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„Ich halte das für unverantwortlich“

18.09.2021 • 12:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
CORONA: PK NACH DEN ERSTEN COVID-19-IMPFUNGEN IN OeSTERREICH
APA/GEORG HOCHMUTH

Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres über Eklat im Parlament.

Herr Präsident, Sie haben am Donnerstag den Gesundheitsausschuss im Parlament, wo Sie als Experte geladen waren, verlassen, nachdem ein FPÖ-Abgeordneter Sie beleidigt hatte. Worum ging es da?
Thomas Szekeres: Der Streitpunkt war, wie man die Impfquote hebt. Ich bin der Meinung, dass man alles tun muss, um mehr Menschen zu impfen, das sieht die FPÖ offensichtlich nicht so. Ich halte das für unverantwortlich. Nachdem mich der Abgeordnete Wurm dann dreimal der Lüge bezichtigt hat, bin ich gegangen. Das ist des Hohen Hauses nicht würdig, ich habe es nicht notwendig, mich beschimpfen zu lassen.

Hätten Sie sich einen Ordnungsruf erwartet?
Szekeres: Nein, ich hätte mir erwartet, dass so etwas gar nicht erst passiert im Parlament. Aber ich war nicht allein, es haben Vertreter aller anderen Parteien ihre Solidarität bekundet. Heute hat mich noch der Ausschussvorsitzende Kanjak (ebenfalls FPÖ) angerufen und mir sein Bedauern mitgeteilt.

Die FPÖ behauptet ja, es bräuchte keine Impfung, es würde reichen die Abwehrkräfte zu stärken. Wie reagiert man als Arzt auf solche Anwürfe?Szekeres: Mit Unverständnis! Wir wissen ja nicht, wer schwer krank wird. Es gibt Menschen, die infizieren sich und merken gar nichts, andere werden schwer krank und landen auf der Intensivstation – auch Junge. Man sieht daran ganz klar, wie gut die Impfung wirkt, dass jetzt der Altersschnitt der schwer Kranken sinkt – das liegt daran, dass die gefährdeten Alten inzwischen besser geschützt sind, weil sie sich impfen haben lassen. Noch zumindest – denn nach fünf bis neun Monaten lässt der Impfschutz nach, wie wir in Israel gesehen haben. Deswegen ist es gut, dass wir mit der Drittimpfung begonnen haben.

Bei der Erst- und Zweitimpfung hinkt Österreich hinterher. Was kann man tun, um die Quote zu erhöhen?
Szekeres: Man muss alles tun – von der PR-Kampagne bis zu den Hausärzten. Ich glaube nicht, dass alle, die bisher ungeimpft sind, hundertprozentige Impfgegner sind, sondern Leute mit Fragen und Sorgen. Da kommt den Hausärzten eine wichtige Rolle zu, um aufzuklären.

Auch in der Ärzteschaft gibt es einzelne Kollegen, die die Impfung ablehnen. Wie geht die Kammer mit solchen Ärzten um?
Szekeres: Das hängt davon ab, was sie genau sagen. Eine Gefährdung von Patienten oder eine unwissenschaftliche Beratung ist nicht erlaubt. In solchen Fällen gibt es Disziplinaranzeigen. Wir haben 48.000 Ärzte in Österreich, da sind natürlich einige dabei, die bedenkliche Äußerungen machen. Es sind aber nicht viele.

Wissen Sie, wie viele Ärztinnen und Ärzte selbst geimpft sind?
Szekeres: Wir haben das nicht abgefragt, aber die überwiegende Mehrzahl ist geimpft.

Wie ist denn die Stimmung in der Ärzteschaft nach eineinhalb Jahren Pandemie in Österreich?
Szekeres: Die Ärztinnen und Ärzte haben übermenschliches geleistet, viele sind erschöpft und müde. Die Hoffnung ist, dass das bald vorbei ist. Aber das Gesundheitssystem funktioniert, die Ordinationen sind durch Impfungen und räumlich abgesichert.

Und die Spitäler?
Szekeres: Die Intensivstationen füllen sich, beziehungsweise: waren immer schon voll. Bei manchen Berichten glaubt man ja, dass dort normalerweise alle Betten leer sind, aber das war ja nie der Fall.

Was wären denn Ihre Empfehlungen an die Politik?
Szekeres: Alles zu tun, um die Impfquote zu erhöhen. Und ein Appell an die FPÖ, hier mitzuhelfen, damit die Menschen geimpft werden. Ein weiterer Anstieg der Infektionszahlen würde das System maximal belasten – und einen weiteren Lockdown können wir uns alle nicht mehr vorstellen.

Hat es Sinn, noch mehr Druck auf Ungeimpfte zu machen?
Szekeres: Primär geht es um Aufklärung und darum, Ängste zu nehmen. Eine andere Option ist es, bei Menschen, die auf eine Gratis-Impfung verzichten, kostenpflichtige Tests einführt; eine dritte wäre, bei Veranstaltungen, bei denen erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht, eine 1G-Regelung – Zutritt nur für Geimpfte bzw. Genesene mit einer Zusatzimpfung – einzuführen.

Viele Eltern fragen sich aktuell, ob sie ihre unter-zwölfjährigen Kinder „off label“ schon jetzt impfen lassen sollen. Was empfehlen Sie?
Szekeres: Ich rate zur Zurückhaltung, in Einzelfällen kann das aber Sinn machen. Jedenfalls sollte man sich aber zuerst mit dem behandelnden Kinderarzt beraten. Ich hoffe, dass in den nächsten Wochen die Impfung auch für Kinder zugelassen wird – dann bin ich sehr dafür, sie zu impfen. Die Ansteckungswahrscheinlichkeit in den Schulen ist hoch.

Was sagen Sie zu dem Plan, nur noch die unmittelbaren Sitznachbarn infizierter Schüler in Quarantäne zu schicken?
Szekeres: Ich fürchte, das wird nicht reichen. Wenn sich die Schüler stundenlang in einer Klasse aufhalten, wird sich das weiter ausbreiten. Ich würde empfehlen, ungeimpftes Lehrpersonal für andere Aufgaben einzusetzen als für Unterricht, genauso wie ungeimpftes Personal in den Spitälern nicht mit Patienten arbeiten sollte.

Wäre da nicht eine Impfpflicht die bessere Lösung?
Szekeres: Aus medizinischer Sicht macht eine Impfpflicht absolut Sinn; aber politisch ist sie nicht realistisch, weil es niemanden im Parlament gibt, der das will.