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Schauplatz Gericht zum Tatort Ischgl

17.09.2021 • 10:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
CORONAVIRUS: TIROLER QUARANTAeNEGEBIETE WIEDER FREI
APA/EXPA/JOHANN GRODER

Ischgl war Ursprung vieler Infektionen. Heute beginnt erster Prozess.

Es ist eineinhalb Jahre her, als aus dem „Ibiza der Alpen“ ein europaweit beachteter Coronahotspot wurde. Mehr als 6000 Leute – großteils Touristen – haben sich in und um Ischgl mit dem Coronavirus infiziert (siehe Grafik), ehe man das Skimekka evakuierte und unter Quarantäne stellte.

Schauplatz Gericht zum Tatort Ischgl
Kleine Zeitung


Seither hagelte es Kritik an Behörden, der zuständige Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) musste gehen, der Schaden für das fast ausschließlich vom Tourismus abhängige 1600-Einwohner-Örtchen ist enorm. „Wir hatten im vergangenen Winter keinen einzigen Betriebstag“, klagt der Chef des Tourismusverbands in Ischgl, Andreas Steibl, der die Pandemie mit einer Naturkatastrophe vergleicht. Die Buchungslage für die bevorstehende Wintersaison sei wegen der treuen Stammkundschaft gut, die Angst vor der vierten Welle aber allgegenwärtig.

„Wir leben zu 110 Prozent vom Tourismus.“

Andreas Steibl, Tourismus-Chef

Witwe und Sohn fordern 100.000 Euro

Doch damit nicht genug. Denn heute beginnt am Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen der erste Prozess in der Causa: Witwe und Sohn eines an Corona verstorbenen Ischgl-Besuchers fordern von der Republik 100.000 Euro (Schmerzensgeld, Schockschaden, Trauerschaden und Beerdigungskosten). Aufgrund der chaotischen Zustände bei der Abreise habe sich der 72-Jährige in einem Bus angesteckt. Die Republik wird vertreten durch die Finanz-Prokuratur, wo man sich im Vorfeld nicht äußern wollte.

Schauplatz Gericht zum Tatort Ischgl
Kleine Zeitung

Die Kläger werden unterstützt von Peter Kolba und dem Verbraucherschutzverein. Er rechnet damit, dass heuer noch 40 Klagen eingereicht werden. Bis alles aufgearbeitet ist, wird es noch dauern. Aber nicht länger als bis zum Ende des nächsten Jahres, hofft er. Danach beginnen Ansprüche zu verjähren. Nicht immer geht es dabei um 100.000 Euro. Am unteren Ende der Skala stehen rund 10.000 Euro – wenn es etwa um Verdienst-Entgang geht.


Rund fünf Prozent der 3000 haben angegeben, unter Langzeitfolgen zu leiden. Hier lässt sich noch kaum abschätzen, wie diese Situationen bewertet werden. „Bei allen Klägern handelt es sich um Personen, die am 6. März oder danach angereist sind“, sagt Kolba. Also einen Tag nachdem das Land Tirol darüber informiert worden war, dass 14 Isländer nach einem Ischgl-Aufenthalt positiv getestet worden waren.

„Wir werfen den Behörden in Land und Bund vor, zu spät reagiert zu haben.“

Peter Kolba, VSV

 Man hätte die Saison im Paznauntal schon eine Woche früher beenden müssen, konstatiert er und prangert an, dass der Einfluss des finanzstarken Tiroler Tourismus auf die Politik zu dieser Verzögerung beigetragen habe.

Das weist man bei der Tirol Werbung ebenso zurück wie in Ischgl: „Der Bericht der Expertenkommission stellt ja fest, dass es keine Einflussnahme vonseiten des Tourismus gegeben hat“, betont Steibl.

„Die Behörden haben alles richtig gemacht.“

Bernhard Tilg, Ex-Landesrat

Kolba überzeugt auch das nicht: „Laut Kommission hätte der Umsatzausfall von 9. bis 13. März rund 10 Millionen Euro betragen“, erinnert er. Bei solchen Summen mache es laut dem VSV-Experten sehr wohl Sinn, das Zusperren hinauszuzögern. „Gerade in Ischgl hat man vorrangig auf die Ökonomie geschaut – und das zulasten der Gesundheit der Gäste.“

Ein Urteil wird heute nicht erwartet. Zunächst soll geklärt werden, ob man sich mit einem Vergleich einigen kann. Auch das ist unwahrscheinlich.

Chronologie

5. März 2020: Infizierte Isländer

Die Tiroler Behörden erfahren, dass 14 isländische Gäste nach einem Ischgl-Aufenthalt positiv auf das Virus getestet worden sind. Man geht von einer Ansteckung beim Heimflug aus, nicht in Tirol.

7. März 2020: Kitzloch sperrt zu

Ein Kellner des Lokals „Kitzloch“ wird positiv getestet. Die Mitarbeiter werden isoliert und das Lokal wird gesperrt. Es wird bekannt, dass die erkrankten Isländer in der Après-Ski-Bar waren.

13. März 2020: Chaos bei Abreise

Das Paznauntal, in dem sich auch Ischgl befindet, wird von der Bundesregierung unter Quarantäne gestellt – und bleibt bis zum 23. April isoliert. Es kommt zu chaotischen Abreiseszenen.

13. Mai 2020: Aufklärung

Tiroler Landtag setzt eine Expertenkommission zur Untersuchung des Krisenmanagements ein. Landesrat Tilg übersteht ein Misstrauensvotum.

23. September 2020: Amtshaftungsklage

Der VSV bringt vier Amtshaftungsklagen von Covid-19-Geschädigten wegen schwerer Fehler beim Pandemie-Management gegen die Republik beim Landesgericht Wien ein.

12. Oktober: „Rohrer-Bericht“ kritisiert und entlastet

Expertenkommission präsentiert ihren Bericht. Vorsitzender Ronald Rohrer wartet einerseits mit Kritik und andererseits mit Entlastung der Verantwortlichen auf. Kritisiert wird etwa das Zuwarten mit dem Beenden des Skibetriebes. Druck vonseiten Dritter auf das Land oder Landeshauptmann Günther Platter habe es nicht gegeben.