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Eine schwarze Stunde für Amerika

27.08.2021 • 12:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Joe Biden gerät politisch unter Druck
Joe Biden gerät politisch unter Druck AP

Für US-Präsident Joe Biden waren die Anschläge ein Rückschlag.

US-Präsident Joe Bidens Gesicht war versteinert, als er am Donnerstagabend im East Room des Weißen Hauses vor die Presse trat. „Es war ein harter Tag“, eröffnete er seine Rede, sichtlich getroffen. Immer wieder brach die Stimme des Staatsoberhaupts, trotzdem bemühte er sich, Stärke auszustrahlen. Die Soldaten, die bei dem Anschlag wenige Stunden zuvor ums Leben gekommen waren, seien „das Rückgrat von Amerika“, so Biden. „Das Beste, was unser Land zu bieten hat.“ Dann wandte er sich an die Drahtzieher der Angriffe. „Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen“, sagt der US-Präsident. „Wir werden sie jagen und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen.“ Amerika werde sich nicht einschüchtern lassen.

Für den Präsidenten waren die Anschläge ein enormer Rückschlag. Seit dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung und der Rückkehr der Taliban nach Kabul hatte sich die Biden-Administration um Schadensbegrenzung bemüht. Stolz präsentierte sie jeden Tag die Zahl der ausgeflogenen Amerikaner und Ortskräfte – mehr als 95.000 bis Donnerstag. Doch diese Summe zählte nach den Explosionen am Hamid Karzai International Airport kaum noch. Die Ziffer 13 hatte sie überschattet – die Zahl der gefallenen Marines, die vor dem Abbey Gate im Osten des Flughafens die Situation absichern sollten. Es waren die ersten Soldaten seit Februar 2020, die in Afghanistan ihr Leben ließen, für das amerikanische Militär der verlustreichste Tag seit dem 5. August 2011. Mehr als 60 Zivilisten kamen ebenfalls ums Leben, rund 140 wurden verletzt. Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Die Taliban verurteilten die Tat.

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Brutstätte des internationalen Terrors

Für Bidens Kritiker bestätigen die Angriffe ihre schlimmsten Befürchtungen. Afghanistan werden nach dem Abzug der Amerikaner wieder zu einer Brutstätte des internationalen Terrorismus werden, hatten sie gewarnt. Der Präsident indes hatte den Rückzug auch mit der Begründung verteidigt, von afghanischem Territorium gehe heute für die USA keine Gefahr mehr aus. Nun kündigte Biden jedoch an, Vergeltungsmaßnahmen gegen die IS-Führung autorisiert zu haben. Eine Rückkehr nach Afghanistan oder eine Verzögerung des Abzugs lehnte er jedoch ab.

Dass der Flughafen gefährdet war, war auch den Amerikanern nicht verborgen geblieben. Bereits am Mittwoch hatte die US-Boschaft in Kabul ihre Staatsbürger gewarnt, dem Airport wegen Sicherheitsbedenken fernzubleiben. Eine Kehrtwende, was die Abzugspläne angeht, will die Administration dennoch nicht vollziehen. Die Evakuierung gehe weiter, solle am 31. August vollzogen sein, so Verteidigungsminister Lloyd Austin. Stand Donnerstag waren laut US-Außenministerium noch rund 1000 amerikanische Staatsbürger in Afghanistan, die das Land verlassen wollen. Biden kündigte an, dem Militär sämtliche benötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um Mission erfolgreich abzuschließen. Auch den Einsatz zusätzlicher Soldaten schloss er nicht aus. Derzeit dienen rund 6000 amerikanische Truppen in Afghanistan.

Keine Zweifel

Grundsätzlich stellte Biden seine Abzugsentscheidung indes nicht infrage. Zumindest in dieser Frage hat der Präsident die amerikanische Öffentlichkeit weiter auf seiner Seite. Umfragen sehen weiterhin große Mehrheiten für einen Abzug. Gleichzeitig ist die Bevölkerung nicht begeistert davon, wie die Administration ihn umsetzt. Das belastet auch Bidens Zustimmungswerte, auch wenn die Situation in Afghanistan für die meisten Amerikaner nur eine untergeordnete Rolle spielt. Umfragen sehen Biden mittlerweile stabil unter 50 Prozent, Tendenz fallend. Dies dürfte auch mit dem Wiederaufflammen der Corona-Krise zusammenhängen, doch der Tod der Soldaten dürfte seinen Rückhalt in der Öffentlichkeit weiter schwächen.

Zumindest der Trauer über die Gefallenen konnte Biden indes Ausdruck verleihen. Im East Room sprach er auch über den Verlust seines Sohnes, ebenfalls ein Veteran, und den Schmerz, den er für die Familien der Betroffenen nach sich ziehe. „Wir tragen Verantwortung für sie“, sagte er. „Und zwar für immer.“

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