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Was Bildung wäre, wenn es sie gäbe

18.09.2021 • 12:32 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Was Bildung wäre, wenn es sie gäbe

Betrachtungen eines Uniprofessors, der „aus dem Keller“ kam.

Ich war einer, der aus der Kellerwohnung kam, „von unten“, wie man so leichthin sagt. Für mich ging es darum, zugelassen zu werden. Das klingt in manchen Ohren womöglich abstrakt. Aber es war für mich das Konkreteste. Ich war praktisch ausgeschlossen. Die Wohnungstüren derer, die zu ebener Erde wohnten, blieben mir verschlossen. Ich durfte nicht hoffen, einst die Luft jener zu atmen, die im ersten Stock wohnten oder noch höher, im Akademikerhimmel. Zugelassen zu werden, blieb bei mir untrennbar verschmolzen mit dem Gefühl, eingelassen zu werden.

Es wäre ungerecht gegenüber meiner Kindheitswelt mit Kohlenherd, Wasser am Gang (die Bassena-Situation) und einer Zwei-Zimmer-Enge, wenn ich auf das Gefühl der Geborgenheit vergessen würde. Im Keller kann man sich geborgen fühlen. Deshalb die Liebe der Kinder zu manchen Tiergeschichten, die in Höhlen spielen, Wohnhöhlen, wo man sich hineinkuscheln kann.

Als ich das erste Mal das Gymnasium betrat, das ich nach bestandener Aufnahmeprüfung acht Jahre lang frequentieren sollte, waren es gleich die hohen Räume, die mich einschüchterten. Aus den kindlichen Wünschen und Wonnen – mochten diese sich in meinem Fall auch vom Keller aufwärts entwickelt haben – war schließlich eine reifere Passion geworden: „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, wie es am Schluss von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ über die Heimat heißt – einem Buch, das mir damals den „Weg nach draußen“ zu weisen schien.

Bloch war Marxist, für mich war die Welt des Nutzens eine niedere. Die Welt des Geistes trug ihren Wert in sich. Meinen Mitschülern, deren Elternhäuser ihnen ein Gefühl für den Wert der Praxis mitgegeben hatten, begegnete ich mit gedämpftem Abscheu. Auch die, die von unten kommen, haben ihre Arroganz.

Zum Autor

Peter Strasser, geboren 1950 in Graz, zählt zu den wichtigsten Philosophen und Publizisten des Landes.

Strasser lehrte Philosophie an der Universität Graz. Der Träger des Österreichischen Staatspreises für Publizistik veröffentlichte gut zwei Dutzend Werke.

Und schließlich die Universität. Ich könnte über die Langeweile herziehen, die ich zu Beginn meines Studiums empfand, und über die Marotten von Professoren, die über ihrer eigenen Lehre einschliefen. Ich denke, das wäre ungerecht. Denn an die Stelle der hohen Räume, in denen man an manch gelangweilten Seminarnachmittagen im Licht, das durch die Fenster flutete, den Staubteilchen nachsinnen konnte, sind nun bunkerartige Funktionskuben getreten, deren Wände sich mit Power-Point- und Video-Präsentationen bespielen lassen. Keine Aussicht mehr nach draußen. In diesen Kuben formiert sich der intelligente Ameisenstaat. Die exzellentesten Plagiate heißen nun Originale und finden sich in den „Abstracts“ zu Forschungsprojekten.

Die Sprache der Gelehrten

An einem dieser Projekte, an dem teilzunehmen ich mich bereit erklärt hatte, wurde dasjenige, was heute von Interesse sei, „auf den Begriff gebracht“. Da heißt es: „Von Interesse ist eine kritische Reflexion und metatheoretische Diskussion der theoretischen und praktischen Möglichkeiten, die Inter- und Transdisziplinarität generell bieten. Diese Forcierung fachübergreifender, wissenschaftstheoretischer Ansprüche kann durch einen begriffsgeschichtlich sensiblen Umgang im Sinne einer historischen Semantik und Diskursgeschichte gefördert werden.“

Ich stehe solcher Sprache fremd gegenüber. Zwar kann ich sie, aus eingelernter Routine, entschlüsseln und repetieren. Doch solche Sprache weiß nichts mehr von meinen eigenen, ureigenen Angelegenheiten, zu denen die Angelegenheiten meines Geistes zählen, der sich nach dem Absoluten – hin zur Helligkeit des Wahren, Guten und Schönen – sehnt. Aber umdrehen und weggehen? Wohin denn?

Immerhin, es gibt sie noch da und dort, die Winkel der Gelehrsamkeit. Es sind die Winkel der „Orchideenfächer“ – was für ein schöner, vielversprechender Name! Dort finden sich in Institutsbibliotheken noch jene Bücher, die, von der Zentralverwaltung vergessen, handschriftliche Anmerkungen führen; dort fällt noch jenes Licht durch die verstaubten Oberlichten, das meine Sehnsucht einst, als Student, beflügelte.

Die neue Sehnsucht

Ja, beflügelte, denn obwohl das Licht real war, war die Helle, die mich durchflutete, ein seelischer Prozess, der, wie ich hoffte, auch soziale Folgen haben würde. Ich wollte nach oben. Aber eben nicht nur äußerlich. Und nicht bloß irgendwohin, nicht bloß „raus“ – obwohl ich die Verlockung des Eskapismus kenne –, sondern ins Sehnsuchtsreich einer Bildung, aus der man nicht unverwandelt wieder hervorgeht: jedenfalls nicht seelenloser, als man hineinging; nicht mehr ganz als der, der man war, und doch mehr denn je als der, der man schon immer, im Sehnsuchtskeim, gewesen ist.

Für mich hatte Bildung, das sehe ich nun deutlicher als einst, zu jener Zeit, wo gewisse bildungsfeindliche Entscheidungen, gewisse „Trends“ zur Vermassung des Geistes noch im Ungewissen verharrten und meine persönliche Lage aufstiegsorientiert war – für mich hatte Bildung stets wesentlich damit zu tun, dass über alle erlernbaren Tatsachen, über alle Erfolge in Theorie und Praxis hinweg, der Satz gültig blieb: „Es gibt was Besseres in der Welt …“ Denn das In-der-Welt-Sein der Sternseherin Lise aus dem Gedicht von Matthias Claudius ist ein den Sternen zugewandtes.

Die Bildung und der „Nutzen“

Mich den laufenden Bildungsdiskussionen anzuschließen, auch und gerade wenn sie von wohlmeinenden Multimillionären getragen werden, fände ich bloß nutzlos. Es geht immer nur um den Nutzen, auch wenn zwischendurch das Wort von der „Bildungsgerechtigkeit“ herumgeistert. Gerechtigkeit in der Bildung ist ein zentraler Wert, weil die Gerechtigkeit überhaupt ein zentraler Wert des Menschseins ist. Die Sehnsucht in uns allen macht uns alle gleich. Aber in den laufenden Bildungsdiskussionen spielt die Sehnsucht keine Rolle. Wie sollte sie auch?

Und doch: Was die Gegner des herrschenden Unruhebetriebs der Exzellenz meinen, wenn sie vom kategorischen Imperativ der Muße und Nachdenklichkeit sprechen, ist entweder eine Plattitüde oder ein regelrecht systemsprengendes Aperçu. Sollen „Muße“ und „Nachdenklichkeit“ bedeuten, dass ein Individuum sich, aus dem Quell eigener Geistigkeit schöpfend, seinem Objekt als einem würdigen Gegenstand der Gelehrsamkeit zuwendet, dann stehen Muße und Nachdenklichkeit quer zur Begriffsabriegelung heutigen Projektdenkens.

Was denjenigen, der noch nicht allen Sinns für das Geistige beraubt ist, als Begriffsschrott abstoßen muss – Schrott, welcher laufend auf den Fördermüllhalden der Wissenschaftsfonds deponiert wird –, das ist für den „Exzellenzforscher“ im System geradezu der Fortschrittsäther, der alles durchdringen sollte. Das Individuum ist dabei eine Art Arbeitsstation, eine biologische Festplatte, deren Programme unterschiedlich fein und komplex „getunt“ sein können.

Was also wäre Bildung? Belehrte Sehnsucht – die Sehnsucht, in den Dingen, vom Keller bis zum bestirnten Himmel, einen Abglanz jener Geistigkeit wiederzufinden, die uns beseelt, sobald wir uns zur Welt hin öffnen.

Essay von Peter Strasser