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Franziskaner, Kräuter und Mammutaufgaben

28.08.2021 • 20:07 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Von links: Bertram Bolter, Heinz Seeburger, Pater Darcius und Guardian Pater Makary.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Von links: Bertram Bolter, Heinz Seeburger, Pater Darcius und Guardian Pater Makary.
Hartinger

Seit 30 Jahren wirken die Franziskaner in Bludenz.

Kurz nach 11 Uhr. Leises Geschirgeklapper ist aus der Küche zu hören, Essensduft zieht durch die Gänge des Franziskanerklosters in Bludenz. Der Weg führt vorbei am Kreuzgang in den Speisesaal. Doch der Raum ist zweckentfremdet. Auf langen Holztischen, an denen gut 50 Mann Platz hätten, liegen Kräuter zum Trocknen. Manches Kraut wurde auch zum Strauß gebunden und hängt von der Wand, neben einer Figur der Heiligen Mutter Maria. Es duftet nach Thymian, Liebstöckel, Dost – alles Zutaten für Pater Guidos Kräutersalz, welches am Klostermarkt kommende Woche feilgeboten wird. Die Erlöse kommt von jeher bedürftigen Mitbürgern zu. „Sehr beliebt das Kräutersalz! Es macht sich gut in Kombination mit Fleisch“, empfiehlt Klostervorsteher Guardian Pater Makary. Man müsse oft nachproduzieren, weil die Nachfrage groß sei.

 Klostervorsteher Guardian Pater Makary . <span class="copyright">Hartinger</span>
Klostervorsteher Guardian Pater Makary . Hartinger

Eingehüllt in das kastanienbraune Ordensgewand der Franziskaner, eine Kordel um die Hüften, tritt Pater Makary in ein kleines Zimmer neben der Küche. Dort ist der Mittagstisch gedeckt. Untersetzer und Besteck für drei reichen aus. Pater Guido – der Pfarrer in Bludenz ist und quasi nur noch im Kloster wohnt – wird bald von einer Beerdigung zurückkehren. Außerdem ist Pater Darcius im Haus. Nachdem Pater Adrian die Pfarre in Lech übernommen hat, sind die Ordensbrüder quasi nur noch zu zweit. Dafür gibt es mehr Wohnkomfort: Statt einst in vier Quadratmeter kleinen Zellen, sind die Patres längst in großzügigere „Lebensbereiche“ einquartiert – Nasszelle inklusive.

Pater Darcius (links) im Kräutergarten. <span class="copyright">Hartinger</span>
Pater Darcius (links) im Kräutergarten. Hartinger

Das Kloster wurde 1645 von den Kapuzinern gegründet. Aus personellen Gründen mussten sie das Kloster aufgeben. Vor 30 Jahren, am 10. Juli 1991, haben die Franziskaner aus der Provinz Posen (Polen) mit Pater Wenzeslaus und Pater Adrian das Kloster übernommen. 21 katholische Pfarrgemeinden im Raum Bludenz, Klostertal, Brandnertal, Walgau, Großes Walsertal sind Besitzer des Klosters, die Franziskaner die Pächter.

Mammutaufgaben

Sonnenlicht fällt durch ein Fenster. Beim Blick nach draußen ist Pater Guidos Kräutergarten zu erkennen. Dahinter ein Mähroboter, der tapfer seine Runden über den weitläufigen Rasen dreht – eine Mammutaufgabe.

Eine Mammutaufgabe scheint so vieles im 30 Jahre bestehenden Franziskanerkloster. Die Immobilie hat gut 370 Jahre auf dem Buckel. Das Gebäude ist denkmalgeschützt und muss fortlaufend saniert und restauriert werden. Klostervater Heinz Seeburger hat von Beginn an die Patres begleitet und für den Erhalt der Anlage gesorgt. Nächstes Jahr wird er 80. Nun möchte er die Verwaltung in die jüngeren Hände von Bertram Bolter geben. Das 30-Jahr-Jubiläum bietet dafür einen schönen Anlass.

Das Haus wird von vielen Menschen unterstützt. Ein gut 400 Personen starker Freundeskreis spendet jährlich. Die neueste Renovierung war die der Lourdes-Kapelle im vergangenen Jahr. Heuer wurde eine neue elektronische Orgel bestellt. „Die alte hat den Geist aufgegeben“, bringt es Pater Makary auf den Punkt.

 Klostervater Heinz Seeburger (rechts) übergibt das Amt an Bertram Bolter. <span class="copyright">Hartinger</span>
Klostervater Heinz Seeburger (rechts) übergibt das Amt an Bertram Bolter. Hartinger

Seelsorge

Der Orden ist kein Produktionsbetrieb (Bier wird nicht gebraut, ab und an aber gerne getrunken) und lebt von Spenden. Die Ordensbrüder haben sich der Seelsorge verschrieben. Pater Makay ist seit 17 Jahren im Spital und Altersheim in Bludenz im Einsatz. Das alleine ist ein 24-Stunden-Job. „Wir wachen über jene Menschen, die im letzten Abschnitt ihres Lebens stehen. Das kann man nicht in acht Stunden erledigen“, stellt der 46-Jährige klar.

Außerdem helfen die Patres bei den katholischen Gemeinden im Oberland aus, wenn Pfarrer im Urlaub oder krank sind. Dazu kommt die Arbeit im Kloster: Betreuung der Besucher, Bewirtung der Pilger, Gottesdienste sowie das Abnehmen der Beichte und geistliche Beratung. Pater Makary erwähnt fast nebenbei, die Patres hätten schon einigen Menschen mit Suizidabsichten das Leben gerettet. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass es hier nicht um einen Beruf, sondern eine Berufung geht. Die Fülle an Tätigkeiten im Verhältnis zur Anzahl der Patres: eine Mammutaufgabe.

Zur 370 Jahre alten Klosteranlage gehört ein Garten. Beim traditionellen Sommerfest finden dort 500 bis 600 Leute plus Bühne Platz. Im Garten wachsen Kräuter, Trauben, Kirsch-, Apfel-, Nuss- und Feigenbäume.<span class="copyright">Hartinger</span>
Zur 370 Jahre alten Klosteranlage gehört ein Garten. Beim traditionellen Sommerfest finden dort 500 bis 600 Leute plus Bühne Platz. Im Garten wachsen Kräuter, Trauben, Kirsch-, Apfel-, Nuss- und Feigenbäume.Hartinger

Genau wie das Bestreben neue Patres aus der Franziskaner-Ordensprovinz Posen (Polen) für das Kloster zu gewinnen. Von Jahr zu Jahr treten immer weniger junge Männer zur Ausbildung an. Und falls doch: „Viele Anwärter wollen in der Heimat in Polen bleiben. Dazu kommt die Herausforderung der deutschen Sprache. Hier müssen sie auch noch Dialekt verstehen“, spricht Pater Makary aus Erfahrung. Er ist in Sorge um die Zukunft, auch wenn er selbst, „so Gott will“, noch ein paar Jahrzehnte wirken wird.

Pandemie ist Tragödie

Die letzen eineinhalb Jahre waren „eine Tragödie“, wie Pater Makary es ausdrückt. Die Pandemie hat das Ausüben des religiösen Lebens zum Erliegen gebracht. Einige Menschen bangten um ihre Existenz, andere waren voller Wut. Auch Pater Makary konnte die Fragen nach dem „Warum?“ oder „Wie lange noch?“ nicht beantworten. „Ich kann nur zuhören, reden und beten“, gibt er zu. Tragisch war auch, dass Besuche in Spital oder Altersheim zeitweise unmöglich waren. Viel zu gefährlich und sowieso nicht erlaubt. „Das vergessen die Menschen nicht“, sagt er. Mittlerweile sind die Ordensbrüder geimpft, Besuche wieder möglich.

Pater Makary. <span class="copyright">Hartinger</span>
Pater Makary. Hartinger

Klostermarkt

Nichtdestotrotz: Heute ist Pater Makary frohen Mutes. Er ist glücklich, dass der Klostermarkt stattfindet und so wieder Kontakt mit Menschen ermöglicht. Denn das ist es, was die vergangenen 30 Jahre prägte. Das Kloster wurde für die Bevölkerung geöffnet.

Mittlerweile ist es 12 Uhr. Pater Guido ist aufgetaucht und schiebt die Tischsets zurecht. Ein Klopfen dringt aus der Küche: Mittagessen.

Bertram Bolter (60, GF Kolpinghaus Bregenz), neuer Klostervater. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bertram Bolter (60, GF Kolpinghaus Bregenz), neuer Klostervater. Hartinger

Drei Fragen an Bertram Bolter

1. Was ist die Aufgabe eines Klostervaters?
Bertram Bolter
: Er ist sozusagen der Außenminister und vertritt das Kloster nach außen. Er tritt mit den Besitzpfarrgemeinden oder Behörden in Verbindung. Er schaut auf den Erhalt der Immobilie und unterstützt die Pater bei jeglicher Organisation.

2. Wie kommen Sie dazu, Heinz Seeburger ins Amt nachzufolgen?
Bolter:
Heinz Seeburger und ich arbeiten schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Gremien zusammen. Nun wollte er das Amt in jüngere Hände geben, und ich übernehme mit Freude.

3. Was wird Ihre größte Herausforderung als Klostervater sein?
Bolter:
In die Fußstapfen von Heinz Seeburger zu treten ist eine Herausforderung an sich. Glücklicherweise wird er mich noch etwas geleiten. Eine große Aufgabe wird es sein, neue Pater nach Bludenz zu holen. Wir brauchen in Zukunft mehr Unterstützung. Außerdem ist die Instandhaltung der denkmalgeschützten Anlage eine Herausforderung.

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