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Die Scheu vor dem Unternehmerdasein

11.09.2021 • 14:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bernhard Wurzer Generaldirektor der ÖGK
Bernhard Wurzer Generaldirektor der ÖGK Akos Burg

Der Chef der Österreichischen Gesundheitskasse im Interview.

Herr Generaldirektor Wurzer, zu den bekannten Krankheiten kommt noch Long Covid dazu.
BERNHARD WURZER: Seit März 2021 gab es ungefähr 3700 Arbeitsunfähigkeitsmeldungen aufgrund von Long Covid und derzeit sind 170 Personen arbeitsunfähig. Wir müssen also keine neuen Reha-Einrichtungen bauen, sondern die bestehende Infrastruktur nutzen.

Und die Mehrkosten?
WURZER: Das kann man heute noch nicht sagen.

Der Bedarf an psychotherapeutischer Beratung, besonders bei Kindern, wird stark steigen.
WURZER: Wir haben das Psycho-Therapie-Angebot auf 300.000 Stunden aufgestockt. Das gilt auch für die Kinder. Gleichzeitig haben wir die Kampagne Fit and Strong für Kinder und Jugendliche gestartet, um ihnen zu vermitteln, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Dort werden auch Anlaufstellen genannt.

Die Impfbereitschaft stagniert, wie könnte man sie steigern?
WURZER: Das ist eine große Herausforderung. Es gibt verschiedene Ansätze. Die Wirtschaftskammer schlägt etwa vor, Jugendlichen 100 Euro zu geben. Dem kann ich etwas abgewinnen, auch wenn ich grundsätzlich bei Geldgeschenken skeptisch bin.

Und die Doskozil-Lotterie, die auch Geimpfte inkludiert?
WURZER: Auch darüber kann man diskutieren. Man könnte auch überlegen, Institutionen steuerlich zu fördern, die mit Ausschüttungen an ihre Mitarbeiter dafür sorgen, dass geimpft wird.

Von 75 geplanten Primärversorgungszentren (PHC) gibt es nicht einmal die Hälfte, warum?
WURZER: Ärztinnen und Ärzte scheuen davor zurück, Unternehmer zu sein. Wir arbeiten an Modellen, die ihnen die Scheu nehmen: also weniger Bürokratie, weniger Risiko für die Gründer.

Der Rechnungshof kritisiert fehlende Daten zu Öffnungszeiten von Ordinationen. Was tun?
WURZER: Wir sind dabei, einen ÖGK-Kompass zu entwickeln, das ist eine App, in der man genau diese Öffnungszeiten sichtbar macht und einen Vertragsarzt in der Nähe suchen kann.

Wie geht die Kassenfusion voran?
WURZER: Wir sind dabei zu definieren, wie die Organisation 2025/26 aussehen wird, wie viele Abteilungen es dann noch geben wird. Da kristallisiert sich stärker heraus, dass die Kassen in den Bundesländern nicht mehr die alte Rolle spielen.

Das schmerzt?
WURZER: Chronisch.

Funktioniert das neue Führungssystem in der ÖGK?
WURZER: Es steht jetzt 6:6 zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern, daher müssen wir mehr um einen Ausgleich ringen. Früher konnten die Kassen mit einem anderen Selbstbewusstsein auftreten.

Wie kann man die Kassenarztstellen attraktiver machen?
WURZER: Wir müssen stärker die Vorteile der Kassenverträge hervorheben, da wäre auch die Standesvertretung gefragt. Ein Kassenvertrag ist ein sicherer Job mit gutem Einkommen. Ich glaube, dass das Thema Ärzte sich ein bisschen entspannt, da jetzt zunehmend Leute die Ausbildung zur Allgemeinmedizin machen und in die Lehrpraxis gehen.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Fusion?
WURZER: Wenn die ÖGK funktioniert, ist sie ein Rollenmodell, das heißt, man kann öffentliche Verwaltung fusionieren.

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