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EU-Parlament lehnt Verschärfungen ab

16.09.2021 • 14:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Um die wachsende Nachfrage zu decken, wurde die Tierzucht intensiviert, unter anderem mit einem höheren Einsatz von Antibiotika
Um die wachsende Nachfrage zu decken, wurde die Tierzucht intensiviert, unter anderem mit einem höheren Einsatz von Antibiotika (c) Peter Hermes Furian – stock.adobe.com

EU-Parlament hat strengere Regeln für Antibiotika bei Tieren abgelehnt.

Konkret sollten fünf der für die Menschen wichtigsten Antibiotikagruppen nur noch in Ausnahmefällen für Tiere verwendet werden dürfen. Damit wollten die Grünen dem massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tiermast ein Riegel vorschieben und die Gefahr von Resistenzbildungen verringern. Das EU-Parlament sprach sich in einem Votum am Mittwochabend dagegen aus.

Nun bleibt es bei den ursprünglichen Plänen der EU-Kommission: Diese will bisher keine konkreten Stoffe nennen, die auf die Liste von sogenannten Reserveantibiotika kommen sollen. Die Behörde präsentierte stattdessen Kriterien für deren Auswahl: etwa eine hohe Bedeutung für die menschliche Gesundheit und ein „nicht-essenzieller“ Bedarf in der Tiermedizin.

33.000 Menschen sterben in der EU pro Jahr

Reserveantibiotika sind Medikamente, die bei Infektionskrankheiten verwendet werden, wenn normale Antibiotika nicht mehr wirken. Ziel ist ein möglichst restriktiver Einsatz dieser Mittel, um ihre Wirksamkeit durch sich entwickelnde Resistenzen nicht zu gefährden. Der Grund: Je mehr ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto eher setzen sich resistente Erreger-Subtypen durch. Solche Resistenzen sind gefürchtet: Laut EU-Kommission sterben jedes Jahr in der EU 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Resistente Keime aus den Ställen können etwa über Fleisch zum Menschen gelangen.

Der Entschließungsantrag hatte im Vorfeld für hitzige Debatten gesorgt. Tierarztverbände machten dagegen mobil. Den Weg, im Voraus generell Wirkstoffe zu verbieten und dann Ausnahmen schaffen, lehnt der österreichische Tierärztekammer-Präsident Kurt Frühwirth strikt ab. Es müsse einzeln geprüft und wissenschaftlich bewiesen werden, wieso in bestimmten Fällen der Wirkstoff nicht mehr einzusetzen sei, etwa anhand eines Kriterienkatalogs, forderte Frühwirth.

In Deutschland warnte der Verband praktizierender Tierärzte unterdessen vor allem, dass auch Haustiere künftig nicht mehr adäquat mit Antibiotika behandelt werden könnten. Die Grünen widersprachen dieser Darstellung.

In Österreich „um 30 Prozent reduziert“

ÖVP-EU-Abgeordnete Alexander Bernhuber stellte sich mit Verweis auf den bereits auf den Tisch liegenden Kommissionsvorschlag ebenfalls gegen den Grünen-Vorstoß. Er betonte weiters: „Österreich ist bereits jetzt ein Vorzeigeland beim Einsatz von Antibiotika. So wurde in der Nutztierhaltung in den vergangenen 10 Jahren der Einsatz von Antibiotika um mehr als 30 Prozent reduziert.“

Die Grünen zeigten sich naturgemäß von dem Votum enttäuscht:

Welche Stoffe am Ende auf die EU-Liste der Reserveantibiotika kommen, muss die Kommission nach Angaben aus dem Büro des deutschen EU-Grünen Martin Häusling bis zum 28. Jänner 2022 klarstellen. Diese Mittel sollen dann aber aller Voraussicht nach wirklich nur für Menschen erlaubt sein – eine Einzelbehandlung kranker Haustiere, wie Häusling sie gefordert hatte, schloss die Kommission zuletzt aus. Damit habe sich der Tierärzte-Verband ins eigene Knie geschossen, sagte er.

Der SPÖ-EU-Abgeordneter Günther Sidl forderte ebenfalls einen „restriktiveren Ansatz“ von der EU-Kommission. „Auch wenn es heute nicht gereicht hat, unterstützt die SPÖ weiterhin sämtliche Maßnahmen zur Reduzierung und für einen effizienteren Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung“, so Sidl.