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Ideen werden im „Kreissaal“ geboren

16.09.2021 • 20:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Künstler tOmi Scheiderbauer im „Kreissaal“.  <span class="copyright">FREDERICK SAMS</span>
Künstler tOmi Scheiderbauer im „Kreissaal“. FREDERICK SAMS

Künstler tOmi Scheiderbauer lädt im Magazin 4 zum gemeinsamen Austausch.

Eine übliche Ausstellung, die Kunstobjekte präsentiert, ist die neueste Arbeit von tOmi Scheiderbauer nicht. Der 1961 in Hard geborene Künstler hat im Rahmen eines dreimonatigen Artist-in-Residence-Programms im Palais Thurn & Taxis ein Projekt erschaffen, das sich erst in den kommenden Wochen realisieren wird – und zwar gemeinsam mit den Menschen, die das Magazin 4 besuchen werden. Dort steht alles bereit für ein „gemütliches Parlament“, in dem ein offener Diskurs über gesellschaftliche Themen entstehen soll. Gemütlich sind die in einem Kreis angeordneten Sofas aus dem Carla-Shop der Caritas tatsächlich, sie verströmen zusammen mit Lampen vom Studio Thalbach Wohnzimmer-Atmosphäre in dem Ausstellungsraum.
Der grundlegende Gedanke hinter dem „Kreissaal“, so der Titel des Projekts, offenbart Scheiderbauers Kunstverständnis: Nur gemeinsam, im Dialog, entstehen wertvolle Ideen, ist er überzeugt. Er möchte im Gespräch mit den Menschen auch Wege finden, wie er als Künstler die Gesellschaft mitgestalten kann: Kunst soll sich in alle Bereiche des Zusammenlebens einmischen, meint Scheiderbauer.

Rotes Sofa

Rund 40 Jahre war Scheiderbauer in der Welt unterwegs, auch wenn er immer wieder zu Besuch im Ländle war, wie er beim Pressegespräch erzählte. Als er das von der Stadt Bregenz in Kooperation mit dem Land Vorarlberg angebotene Arbeitsstipendium erhielt, sei sein erster Gedanke gewesen, dass er sich zuerst mit den Vorarl­bergern austauschen müsste. Und so bekam der Künstler ein erdbeerrotes Sofa in das Atelier gestellt, auf dem er mit verschiedenen Gästen Gespräche führte.

Dieses Sofa ist nun Teil des Möbel-Kreises, in dem an den kommenden vier Wochenenden „Special Guests“ eingeladen sind – Vorarlberger, die den Alltag und das kulturelle Leben im Ländle mitgestalten. Dies sind etwa Maria Simma-Keller oder Thomas D. Trummer, sowie Hanno Loewy oder Winfried Nußbaummüller. Dazugesellen können sich alle Interessierten, Anmeldung ist keine notwendig. Unter der Woche sollen weitere Gespräche folgen, auf der Website sollen zudem Tagebucheinträge veröffentlicht werden, um den Dialog-Prozess nachvollziehbar zu machen.

Dem Künstler geht es also um Partizipation und Austausch, auch um ethische Fragen der Gesellschaft. Dabei ist gerade Geld das Thema, das Scheiderbauer ausgeschrieben hat: „Brauchen und wollen wir (viel) schönes Geld?“, lautet die Frage auf dem Infoblatt. Das Thema Geld, konkret die Idee eines „komplementären Kulturbudgets“, soll vor allem neugierig machen, meint der Künstler. Wie soll Geld generiert werden, und wohin soll es fließen? Auch das könne debattiert werden. Unter anderem versucht der Künstler, auch die Jugend ins Boot zu holen, zudem sei ein Treffen mit Klienten der Integra Vorarlberg geplant.

Im Eingang steht in allen 70 in Vorarlberg gesprochenen Sprachen „Ich bin“. <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">Frederick Sams </span></span>
Im Eingang steht in allen 70 in Vorarlberg gesprochenen Sprachen „Ich bin“. Frederick Sams

Immun – kommun

Das Begriffspaar immun – kommun spielt eine zentrale Rolle in dem Projekt. Ein Gedanke dahinter sei, dass ein einzelnes, abgeschlossenes „Ich“ ohne ein „Wir“ gar nicht existiere, so der Künstler. So habe auch Corona gezeigt: „Wir müssen aufeinander aufpassen.“ Scheiderbauers Krankheit spielt ebenfalls eine Rolle: 2019 erhielt er die Diagnose Leukämie. Mit dieser schweren Erkrankung setzte er sich unter anderem mit den wenigen Wandarbeiten auseinander, die in einer Ecke des Magazin 4 gezeigt werden: Eine Sammlung an Bluttransplantations-Aufklebern, sowie eine Auflistung der eingenommenen Medikamente aus der Mailändischen Klinik, in der Scheiderbauer behandelt wurde, sind zu sehen.
Auch an der Wand hängt jener Stadtplan der italienischen Stadt Lecce, die der Künstler in einem Projekt gestaltet hat: Dieser Plan konnte von afrikanischen Einwanderern auf der Straße verkauft werden – ein Blick darauf lohnt sich, wie wohl auch die Teilnahme am Dialog.

Der „Kreissaal“

Eröffnung am Freitag um 17 Uhr im Magazin 4, Bregenz. Bis 17. Oktober. Geöffnet Mi. und Do., 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, Fr., Sa. und So., 9 bis 12 und 14 bis 23 Uhr. Die ersten Gäste sind u.a. Sigi Ramoser und Maria Simma-Keller (18. September), Edgar Eller und Eva Grabherr (25. September), Hanno Loewy und Stefania Pitscheider Soraperra (3. Oktober). Infos gibt es unter www.kreissaal.jetzt.