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Zahl der Suizide leicht rückläufig

10.09.2021 • 20:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Albert Lingg (links) und Reinhard Haller haben den Suizidbericht für das Jahr 2020 präsentiert. <span class="copyright">vol.at</span>
Albert Lingg (links) und Reinhard Haller haben den Suizidbericht für das Jahr 2020 präsentiert. vol.at

43 Menschen haben sich 2020 in Vorarlberg das Leben genommen.

Entgegen der Befürchtungen von Experten ist die Zahl der Suizide während der Coronapandemie nicht gestiegen. Das zeigt der am Freitag präsentierte Suizidbericht. Demnach haben sich im vergangenen Jahr in Vorarl­berg 43 Menschen das Leben genommen. Österreichweit waren es 1072. In beiden Fällen liegen die Werte leicht unter jenen des Vorjahres (46 in Vorarlberg beziehungsweise 1113 österreichweit). Die Suizidrate – die Zahl der Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner – lag sowohl in Vorarlberg als auch in Österreich bei 11,7, berichteten die Psychiater Reinhard Haller und Albert Lingg, die den Bericht alljährlich gemeinsam mit Isabel Bitriol-Dittrich und in Zusammenarbeit mit der „aks gesundheit“ erstellen.

Über fünf oder zehn Jahre betrachen

Wie weltweit sind der Statistik zufolge auch in Vorarlberg mehr Männer als Frauen von Suizidalität betroffen. Doppelt so viele männliche Betroffene haben sich im Vorjahr das Leben genommen als Frauen. 2019 war das Verhältnis noch deutlicher in Richtung der Männer verschoben. Allerdings sei ein Vergleich von Jahr zu Jahr nicht sinnvoll, sagte Lingg, der frühere Primar des Landeskrankenhauses Rankweil. Man müsse sich das Verhältnis bei derart „niedrigen“ Zahlen über fünf bis zehn Jahre anschauen, um Trends erkennen zu können. Das werde im nächsten oder übernächsten Suizidbericht wieder getan. Vor allem mittlere Jahrgänge seien 2020 von Selbsttötungen betroffen gewesen, berichtete Lingg. Erfreulicherweise habe es keinen Kindersuizid (unter 14 Jahren) gegeben. Angesichts zahlreicher im Umlauf befindlicher Falschmeldungen bezüglich deutlich erhöhter Sui­zidraten durch die Pandemie sei es wichtig, mit Fakten dagegenzuhalten, betonte Lingg. Trotz der leicht rückläufigen Zahlen müsse man die zunehmenden Belastungen durch die Pandemie ernst nehmen.

Durch die Pandemie ist die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen gestiegen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Durch die Pandemie ist die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen gestiegen. Hartinger

Dieser Ansicht schloss sich auch Reinhard Haller, früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene, an. Mehrere wissenschaftliche Analysen zeigten zwar, dass es in den wohlhabenden Regionen der Welt während des vergangenen Pandemiejahres keinen Anstieg von Selbsttötungen gegeben habe. Zugleich sei aber auch durch die Lockdowns eine Zunahme bei den psychischen Problemen zu verzeichnen gewesen. Umso überraschender sei daher der leichte Rückgang bei der Suizidrate gewesen.

“Ruhe vor dem Sturm”

Ein Faktor dabei sei sicher, dass rasch soziale und unterstützende Maßnahmen eingeführt worden seien, um den Menschen während der Pandemie zu helfen. Ebenso habe es anfangs wohl einen „Flitterwocheneffekt“ gegeben, der zu einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhalt geführt habe. Nicht zuletzt könne es aber auch die „Ruhe vor dem Sturm“ sein, meinte Haller. Denn schon in früheren großen Krisen wie etwa bei der Finanzkrise habe sich gezeigt, dass die Zahl der Suizide erst mit einiger Verzögerung steige. Auch das Long-Covid-Syndrom könne durch körperliche und psychische Belastungen zu erhöhter Suizidgefahr führen. Schlüsse über die Auswirkungen der Pandemie und der Lockdowns ließen sich wohl erst im kommenden Jahr ziehen.

Kontakte

Supro – Gesundheitsförderung und Prävention

https://www.supro.at/wissenswertes/suizidpraevention

Telefonseelsorge Vorarlberg

https://www.142online.at/ oder Telefon: 142

Rat auf Draht

https://www.rataufdraht.at/ oder Telefon: 147

Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention

https://www.suizidpraevention.at/

Die Experten plädierten jedoch dafür, schon jetzt langfris­tige Unterstützungsangebote zu implementieren. Ebenso habe sich gezeigt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt das beste Mittel gegen die Pandemie sei, meinte Haller.

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