Allgemein

Gewerkschafter zogen Lehren aus Corona

01.09.2021 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sigi Langenbahn, Lukas Auer, Reinhard Stemmer und Bärbel Mauch (v.l.) trafen sich zum Gedankenaustausch.<span class="copyright">ÖGB Vorarlberg</span>
Sigi Langenbahn, Lukas Auer, Reinhard Stemmer und Bärbel Mauch (v.l.) trafen sich zum Gedankenaustausch.ÖGB Vorarlberg

Der IGR resümierte den staatlichen Umgang mit der Pandemie.

Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit sowie geschlossene Schulen und Kinderbetreuungsstellen hätten viele Arbeitnehmer rund um den Bodensee an den Rand der Belastungs- und Existenzgrenze gebracht, so die Vertreter des Vorarlberger ÖGB, der DGB-Region Südwürttemberg und Schwaben, des Schweizer Gewerkschaftsbundes und Tra vail. Suisse Ostschweiz sowie des Liechtensteiner Arbeitnehmerverbandes.
Der Applaus für die Arbeitnehmer während der Krise sei mittlerweile verhallt. „Sie wurden für ihren Einsatz weder ausreichend belohnt, noch folgte eine höhere Wertschätzung für deren Arbeit durch bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen“, kritisieren die Gewerkschafter.

Lehren aus der Krise

Die Arbeitnehmervertretungen der Bodenseeanrainerstaaten plädieren für die Sicherstellung eines krisensicheren Gesundheitssys­tems. Der Druck im Gesundheitsbereich habe während der Pandemie weiter zugenommen. Das gelte auch für die Pflege. In Zukunft solle man daher auch „Reservekapazitäten und Personal für den Fall einer Pandemie einplanen“.
Die Kurzarbeit habe sich als Erfolgsmodell erwiesen. Allerdings nutzten nun einige Unternehmen die Krise, um Unternehmensteile oder Fabriken zu schließen. „Im Strukturwandel, der nun folgt, werden viele Arbeitsplätze wegfallen“, heißt es von der IGR. Deshalb müsse das Modell der Kurzarbeit auf jeden Fall beibehalten werden. Außerdem brauche es eine Erhöhung der Sätze und Möglichkeiten zur Umschulung und Qualifizierung.
Die Einkommensverluste während der Kurzarbeit hätten vor allem bei jenen Personen zu gravierenden Problemen geführt, die bereits zuvor niedrige Einkommen gehabt hätten. In der Schweiz habe es für solch niedrige Einkommen eine vollständige Entschädigung gegeben, diese wünscht man sich auch in den anderen Ländern.

Arbeitslosengeld erhöhen

Kritisiert wird auch das niedrige Arbeitslosengeld in Österreich. Während man hierzulande nach dem Verlust des Arbeitsplatzes nur 55 Prozent des Letztgehalts bekomme, lägen die Ersatzrate in Deutschland bei 60 Prozent, in der Schweiz bei 70 und in Liechtenstein bei bis zu 80 Prozent.

Derzeit wird in Österreich über eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes am Beginn der Beschäftigungslosigkeit bei gleichzeitiger Reduktion im Fall der längeren Dauer diskutiert. Die Gewerkschafter fordern angesichts der wachsenden Langzeitarbeitslosigkeit allerdings auch eine längere Bezugsdauer. „Absolut falsch ist das Argument, wonach ein höheres Arbeitslosengeld mangelnde Anreize zur Aufnahme einer Arbeitsstelle schafft. In Belgien bekommen Arbeitssuchende 90 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens. Die Arbeitslosenquote lag dort vor der Krise bei 5,36 Prozent, während sie in Österreich – mit deutlich niedrigerem Arbeitslosengeld – 7,4 Prozent betrug“, heißt es vom ÖGB.

Pandemiefolgen für Frauen

Zu Beginn der Krise seien frauendominierte Branchen vermehrt im Einsatz und damit einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt gewesen, erklärt der IGR. Gleichzeitig seien frauendominierte Branchen – wie Gastronomie, Dienstleistung und der Einzelhandel – von Arbeitslosigkeit besonders betroffen gewesen. „Die Pandemie hat das Problem von Frauen, die am Arbeitsmarkt schon vor Beginn der Covid-19-Krise gegenüber Männern benachteiligt waren, noch weiter verschärft.“
Frauen seien auch wegen ihrer Mehrfachbelastung aufgrund von Betreuungspflichten, Erwerbsarbeit, Homeschooling und Hausarbeit besonders gefordert. Die Politik müsse sich des Problems annehmen, so die Gewerkschafter, und vor allem Defizite im Bereich der Kinderbetreuung abbauen.

Arbeitszeitverkürzung gefordert

Als weitere Konsequenzen aus der Krise fordern die Bodensee-Gewerkschafter eine Verkürzung der Arbeitszeit und die bessere Bezahlung in systemrelevanten Branchen.
Ausgeruhte Mitarbeiter seien produktiver und seltener im Krankenstand. Gleichzeitig solle bei einer Arbeitszeitverkürzung niemand weniger verdienen als zuvor. Dazu wird eine Erhöhung des Jahresurlaubs oder die Einführung einer generellen Vier-Tage-Woche gefordert.
Die zunehmende Akademisierung habe die gesellschaftliche Anerkennung für systemrelevante Berufe wie Bauarbeiter, Handwerker, Pfleger oder Reinigungskräfte in den vergangenen Jahren sinken lassen. Dies ­spiegle sich auch in der Bezahlung dieser Berufsgruppen wieder, die nun angehoben werden müsse: „Es wird Zeit für eine Neujustierung, damit eine Spaltung der Berufswelt gestoppt werden kann und diese wichtigen Berufe wieder die ihnen zustehende Anerkennung erhalten.“

Homeoffice und Amazon

Außerdem wird die Absicherung der Homeoffice-Möglichkeiten verlangt. Die mobile Arbeit biete Gestaltungs­möglichkeiten, brauche aber auch einen passenden Rechtsrahmen.
Die Arbeitszeitflexibilisierung könne laut Arbeitnehmervertretern dazu führen, dass Frauen ihre Arbeitsstunden erhöhen und dadurch aus geringfügiger Beschäftigung und geringer Teilzeit aussteigen würden. Eine Möglichkeit, die freilich nur für heimarbeitsfähige Jobs besteht, die häufig eine höhere Qualifizierung voraussetzen.
Schließlich fordern die Gewerkschafter aus den vier Nachbarländern eine faire Besteuerung von Online-Riesen. Die Entwicklungen im grenz­überschreitenden Online-Handel durch „Tiefstlohn-Firmen wie Amazon und Zalando“ bezeichnen sie als „beunruhigend“. Diese würden „mehr und mehr Gewinne erzielen, ohne dafür in den jeweiligen Ländern Steuern zu bezahlen“.
Dies schade nicht nur dem heimischen Handel, sondern führe zu einem Preiskampf durch Subunternehmer im Zustellbereich.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.