte, ich müsste sterben“, erzählte er Jahre später beim Sender BBC. Doch die Behandlung verlief erfolgreich.

Ronnie Woods, Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards auf einem Archivbild von 2019
Ronnie Woods, Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards auf einem Archivbild von 2019APA

„Charlie ist unser Motor“

Richards und Jagger sind 77, Ronnie Wood mit 73 ist noch der Jüngste. Ob die „No Filter“-Tournee womöglich die letzte Tournee der Rolling Stones sei, wurde Watts gefragt? „Ich habe keine Ahnung“, sagte er dem „NME“ und lachte. „Das haben sie schon 1965 gesagt.“ Außerdem hänge das nicht von ihm ab, die anderen könnten schließlich ohne ihn weitermachen. Aus dem Mund seines langjährigen Bandkollegen Ronnie Wood, der seit 1975 Mitglied bei den Rolling Stones ist, klang das ganz anders. In der Dokumentation „Tip Of The Tongue“ hob der Gitarrist die Bedeutung des Trommlers für die Stones hervor: „Charlie ist unser Motor“, sagte Wood. „Und ohne unseren Motor fahren wir nirgendwohin…“