Allgemein

Großbritannien geht der Sprit aus

25.09.2021 • 20:03 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Immer mehr Tankstellen im Vereinigten Königreich müssen dichtmachen
Immer mehr Tankstellen im Vereinigten Königreich müssen dichtmachen AFP

Großbritannien muss mit einem harschen Winter rechnen dieses Jahr.

Erst lichteten sich in britischen Supermärkten hier und da die Regale. Nun hängen immer mehr Insel-Tankstellen an ihren Zapfhähnen „Sorry“-Schilder aus. „Uns geht der Sprit aus!“ tönten am Freitag gleich mehrere Londoner Blätter verstört auf ihren Frontseiten. Mancherorts bildeten sich kleine Autoschlangen, weil Fahrer in Panik geraten waren, die von ihren Fahrzeugen abhängig sind. Dabei gebe es ja „genug Benzin“ im Lande, suchten BP und Esso ihre alarmierte Kundschaft zu beschwichtigen. Nur eben bei der Auslieferung habe man an manchen Tankstellen ein „vorübergehendes“ Problem. Die Regierung beschwor die Nation, die Lage nicht durch Panikkäufe zu verschlimmern. „Ein Grund zur Besorgnis“, versicherte sie, „besteht nicht.“

Andererseits räumte Paul Scully, ein Wirtschafts-Staatssekretär, ein, dass man in seinem Ressort bereits „Worst-case-scenarios“, Pläne für den schlimmsten Fall, schmiede. Denn nicht nur drohen dem Vereinigten Königreich Versorgungs-Engpässe, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gab.

Die jüngste Explosion der britischen Gaspreise, die zu einem generellen scharfen Anstieg der Lebenshaltungs-Kosten zu führen beginnt, bringt den ärmeren Teil der Bevölkerung auf den Winter hin in größte Schwierigkeiten – zumal drastische Kürzungen der Sozialleistungen bevor stehen und das Covid-Hilfsnetz eingerollt werden soll.

Die Versorgung ist nicht mehr sichergestellt

Direkt spürbar sind freilich zunächst die sich mehrenden Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken, und nun also auch mit Benzin an manchen Tankstellen. Schon seit Wochen klagen Großhändler und Supermärkte, dass schlicht die Liefer- und Lastwagen-Fahrer fehlen, um die Versorgung sicherzustellen.

Angeblich soll es zur Zeit an 100.000 Lkw-Fahrern in Grossbritannien fehlen. Zum Teil liegt das daran, dass sich im Covid-Chaos die Ausstellung von Lkw-Führerscheinen erheblich verzögert hat.

Das wohl größere Problem besteht aber darin, dass dem Land wegen Brexit Zehntausende europäischer Fahrer verloren gingen – und Fahrer aus der EU, die „Brexitannien“ weiter beliefern würden, kein Arbeitsvisum mehr erhalten haben dafür.

Denn die Tory-Regierung unter ihrem Brexiteer-Premier Boris Johnson bestand post Brexit darauf, dass ausschließlich britische Fahrer eingesetzt werden sollten. Die Ausbildung dieser Fahrer solle „vereinfacht“ werden, hat sie erklärt. EU-Fahrer würden „nicht wirklich“ gebraucht.

Dabei hat selbst der Verband der britischen Spediteure darauf bestanden, dass nur mit vorübergehenden Arbeits-Genehmigungen für EU-Kollegen die Engpässe zu beheben seien: Sonst stehe ein „schlimmer Winter“ bevor.

„Alle im Lande – Versorgungsketten, Geschäftsleute, Supermärkte – sagen doch dasselbe“, hat zum Wochenende Verbandschef Rod McKenzie beteuert. „Nämlich dass alles nur immer schlimmer wird.“

Zusätzlich verschärft hatte sich die Lage in den letzten Tagen durch einen plötzlichen Mangel an kommerziellem Kohlendioxid, das man unter anderem zum Frischhalten von Lebensmitteln benötigt. Für diesen Mangel verantwortlich war der steile Anstieg der Gaspreise im Land.

„Unsere Regierung hofft offenbar einfach nur, dass sich alles irgendwie in Wohlgefallen auflöst“, machte McKenzie seiner Frustraton Luft am Freitag. Das war, nachdem Johnson erklärt hatte, alles werde sich „schon wieder einrenken“ demnächst.

Auch viele der Parteigänger Johnsons befürchten aber, dass speziell dem ärmeren Teil der Bevölkerung harte Zeiten bevor stehen. Nicht nur weil durch die Energiekrise die Lebenshaltungs-Kosten sich sehr schnell und spürbar erhöhen werden. Sondern auch, weil die Regierung bisherige Zuwendungen streicht.

Droht ein Winter der sozialen Revolten?

Im Vertrauen darauf, dass wegen häufigen Personalmangels „ja vielerorts auch die Löhne steigen“, will Schatzkanzler Rishi Sunak an seiner Entscheidung festhalten, zum Ende dieses Monats das staatliche Covid-Hilfsnetz, dessen sich noch immer 1,6 Millionen Bürger bedienen, abzubauen.

Darüber hinaus soll eine „vorübergehende“ Sozialleistung für bedürftige Haushalte, die 20 Pfund pro Woche beträgt und ebenfalls wegen Covid eingeführt wurde, nun wieder abgeschafft werden. Diese Maßnahme stürzt Hunderttausende von Familien in eine akute Notlage. Dazu kommen schon beschlossene Steuererhöhungen fürs nächste Frühjahr – und eben der Anstieg der Lebensmittel- und Gaspreise überall.

Schon hätten besorgte Mitbürger begonnen, die Beratungsstellen des Landes zu stürmen, berichten karitative Organisationen wie „Citizens Advice“. Leute mit geringem Einkommen sähen sich vor einem „äusserst schweren Winter“, meinen Mitarbeiter dieser Einrichtungen bang.

Zu einem regelrechten „winter of discontent“, einem Winter der Unzufriedenheit wie in den 70er Jahren, könne sich das Ganze entwickeln, haben Tory-Abgeordnete ihre Minister gewarnt. In der Regierung scheint man derweil abzuwägen, ob man nun doch EU-Fahrer ins Land lassen oder eher das Militär einsetzen soll.