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Jahrhundertprozess in Paris hat begonnen

08.09.2021 • 15:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jahrhundertprozess in Paris hat begonnen
Eine Nation in Trauer. Zehn islamistische Terroristen töteten am Abend des 13. November 2015 in Paris 130 Menschen.AP (Christophe Ena)

Sechs Jahre nach Anschlägen beginnt Prozess gegen überlebende Attentäter.

Knapp sechs Jahre nach den Pariser Attentaten auf den Bistrot-Terrassen, im Konzerthaus Bataclan und am Stade de France beginnt am morgigen/heutigen Mittwoch der Prozess gegen die Täter und mutmaßlichen Organisatoren der Anschläge. Zehn islamistische Terroristen hatten am Abend des 13. November 2015 130 Menschen getötet und hunderte schwer verletzt. Paris war in Schockstarre, eine Nation in Trauer. Die Franzosen begriffen an diesem Abend, dass sie fortan ihren eigenen 11. September haben würden.

Schon jetzt wird das Pariser Gerichtsverfahren als “Jahrhundertprozess” wahrgenommen, der alle Rekorde der französischen Justizgeschichte schlägt: Neun Monate wird der Prozess dauern. 330 Anwälte vertreten knapp 1800 Nebenkläger von überlebenden Opfern und Angehörigen der Ermordeten. Im alten Palais de Justice auf der Pariser Ile de la Cité wurde eigens ein provisorischer, 750 Quadratmeter großer Sicherheitssaal eingebaut.

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Der Prozess wird gefilmt und in mehrere Säle übertragen. Dennoch haben nicht alle, die das Verfahren verfolgen wollen, Platz. Nebenkläger können über ein Webradio die 140 Verhandlungstage auch aus der Ferne verfolgen. 14 europäische Länder und die USA haben mit den Franzosen während der viereinhalb Jahre dauernden Ermittlungen kooperiert. 47.000 Verhöre wurden geführt, deren Protokolle 542 Aktenordner füllen, die übereinandergestapelt einen Turm von 53 Meter ergeben würden.

Nur ein Überlebender

Der Prozess hat einen Haken: Neun der zehn Terroristen sind tot. Der einzige Überlebende, Salah Abdeslam, wurde wenige Monate später lebendig gefasst und hüllt sich seither in Schweigen. Doch anders als im Prozess der Anschläge auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt Hypercacher handelt es sich dieses Mal nicht um einen Prozess der “einfachen Handlanger”. Vor Gericht stehen Mitwisser, Organisatoren, Helfer und mutmaßliche Attentäter, die ihr Projekt abgebrochen haben. Neben dem Belgier Abdeslam sind 13 weitere mutmaßliche Terroristen präsent. Sechs werden in Abwesenheit verurteilt. Fünf von ihnen sind mutmaßlich tot, einer sitzt in der Türkei in Haft.

“Wir wissen fast alles, wir haben fast alle identifiziert, die Täter, die Organisatoren, alle”, sagt François Molins, Generalstabswalt des Pariser Kassationsgerichts, damals der hauptverantwortliche Anti-Terror-Staatsanwalt im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Tathergang ist auf die Sekunde belegt, vor allem im Bataclan, wo das Konzert aufgezeichnet wurde. Mit mehreren Kollegen hat er die Aufzeichnung angehört. “Es war schrecklich. Man konnten hören, wie Salven aus den Sturmgewehren abgefeuert wurden, aber auch einzelne Schüsse. Es waren Exekutionen.”

Drei Stunden und sechs Minuten

Molins war seit dem Attentat von 2012 auf eine jüdische Schule in Toulouse mit dem islamistischen Terror vertraut. Aus dem Abstand der Jahre vermag er heute zu sagen, dass Frankreich nicht ausreichend auf die Attentate vom 13. November vorbereitet war: “Wir haben eng mit den Geheimdiensten zusammengearbeitet. Wir waren im Bild darüber, dass die Bedrohung extrem hoch war und ahnten, dass etwas Fruchtbares passieren würde. Aber eine Multi-Attacke gleichzeitig an mehreren Orten übertraf unser Vorstellungsvermögen”, so der Franzose im Rückblick.

Drei Kommandos von islamistischen Terroristen hatten an drei verschiedenen Orten in Paris und Umgebung zugeschlagen: im Stade de France, auf Café- und Bistroterrassen des zehnten und elften Arrondissements und im Konzerthaus Bataclan. Der Albtraum dauerte drei Stunden und sechs Minuten, zwischen der ersten Explosion um 21 Uhr 16 am Stade de France und der Erstürmung des Bataclan um 0 Uhr 22. Doch er wirkt bis heute nach, nicht nur bei den Opfern. “Sie hatten unseren Lebensstil im Visier”, sagt Ex-Präsident François Hollande.

Verbindungen zu Syrien

Vermutlich wird Abdeslam, der Haupttäter, weiter schweigen. Aber viele erhoffen sich die Aufklärung der letzten Grauzonen. Auf eine Frage hat Staatsanwalt Molins bis heute keine Antwort: “Was bringt junge Belgier und Franzosen dazu ihr Land zu verlassen, ihren Pass zu verbrennen, Fanatiker zu werden, zurückzukehren, um dann junge Franzosen und Belgier zu ermorden?” Nur zwei der Attentäter waren Iraker, die kurz zuvor über die Balkanroute nach Europa gekommen waren. Zwei weitere waren in einem griechischen Übergangslager festgehalten worden, wodurch ihre Teilnahme vereitelt wurde. Die restlichen sieben Täter waren französische oder belgische Staatsbürger.

Bei fast allen Tätern konnten die Ermittler nachweisen, dass sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt in Syrien aufgehalten hatten und Mitglieder, gut ausgebildete Kämpfer oder Cheflogistiker des IS waren.

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