Allgemein

Vom Verlust der Überlebensfähigkeit

11.09.2021 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue</span>
Neue

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Letztes bin ich mit zwei lieben Menschen in der feinen Septembersonne gesessen und wir sind dabei ins Philosophieren gekommen. Oder besser gesagt, wir haben uns über ein angsteinflößendes „Was-wäre-wenn“-Szenario unterhalten.
Was wäre, wenn es einen totalen Stromausfall gäbe? In den ersten drei Sekunden blitzt noch die romantische Vorstellung eines übervollen Gemüsegartens sowie familiären Heimatmusik­abenden im Flackerlicht von Kerzen und Öllampen auf, aber vier Sekunden später ist es schon vorbei mit der Träumerei. „Dann funktioniert die Klospülung nicht!“ Nun denn, ein Plumpsklo ist zwar nicht supertoll, aber ich meine, noch das kleinste aller Übel. Ein wirklich ernst zu nehmendes, krasses Problem ist nämlich folgendes: Es würde dann kein Kühlschrank mehr funktionieren. Ohne Strom keine kalte Milch, ohne Gefrierschrank keine Tiefkühlpizza für Notfälle. Und dann merkt man, wie hilflos unsereins inzwischen dem Leben über geworden ist.

Was meiner Oma nur ein müdes Lächeln gekostet hätte, ist für mich eine Frage auf Leben und Tod. Wie kommt man über den Winter? Wie kann ich Gemüse, Obst und Fleisch lagern und haltbar machen, wenn es keine Gefriertruhe gibt? Einwecken, Marmelade machen, pökeln. Ich könnte die Rezepte nicht mal googeln! Oh Schreck, es wäre mein Smartphone nicht mehr nutzbar. Ich müsste die Schwalben beobachten, um zu erfahren, wie das Wetter so wird und meinen Kindern würde von einem Moment auf den anderen jeglicher Lebenssinn genommen. Kein Handy, kein Tablet, sondern mit selbst gebastelten Bällen draußen in der Wiese spielen. Hilfe!

Abgesehen davon, wie würden wir Menschen denn untereinander agieren? Wir haben jetzt zwei Jahre Pandemieerfahrung hinter uns und wir bekommen uns immer noch in die Haare wegen eines Piekses, dem Tragen von Masken oder dem anhaltenden Nasenbohren. Wenn uns das entzweit, wenn das schon etwas ist, bei dem wir uns nicht mehr aufeinander verlassen können, dann hätte ich im Moment echt keine Lust auf eine Stromausfall-Apokalypse. In solchen Szenarien, oder einfacher gesagt, in einer nicht so verwöhnten Welt, braucht man sich untereinander viel mehr.

Im Moment hätte ich eher das Gefühl, dass wir uns nach zwei Wochen Stromausfall allesamt dermaßen auf die Nerven gehen, dass sich das mit der Menschheit bald erübrigt hätte. Und dann habe ich plötzlich wieder ein paar Tomaten von meiner Nachbarin vor der Tür stehen. Einfach so. Dann denke ich mir, es ist doch noch nicht Hopfen und Malz verloren.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.