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Verschwörungstheorien auf der Spur

01.09.2021 • 19:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Blick in die Ausstellung im Kunstraum Dornbirn.            <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Blick in die Ausstellung im Kunstraum Dornbirn. Dietmar Stiplovsek

Tony Oursler hat faszinierende Arbeit für den Kunstraum Dornbirn geschaffen.

Tony Oursler, 1957 in New York geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet, ist zweifacher Documenta-Teilnehmer und gilt als einer der Pioniere der Medienkunst. Seit 1996 arbeitet er an seiner Serie „Obscura“ mit Makroaufnahmen von Augen, einer Serie, in der er aktuelle Sehtrends und die Faszination von Menschen an Bewegtbildern thematisiert. In den vergangenen Jahren hat er diese Werkreihe immer wieder aktualisiert und angepasst.

Die nun im Kunstraum Dornbirn zu sehende Installation „Specular“, die hier erstmals gezeigt wird, ist Teil dieser Serie. Während der Fokus von Oursler ursprünglich auf den Bildern lag, die auf Iris und Hornhaut reflektiert werden, zeigt er nun eine Erweiterung des Themas.

Eine beeindruckende Schau.   <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Eine beeindruckende Schau. Stiplovsek

Im komplett abgedunkelten Kunstraum hängen oder liegen sieben weiße Kugeln, die jeweils einen Durchmesser von einem bis zu zwei Metern haben. Darauf sind riesige Augen projiziert, die wiederum von anderen Bildern und Filmen überlagert werden. Auf dieser zweiten Ebene hat sich Oursler mit Verschwörungstheorien vor allem in den sozialen Medien auseinandergesetzt.

Ausgehend von der aktuellen Situation rund um die Corona-Pandemie spannt er einen weiten Bogen, der bis ins alte Ägypten, nach Asien, zu den Illuminaten oder Freimaurern reicht. Es ist eine wahre Bilderflut – von Bill Gates über Elvis zum Pyramidensymbol –, die auf den Betrachter, die Betrachterin einwirkt – und sie im Grunde überfordert. Sehgewohnheiten werden damit nicht nur reflektiert, sondern auf fesselnde Art und Weise auf die Probe gestellt.

Auch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 ist ein Thema. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Auch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 ist ein Thema. Stiplovsek

Sämtliche Filme im Kunstraum, die zwischen 16 und 26 Minuten lang sind, sind heuer oder im letzten Jahr entstanden, der letzte vor drei Wochen, erzählt Thomas Häusle, der die Ausstellung kuratiert hat. Ourslers Herangehensweise an die Verschwörungsmythen bezeichnet Häusle als „fast schon rational“. Die Vielzahl der Darstellungen zeige die kreative und zerstörerische Kraft von Verschwörungstheorien, wobei die Kreativität im Gemeinschaftsgefühl und daraus resultierender Aktivitäten bestehe.

Es ist nicht nur die Bilderflut, die in der Dunkelheit auf einen einstürmt, die fasziniert. Auch die riesigen Augen erzeugen eine ganz eigentümliche Atmosphäre der Beobachtung, die eventuell als leicht bedrohlich wahrgenommen werden kann. Es ist spannend, die Vielzahl der auftauchenden Bilder zu verfolgen – sie einzeln rauszufiltern und zu reflektieren ist aufgrund der schnellen Wechsel kaum möglich.

Jede der sieben Stationen hat ihren eigenen Sound.     <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Jede der sieben Stationen hat ihren eigenen Sound. Stiplovsek

Jedes der sieben gezeigten Videos ist mit einem eigenen Sound ausgestattet. Sphärische Klänge dominieren. Je nach Standort des Betrachters, der Betrachterin, überlagern sich die Töne und verschmelzen zu einem harmonischen, stimmigen und funktionierenden Ganzen. Die Augen, die zu sehen sind, sind von Personen aus dem Umfeld des Künstlers, auch seine Mutter sei dabei, erzählt Häusle. Berührend ist das Auge von Christina Nguyen Hung, einer Künstlerin, die an einer Augenkrankheit leidet. Schmerz und Leid werden hier sichtbar.

Tony Ourslers „Specular“ ist eine Schau, die nicht nur inhaltlich überzeugt und eine spannende, vielschichtige Entdeckungsreise liefert. Auch die Ästhetik der trotz des eigentlich aufwühlenden Themas stillen Arbeit zieht in den Bann. Die schwebenden und liegenden Kugeln mit der sich ständig ändernden Oberfläche in der kompletten Dunkelheit sind einfach wunderschön.
Eröffnung: Donnerstag, 2. September, 16 bis 20 Uhr. Bis 21. November, täglich von 10 bis 18 Uhr. Kunstraum Dornbirn, Marktstraße 33. www.kunstraumdornbirn.at