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Kleinem Eitan droht nun ein neues Trauma

14.09.2021 • 11:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kleinem Eitan droht nun ein neues Trauma
AFP (HANDOUT)

Überlebender des Seilbahnunglücks soll nach Israel „entführt“ worden sein.

Der Sorgerechtsstreit um den sechsjährigen Eitan, einziger Überlebender des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore vom Pfingstsonntag, weitet sich zu einem diplomatischen Fall aus. Nach Informationen des israelischen Senders Channel 12 News seien Experten aus dem israelischen Außen- und Justizministerium in einem Gutachten zu dem Schluss gekommen, der Bub müsse zu seiner Tante zurück nach Italien gebracht werden. Wann und ob das geschieht, ist völlig offen. Am Wochenende hatte der Großvater Shmuel P. das Kind gegen den Willen der sorgeberechtigten Tante erst nach Lugano in die Schweiz und dann mit einem Privatflug nach Tel Aviv in Israel gebracht.

Die Schwester von Eitans Vater, Aya Biran-Nirko, hatte am Wochenende bei der italienischen Polizei Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Pavia ermittelt wegen Entführung. Auch in Israel wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Shmuel P., den Großvater mütterlicherseits, eröffnet. Der Streit auf dem Rücken des Kindes wird auch in der Öffentlichkeit ausgetragen. „Zum Wohle Eitans kann ich nicht mehr schweigen“, sagte Biran-Nirko in Travacò bei Pavia in der Lombardei. Hier war auch der Sechsjährige zu Hause, dessen Familie beim Seilbahnunglück am Lago Maggiore ums Leben kam und seit fünf Jahren bei Pavia lebte. Unter den 14 Toten waren beide Eltern des Sechsjährigen, sein zweijähriger Bruder sowie die Urgroßeltern, die zu Besuch aus Israel gekommen waren.

Israel müsse unter Berücksichtigung des Haager Kindesentführungsübereinkommen alles in seiner Macht stehende unternehmen, um das Kind wieder seiner rechtlichen Betreuerin in Italien zuzuführen, hielten israelische Experten laut Channel 12 News fest. „Ein israelisches Zivilgericht müsste die Rückführung des Kindes anordnen“, sagte Familienrechtsspezialist Lorenzo Puglisi. Dazu sei ein Untersuchungsverfahren einzuleiten, das Kind in Israel ausfindig zu machen sowie der Familie mütterlicherseits abzunehmen – mit möglichen neuen Traumata. Während der Bub eine Tragödie in der Tragödie erlebt, blicken die Beteiligten auf den 22. Oktober: Dann soll ein Gericht in Pavia über die Anfechtung der israelischen Familie gegen das Sorgerecht der Tante in Italien entscheiden.

„Wir haben Eitan nicht entführt“

Offenbar kamen die beiden israelisch-stämmigen Familien nie besonders gut miteinander zurecht. Die Situation eskalierte nach dem Seilbahnunglück und dem Tod der fünf Familienmitglieder. Eitans Großmutter mütterlicherseits, Esther C., berichtete in israelischen Medien von Konflikten und kulturellen Differenzen. So stieß der in Israel lebenden, konservativ geprägten Familie mütterlicherseits offenbar die Einschulung Eitans in eine katholische Grundschule auf. Auf diese Weise würde die jüdische Identität des Kindes ausgelöscht, sagte sie. Der italienische Teil der Familie streut indes Gerüchte über die angeblich bewegte Vergangenheit des Großvaters, des mutmaßlichen Entführers. Shmuel P. habe Verbindungen zum israelischen Geheimdienst und sei letztinstanzlich wegen Gewalt gegen seine geschiedene Ehefrau Esther C. verurteilt worden, heißt es.

Eitan selbst lag im Koma, blieb 19 Tage in einer Turiner Klinik, erholte sich aber. Ein Gericht in Turin sprach Biran-Nirko, der Schwester des verstorbenen Vaters, das Sorgerecht zu. Diese Entscheidung akzeptierte die Familie mütterlicherseits nicht. „Wir haben Eitan nicht entführt“, behauptet Gali Peleg, die Schwester der Mutter. „Wir haben ihn nach Hause zurückgebracht“, sagte sie im israelischen Radio. Das Kind stehe der Familie der Mutter näher als der Tante in Italien, die verstorbenen Eltern hätten die Rückkehr nach Israel beschlossen. „Er weinte und fragte, ob er irgendetwas falsch gemacht habe“, sagte Peleg. „Seine Cousinen warten auf ihn, sie machen sich Sorgen und verstehen nicht“, erklärte indes die sorgeberechtigte Tante in Italien, eine 41-jährige Psychologin.