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Die Suche nach der Ursache

04.09.2021 • 19:51 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Somatoforme Störung: Körperliche Symptome, aber keine Erklärung dafür durch eine Erkrankung
Somatoforme Störung: Körperliche Symptome, aber keine Erklärung dafür durch eine Erkrankung (c) yamasan – stock.adobe.com

Somatoform sind körperliche Probleme ohne körperlichen Grund.

Was versteht man unter einer somatoformen Störung?
„Von einer somatoformen Störung spricht man dann, wenn ein Mensch körperliche Symptome hat, die nicht oder nur teilweise durch eine körperliche Erkrankung erklärbar sind“, sagt Eva Reinighaus, Leiterin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am LKH Univ. Klinikum Graz. Diese Beschwerden können unterschiedlich sein. Ein Beispiel
dafür ist eine Herzneurose. Bei dieser nehmen die Patientinnen und Patienten ständige Herzbeschwerden wahr und haben das starke Gefühl, an einer Herzerkrankung zu leiden, obwohl keine (schwere) Herzerkrankung vorliegt. Bei einer somatoformen Schmerzstörung hingegen, leiden die Betroffenen unter andauernden Schmerzen an einer oder mehreren Körperstellen.

Wie kann eine somatoforme Störung diagnostiziert werden?
Bis eine solche Diagnose gestellt wird, dauert es oft sehr lange. „In erster Linie geht man bei Schmerzen ja davon aus, dass diese eine körperliche Ursache haben. Daher suchen Betroffene viele Ärztinnen und Ärzte auf. Psychiaterinnen oder Psychologen werden meist erst sehr spät hinzugezogen“, so die Expertin. Damit man wirklich von einer somatoformen Störung sprechen kann, müssen die Symptome mindestens sechs Monate bestehen und nicht (alleine) durch körperliche Gegebenheiten zu erklären sein. „Dazu kommt eine starke körperliche, soziale und oft auch berufliche Beeinträchtigung.“

Die Expertin

Eva Reininghaus ist Psychiaterin und leitet seit Kurzem die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am LKH Univ. Klinikum Graz. Außerdem ist sie Expertin für bipolare Erkrankungen.

Was erzeugt den Leidensdruck?
Nicht nur die körperlichen Symptome erzeugen Leiden bei den Patientinnen und Patienten. „Sport wird oft gar nicht mehr gemacht, aus Sorge etwas zu verschlimmern. Und auch das Sozialverhalten verändert sich. Da gibt es Betroffene, die sich ganz zurückziehen, aber auch solche, die permanent Hilfe und Aufmerksamkeit in ihrem Umfeld suchen“, so Reininghaus. Auch auf den Beruf kann die Erkrankung Einfluss nehmen. „Wenn ich mich ständig auf das Leiden fokussiere, fällt es schwer, auch meiner Arbeit konzentriert nachzugehen.“ Manche Betroffenen werden aufgrund der Schmerzen auch arbeitsunfähig.

Warum spricht man bei somatoformen Störungen auch von
einem Teufelskreis?
Wenn Menschen sehr lange auf der Suche nach einer Erklärung und einer Behandlung ihrer Beschwerden sind, aber nichts anspricht, kommt es zu einer verstärkten Wahrnehmung der Symptome: „Betroffene konzentrieren sich dann oft stark auf ihre Leiden. Dadurch werden diese noch intensiver wahrgenommen. Beispielsweise wird jede kleine Veränderung des Herzschlags registriert und als bedrohlich interpretiert.“ Das verstärkt das Leiden dann zusätzlich.

Was sind die Auslöser für diese Erkrankung?
Die Auslöser sind individuell sehr verschieden: „Liegt eine körperliche Erkrankung vor, kann auch diese der Auslöser sein. Denn wenn man die Symptome als so bedrohlich wahrnimmt, kann es vorkommen, dass man sich hineinsteigert. Der Ursprung einer somatoformen Störung kann aber auch ein Trauma sein.“ Eine somatoforme Störung kann auch ein Ausdruck dafür sein, dass Lebenskonflikte vorliegen, die nicht gelöst oder die sprachlich nicht ausgedrückt werden können. Diese großen Sorgen können sich dann körperlich manifestieren.

Wie geht man in der Therapie vor?
„Das Wichtigste ist zu verstehen, dass Körper und Psyche nicht zwei nebeneinander existierende Dinge sind. Sie beeinflussen sich ständig gegenseitig. Das kennen auch vollkommen gesunde Menschen aus ihrem Alltag. Etwa, wenn man sich sehr ärgert und dadurch Bauchschmerzen oder Kopfweh bekommt.“ So gilt es also im ersten Schritt zu verstehen, dass das Leiden aus einer Mischung aus körperlichen und psychischen Ursachen zustande kommt. „Im nächsten Schritt ist es in der Therapie zentral, die ständige Aufmerksamkeit von den körperlichen Beschwerden wegzulenken, um den Teufelskreis zu durchbrechen“, sagt Reininghaus. Welche Methode hier am hilfreichsten ist, sei von Mensch zu Mensch verschieden. Während für einige Sport ein guter Weg ist, um den Körper wieder anders wahrzunehmen, hilft es anderen, Strategien zu entwickeln, ihre Emotionen in Konfliktsituationen auszudrücken.

Anlaufstellen

Eine erste Anlaufstelle bei psychischen Erkrankungen kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein.

Eine weitere Möglichkeit ist, sich an eine Klinik oder psychotherapeutische Praxis zu wenden.

Eine Expertensuche für ganz Österreich findet man unter: www.gesundheit.gv.at/service/

gesundheitssuche

Spielen Vorerkrankungen eine Rolle?
Oft gehen somatoforme Störungen mit anderen psychischen Leiden wie etwa Depression einher. „Diese gilt es auch zu behandeln, um eine Besserung zu erzielen“, sagt die Expertin.

Wie unterscheidet sich diese Erkrankung von Hypochondrie?
Bei Somatoformen Störungen steht die Symptomatik im Vordergrund. Die Betroffenen leiden etwa unter Schmerzen. Bei Hypochondrie steht die Angst vor schweren Krankheiten im Zentrum: „Diese Patientinnen und Patienten leben mit der ständigen Sorge und Überzeugung, an etwas Schlimmen zu erkranken, und suchen daher ständig ärztliche Abklärung.“

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