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Konrad Paul Liessmann: Ode an die Grenze

04.09.2021 • 13:59 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
Illustration Margit Krammer
Illustration Margit Krammer

Essay von Konrad Paul Liessmann über Prinzip, das das ganze Leben durchzieht.

Nach einer langen Fahrt erreichen wir endlich die Grenze. Sie ist kaum bemerkbar. Wohl verengen sich die Fahrspuren, und die Geschwindigkeit muss gedrosselt werden. Die Grenzstation selbst aber ist verwaist, kein Grenzbeamter ist zu sehen. Die Reise kann ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Nur ein paar Schilder machen darauf aufmerksam, dass wir uns nun in einem anderen Land befinden, in dem sich die Geschwindigkeitsbeschränkungen ändern. Und das war es auch schon.

Dank der Schengener Abkommens war dies seit geraumer Zeit die dominante Grenzerfahrung in Europa. Vielleicht erinnerte man sich bei solchen Gelegenheiten an seine Kindheit, als man an derselben Grenze stundenlang wartete, Pass und Kofferraum kontrolliert wurden und Geld gewechselt werden musste. Natürlich, das hatte seinen Reiz. Eine streng markierte Grenze zu überschreiten, die Passkontrolle und die Fragen der Kontrolleure zu überstehen, steigerte den Genuss, in der ersehnten Fremde angekommen zu sein.

Nostalgisch verklärt

Manches mag sich in solchen Rückblicken nostalgisch verklären. Aber im Grunde war man froh, dass zumindest die Grenzen innerhalb Europas kaum noch sichtbar waren. In besonderem Maße galt dies für jene innereuropäische Grenzlinie, die den Kontinent geteilt und für die sich der treffende Begriff „Eiserner Vorhang“ eingebürgert hatte. Wer je vor dem Jahre 1989 auf diese Grenze gestoßen war, mit Stacheldraht und Wachtürmen, mit schwer bewaffneten Grenzsoldaten, wusste, dass der Abbau dieser Grenzen nur als ersehnter Ausdruck einer Befreiung und Humanisierung des Kontinents erlebt werden konnte.

Grenzen schienen in einer prosperierenden Welt bis vor Kurzem kein Thema mehr zu sein, die Globalisierung sorgte dafür, Grenzen zurückzudrängen. Waren, Daten, Kapital, Gedanken und Menschen sollten frei zirkulieren; wo es noch Grenzen gab, wurden diese als Hemmnisse gedeutet, die man beseitigen wollte. Grenzen galten als Relikte einer vergangenen Zeit. Der Sinn der Grenze erschöpfte sich in ihrer Überschreitung und ihrem Abbau. Am frühesten war diese Haltung im Bereich der Kultur zu spüren. In keinem gesellschaftlichen Segment wurden im letzten Jahrhundert derart viele Grenzen überschritten und eingerissen wie in der Kunst. Der enge bürgerliche Kunstbegriff, der sich an tradierten ästhetischen Normen und an den unsterblichen Werken der Klassiker orientierte, hatte spätestens seit den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts ausgedient.

Die Grenze als Hemmnis

Die Avantgarde, die Vorhut des ästhetischen und mitunter auch politischen Fortschritts, verstand sich explizit als Unternehmen der Grenzüberschreitung – in einem fast militärischen Sinn: Die Bastionen der bürgerlichen Hochkultur sollten erstürmt, die ästhetischen Produktivkräfte befreit und die Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Kunst und Alltag, zwischen Kunst und Design, zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Kunst und Nichtkunst eingerissen werden.

Grenzenlosigkeit wurde nicht nur zu einem ästhetischen Ideal, sondern auch zu einem Modell für das Leben und Zusammenleben der Menschen. Wer noch in einem positiven Sinn von Grenzen, gar von deren Notwendigkeit sprach, wer gar Mauern bauen wollte, galt als konservativ, engstirnig, borniert und reaktionär. Grenzen erschienen unvereinbar mit jedem Anspruch auf Freiheit.

Migration und Pandemie

Jetzt sprechen wir wieder über Grenzen. Zwei Ereignisse nötigen uns, das Phänomen der Grenze unter einer neuen Perspektive zu betrachten: Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 und die Corona-Pandemie der Jahre 2020/21 haben uns schmerzhaft vor Augen geführt, dass sich das Konzept der Grenze nicht so einfach erledigen lässt. Die Frage, ob und wann Grenzen geöffnet werden sollen oder geschlossen werden müssen, bestimmt in Migrationsfragen die nationale und europäische Politik.

Regiert auf der einen Seite die Angst vor den politischen und sozialen Folgen einer unkontrollierten Zuwanderung, dominiert auf der anderen Seite die Sorge, dass ein strengeres Grenzregime die Preisgabe europäischer Werte und humaner Ziele bedeuten könnte.

Ähnliches gilt für befristete Grenzkontrollen im Zuge der Pandemie. In seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein scheint all dem zu widersprechen, was zu den Errungenschaften des modernen Lebens zählt. Die im letzten Jahr zu beobachtende Renaissance von Binnengrenzen könnte – so die Befürchtung – das europäische Einigungsprojekt zum Scheitern bringen und eine neue Epoche des Nationalismus einleiten.

Doch es gibt Unterschiede. Ging es bei der Flüchtlingskrise um die Frage, ob, unter welchen Bedingungen und in welchem Ausmaß die Gewährung von politischem Asyl und generell Zuwanderung nach Europa möglich sein sollen, zeigte die Pandemie, dass im Zuge des Kampfes gegen ein Virus längst vergessene Landes- und Bezirksgrenzen plötzlich eine ungeahnte, wenn auch nur temporäre Bedeutung bekommen können.

Im Versuch, gefährdete Menschen vor der Ansteckung zu bewahren, erwiesen sich Grenzen als überlebensnotwendig. Die Einschränkung der Reisefreiheit betraf dabei von politischen Einheiten bis hin zu einem Grenzregime mit strengen Kontrollen. Die Forderung physischer Distanzierung zog überdies neue Grenzen. Dort, wo Menschen noch aufeinandertreffen konnten wie in Supermärkten oder Apotheken, war diese Grenze zwischen dem Ich und dem Anderen durch Markierungen am Boden vorgegeben.

Wo immer ich stehe, stehe ich vor einer Grenze, die nicht überschritten werden darf. Die Entwicklung von Impfstoffen zog sofort neue Grenzen nach sich: zwischen Geimpften und Nichtgeimpften, Immunisierten und Gefährdeten. Die Zuschreibung zu einer dieser Gruppen entscheidet über die Möglichkeit, die Freiheiten, die vor der Pandemie selbstverständlich waren, allmählich wieder in Anspruch zu nehmen. Aber jede Aufforderung, einen Impfpass oder Test vorzuweisen, ist eine Grenzkontrolle. Ohne gültigen Ausweis bleibt der Zutritt verwehrt. Darin lag und liegt der Sinn der Grenze.

Letztlich geht es immer um das prekäre Verhältnis zwischen Staatsräson und Humanität, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Freiheitsansprüchen. All dies zeigt, dass die Grenze selbst wieder zu einer bedeutsamen Kategorie des politischen und sozialen Diskurses geworden ist. In dem Maße, in dem Menschen in Gemeinschaften leben, leben sie in und mit Grenzen. Grenzen sind deshalb nicht nur der sichtbare Ausdruck, mit dem sich politische Gemeinschaften ihrer territorialen Ausdehnung, ihrer politischen Einheit und Souveränität vergewissern, Grenzen sind ein Ausdruck dafür, dass wir nicht in einer Welt, sondern in vielen politischen, sozialen und kulturellen Welten leben.

Jedes Plädoyer für Vielfalt, Differenz und Pluralität setzt Grenzen voraus. Auf der einen Seite lebt es sich anders als auf der anderen. Identitätspolitik, von welcher Gruppierung auch immer betrieben, Diversity Management, von welcher Unternehmensberatung auch immer empfohlen, sind Versuche, ein Grenzregime zu errichten, das über Zugehörigkeiten ebenso entscheidet wie über Ausschlüsse. Jedem wird signalisiert: Hier bin ich und dort bist du. Grenzen zu ziehen bedeutet aber nicht, dass damit Wertungen verbunden sein müssen. Sie zeigen nur, dass es zwischen Menschen, ihren Lebens- und Organisationsformen, ihren politischen Überzeugungen und religiösen Glaubensbekenntnissen Unterschiede gibt. Grenzen machen solche Unterschiede sichtbar und laden doch ein, sie zu verwischen.

Das Wort „Grenze“, das aus dem Slawischen kommt und schon früh die „Mark“ abgelöst hat, kann aber auch noch anders gedeutet werden. Wir können jede Vorschrift, jedes Gesetz, jedes moralische Verbot als Grenze deuten, die unser Handeln limitiert: bis hierher und nicht weiter! Unser Verhalten wird durch Grenzen bestimmt, wir sollten im Hinblick auf die Integrität anderer Menschen unsere Grenzen kennen, und wer hier zu weit geht und andere beleidigt, demütigt, gar verletzt, hat damit Grenzen des Anstandes und der Moral in unzulässiger Weise überschritten. Grenzen haben deshalb, und dies wird gerne übersehen, eine Schutzfunktion. Sie bewahren die Schwachen vor Übergriffen und Missbrauch. Grenzen nicht zu anerkennen, war die Haltung von Aggressoren.

Schutz und Identität

Grenzen bestimmen selbst unser Denken. Und dies nicht nur, wenn wir uns borniert in einem engen geistigen Rahmen bewegen, sondern auch, wenn wir versuchen, Klarheit in unser Denken zu bringen. Wenn wir danach trachten, die Begriffe, die wir verwenden, exakt zu definieren, ziehen wir Grenzen. Dem Wortsinn nach ist jede Definition eine Abgrenzung. Grenzen ordnen unsere physische, soziale und geistige Welt selbst, wenn wir mit diesen Ordnungen nicht einverstanden sind.

Grenzen sind grundsätzlich ambivalent, sie haben in der Regel zwei Seiten: hier und dort, hüben und drüben, diesseits und jenseits, reich und arm, ausgeschlossen und zugehörig, chancenlos und hoffnungsfroh, bedroht und in Sicherheit. Dazwischen verläuft die Grenze. Grenzen scheiden und unterscheiden, Grenzen machen Unterschiede sichtbar und schaffen sie, Grenzen markieren Differenzen oder geben diese vor, Grenzen geben Auskunft darüber, auf welcher Seite man sich befindet. Grenzen definieren, geben Orientierung und möchten das fernhalten, was nicht dazuzugehören scheint. Grenzen spalten, ziehen Gräben, bauen Mauern: Stätten der Inhumanität. Grenzen schützen, geben Sicherheit, ordnen die Welt, fordern auf, den anderen zu achten und zu respektieren: Bedingungen guten Lebens. Grenzen trennen, was doch zusammengehört, Grenzen signalisieren, dass nicht alles zusammengehören kann. Grenzen zeigen, dass Menschen nicht nur miteinander, sondern auch nebeneinander leben müssen.

Grenzen sind überdies ein Ausdruck dafür, dass es irgendwann genug sein könnte: Grenzen des Wachstums, Grenzen der Gerechtigkeit, Grenzen des Wohlfahrtsstaates, Grenzen der Belastbarkeit, Grenzen der Mobilität, Grenzen der Verschmutzung, Grenzen der Verständigung, Grenzen der Toleranz, Grenzen des Erträglichen, Grenzen der Machbarkeit. Grenzen lassen sich entweder als eine trennende Linie oder als äußerstes Limit verstehen.

Herausforderung und Ansporn

Grenzlinien können mehr oder weniger durchlässig sein, man kann sie überschreiten, manchmal sogar aufheben. Ein äußerstes Limit aber bedeutet eine Schranke, die nicht mehr oder noch nicht überwunden werden kann. Menschen, die an ihre Grenzen gehen, versuchen herauszufinden, was für sie möglich ist. Das Ausloten von Grenzen, ihr Hinausschieben, gehört so auch zu unseren Grenzerfahrungen. Vieles, was vor Zeiten undenkbar schien, ist heute Wirklichkeit, weil Limitierungen nicht akzeptiert wurden. Dennoch haben wir das untrügliche Gefühl, dass es zu einem verantwortlichen Leben gehört, nicht jede Grenze herauszufordern. Natürlich könnte man versuchen herauszufinden, wie viel Klimaerwärmung die Menschheit imstande ist auszuhalten; es kann aber klug sein, vorher innezuhalten und umzudenken.

Keine Grenze ist ewig und für alle Zeiten festgelegt. Grenzen sind prinzipiell veränderbar, sie können verschoben und neu gezogen werden, sie können durchlässig oder rigide bewacht sein, man kann sie unüberwindbar machen, und sie werden doch überwunden werden. Kein Grenzwall, der für immer gehalten hätte, keine Mauer, die nicht eingestürzt wäre, kein Gebot, das nicht übertreten worden wäre, keine Regel, die nicht verletzt worden wäre, kein Imperativ, dem man sich nicht widersetzen könnte, kein Grenzwert, der nicht je nach Interesse und Konjunktur nach oben oder unten korrigiert worden wäre.

Limits überwinden

Jede Grenze ist ein Paradoxon. Sie trennt und sie verbindet gleichzeitig. Was immer die Grenze scheidet, was immer auf der einen und auf der anderen Seite der Grenze liegt: Für die Anrainer ist es eine gemeinsame Grenze. Grenzen markieren Nähe und Nachbarschaften. Eine gemeinsame Grenze verbindet selbst noch diejenigen miteinander, die nichts anderes mehr gemein haben. Grenzen signalisieren ihrer Logik nach Folgendes: Hier ist dieses, aber dort ist jenes – und es gibt dieses Dort. Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb, schon an das zu denken, was dahinter liegt – eine Gefahr, eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. Gerade dort, wo Grenzen gezogen werden, um etwas ein für alle Mal abzugrenzen, wird dies nie gelingen.

Jeder, der an einer Grenze steht, stellt sich diese eine Frage: stehen bleiben oder weitergehen? Grenzen, wie immer sie bestimmt sein mögen, stellen uns vor das uralte Problem aller Moral: Was soll ich tun? Zugespitzt könnte man sagen, dass überhaupt erst die Existenz von Grenzen, von Regeln, von Verboten uns zu Entscheidungen drängt. Nicht derjenige, der ohnehin alles tun kann, muss sich fragen, was er tun soll, sondern derjenige, dem eine Grenze gezogen wird. Denn dieser steht vor der Wahl: die Grenze respektieren oder sie überschreiten? Wo alles möglich ist, muss auch nichts geschehen. Grenzen schränken Möglichkeiten ein und provozieren gerade deshalb: zu einem Versuch, einer Reflexion, einem Protest, einer Einsicht, einer Übertretung.

Auf zu neuen Ufern

Dort, wo es Grenzen gibt, gibt es auch Grenzgänger: zwischen wissenschaftlichen Disziplinen, zwischen Kunstgattungen, zwischen Religionen, zwischen Lebensstilen, zwischen sexuellen Orientierungen. Solch ein Dazwischen lässt sich erst denken und leben, wenn es die Grenze gibt, die ich überschreiten kann. Grenzen hinauszuschieben, an äußerste Grenzen zu gelangen, diese zu überwinden, gehört zweifellos zu den stärksten motivierenden Kräften des Menschen. Dies gilt auch für die inneren Grenzen. Manchmal muss man versuchen, über sich selbst hinauszugelangen. Im Gegensatz zum Horizont, den man nie erreichen wird, weil er stets zurückweicht, signalisiert die Grenze, wann wir sie hinter uns gelassen haben. Ohne Grenzen wüssten wir weder im Denken noch im Leben, dass es das Andere gibt, dass man über sich hinauswachsen, dass man Zustände überwinden und zu neuen Ufern nicht nur aufbrechen, sondern diese auch erreichen kann.

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