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Deutlich mehr Bedarf an Psychotherapie

06.09.2021 • 22:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Symbolbild/Shutterstock

Krankenversicherungsträger investieren eine Million Euro pro Jahr zusätzlich.

Deutlich gestiegen ist in Vorarlberg der Bedarf an Psychotherapie in den vergangenen Jahren. Das berichtete am Montag der Vorsitzende des Landesstellenausschusses der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), Manfred Brunner, im Rahmen einer Pressekonferenz. Demnach gab es 2011 insgesamt rund 4800 Krankenstandsfälle im Ländle aufgrund von psychischen Erkrankungen. Im Jahr 2020 lag dieser Wert bereits bei 5650 Fällen. Noch deutlicher fiel nach Angaben von Brunner der Anstieg der Krankenstandstage wegen psychischer Probleme aus. Waren es 2011 noch 125.000 Tage, stieg die Zahl bis 2020 auf 220.000 Tage an. Durch die Coronapandemie werde sich die Situation noch einmal verschärfen, sagte der Vorsitzende des Landesstellenausschusses.

Eine Million Euro mehr

Schon in den vergangenen Jahren habe man das Sachleistungs­angebot des Schon in den vergangenen Jahren habe man das Sachleistungs­angebot des Programms „Psychotherapie Vorarlberg“ deutlich ausgebaut. 2015 wurden in diesem Rahmen noch 1900 Patientinnen und Patienten betreut. Im vergangenen Jahr waren es 3320 Betroffene und insgesamt über 30.000 Therapiestunden. Diese Zahl soll nun bis 2023 auf über 41.000 Stunden erhöht werden, die rund 4100 Patienten zugute kommen sollen. Seitens der Krankenversicherungsträger werde jährlich eine Million Euro zusätzlich zur Verfügung gestellt, berichtete Brunner.

Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher und Manfred Brunner von der ÖGK. <span class="copyright">ÖGK</span>
Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher und Manfred Brunner von der ÖGK. ÖGK

Zugleich soll jedoch nicht nur das Angebot ausgebaut werden, sondern das zur Verfügung stehende Kontingent an psychotherapeutischen Leistungen soll auch effizienter genutzt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Clearingstelle, die seit vergangenem Oktober beim Institut für Sozialdienste (ifs) eingerichtet ist. Dort wird in einer ersten Abklärung ergründet, ob und welche Therapie notwendig sind. Denn in manchen Fällen sei eine psychotherapeutische Behandlung gar nicht unbedingt notwendig, sondern es brauche anderweitig Unterstützung – beispielsweise durch die Schuldenberatung, sagte Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP).

Zwei Drittel in Therapie

Bis zum Juni wurden von den 17 ifs-Mitarbeitern in der Clearingstelle bereits 553 Gespräche mit Patientinnen und Patienten durchgeführt. In rund zwei Dritteln der Fälle habe sich eine Psychotherapie als das richtige Angebot erwiesen, erläuterte ifs-Geschäftsführerin Martina Gasser. Anhand objektiver Kriterien und mittels eines Punktesystems werden die Betroffenen dann auf einer Warteliste gereiht, wobei jeder Fall individuell bewertet wird. Die ifs-Experten ermitteln im abklärenden Gespräch, welche Bedürfnisse die hilfesuchenden Menschen haben und unterbreiten ihnen die passenden Unterstützungsangebote. „So werden Umwege vermieden und ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen garantiert“, betonte Gasser. Die Behandlung der Betroffenen startet dann so rasch wie möglich bei einem anderen Psychotherapeuten als das Clearinggespräch. Zur Überbrückung der Wartezeit können Patienten auch an Gruppenangeboten teilnehmen.

Finanzielle Mittel

In 17 Prozent der Fälle hat sich beim Erstgespräch herausgestellt, dass die Anfragenden über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um nicht auf das Sachleistungsangebot von „Psychotherapie Vorarlberg“ zurückgreifen zu müssen. Sie wurden an Psychotherapeuten in den freien Praxen vermittelt. Bei neun Prozent aller Betroffenen zeigte das Clearinggespräch, dass „keine Therapie indiziert ist“, meinte Gasser. Dies könne der Fall sein, wenn – wie erwähnt – andere Unterstützung benötigt wird. Genauso könne es aber auch an fehlender Therapiebereitschaft liegen. Denn so manchem sei vor der Aufklärung nicht bewusst, dass eine therapeutische Behandlung oft auch großen persönlichen Einsatz verlangt und auch Veränderungen nach sich zieht.

ifs-Geschäftsführerin Martina Gasser. <span class="copyright">ÖGK</span>
ifs-Geschäftsführerin Martina Gasser. ÖGK

Die Kontaktaufnahme zur Clearingstelle kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen. Personen, die glauben, eine psychotherapeutische Behandlung zu benötigen, können sich selbst online auf der Internet­seite www.ifs.at/psychotherapie-vorarlberg oder in einer ifs-Beratungsstelle für ein Clearinggespräch anmelden. Genauso könne es aber auch sein, dass Systempartner wie etwa Ärzte oder auch Schulen Betroffenen ein Erstgespräch empfehlen.

Sozialfonds

Finanziert wird das Sach­leistungsangebot von den Versicherungsträgern sowie aus Mitteln der Sozialfonds, der vom Land (60 Prozent) und den Gemeinden (40 Prozent) finanziert wird.

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