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Vom Schulanfang und dem Lernen fürs Leben

18.09.2021 • 16:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Ich bin eigentlich jemand, dem Vielfalt ein großes Anliegen ist. Von Büchern, Essen, Bekleidungsstilen über Natur und Kunst bis hin zu uns Menschen.
Überall ist es meines Erachtens wichtig, dass wir Eigen- und Besonderheit schätzen sollten. Außer bei Schulheften! Es ist kaum auszuhalten. Jeden Schulanfang stehe ich mit einer langen Liste vor dem riesigen Heftregal und verstehe nicht, warum es unmöglich ist, sich auf ein bis zwei Formate zu einigen. A4, A5, VSQU, QU und sonst noch irgendwas sowie 20 Blatt, 40 Blatt, 60 Blatt, mit Rand, ohne Rand, mit Rahmen, ohne Rahmen, Mittelstrich, Korrekturrand und so weiter. Dazu dann noch die passenden Farb­umschläge suchen und der Tag ist für mich emotional gelaufen.

Die Sehnsucht nach einem einzigen, kleinen, erfrischenden weißen Spritzer macht sich breit, während ich versuche, die richtigen Hefte für meine Tochter zu finden. Eine Frau steht mit demselben Gesichtsausdruck neben mir – eine Mischung aus konzentriertem Lesen der Beschilderungen sowie verzweifeltem Ankämpfen gegen den Wunsch, aufzugeben – und wir beginnen beide zu lachen.
„Man meint, ich würde inzwischen auswendig wissen, wo all die Hefte liegen. Aber nein, jedes Jahr stehe ich wieder davor und versteh nur Bahnhof“, meint sie. Dann ­juch­zt sie auf und greift nach einem Schulheft in der Mitte des Regals. Triumphierend hält sie es in die Höhe. „Das letzte!“ Sie hat es hinter sich. Ich schau auf meine Einkaufsliste, drei Häkchen von 13 noch zu erledigenden. Das wird dauern.

In der Zwischenzeit schwirrt meine Tochter durch das Geschäft und hält mir immer wieder neue Schulartikel vor die Nase. „Kann ich das …?“ – „Das brauch ich unbedingt!“ – „Mein roter Farbstift ist stumpf. Ich brauch neue Buntstifte!“ Ich versuche, im richtigen Moment mit dem Kopf zu schütteln.
Meine Tochter und ich sind beide in einem Lernprozess. Ich beim Studium von Heftgrößen und deren innerer Beschaffenheit, Tochter eins beim Aneignen der Erkenntnis, dass nicht jedes Jahr sämtliche Schulutensilien einer Erneuerung bedürfen. Ein Spitzer hat kein Ablaufdatum, und es reicht, wenn man auf die modischen Neuerungen eines Federpennals dann eingeht, wenn das alte tatsächlich kaputt ist. So stehen wir beide in dem Schulgeschäft und lernen fürs Leben. Es hört einfach nie auf.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.