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Warum Oberösterreicher “Mostpeople” sind

25.09.2021 • 15:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Oberösterreich wählt morgen
Oberösterreich wählt morgen Margit Krammer

Essay. Was jenes Völkchen, das morgen zur Wahl schreitet, ausmacht.

Oberösterreich ist das Bundesland mit der geringsten Impfquote. Zufall? Nein, denn die Oberösterreicher sind nicht nur geschäftstüchtig und bauernschlau, sondern auch halsstarrig, sturschädlert. Mein Englischlehrer hat immer gesagt, Oberösterreicher sind die Mostpeople. Most war einmal die Landessäure – leicht süßlich und doch so sauer, dass es einem den Mund bis hinunter in die Enddärme zusammenzieht. Vielleicht ist in Oberösterreich deshalb der Humor so trocken wie altes Brot. Man isst auch gerne Sauerkraut – eigentlich zu allem. Ein Wunder, dass man es nicht bereits in der Früh in den Kaffee wirft.

Die Leute sind wie Most – süß und hinterfotzig. In Oberösterreich gibt es mehr Blasmusikkapellen als Gemeinden, ein verzweigtes Netz an Landesmusikschulen und Goldhaubenvereinen. Früher haben sich die Bürgermeister mit einem Hallenbad ein Denkmal gesetzt, heute tun sie es mit einem Kreisverkehr. Und rundherum Schuhschachtelarchitektur. Einkaufszentren. Kein Bundesland ist so sehr mit an Umspannwerken gemahnenden Einfamilienhäusern verhüttelt wie Oberösterreich. Dabei erinnern die traditionellen Vierkanthöfe an Trutzburgen – typisch für den misstrauischen, wehrhaften Oberösterreicher, der immer überrannt worden ist von Bayern, Salzburgern, Wienern.

Ist es Zufall, dass Oberösterreich die Brutstätte der schlimmsten Nazis war? Hitler, Eichmann, Kaltenbrunner, usw. Heute gibt es Jungnazis, die Friedhöfe schänden oder Hakenkreuze schmieren. Holzköpfe. Aber es gibt auch ein anderes, modernes Oberösterreich: Ars Electronica, Klangwolke, Lentos. Ein Arbeiter- und Bauernland mit keinem Bürgertum, ein Land der Heimwerker und selbst gebastelten Ideologien. Mostpeople.

Linz hat (wie sonst nur Frankfurt) mehr Arbeitsplätze als Einwohner und beste Luftqualität. Es stinkt nicht mehr, dafür ist die Selbstmordrate hoch. Woran das liegt? An der verwickelten, durchwringten Geschichte? Vom Bauernnest zur Metropole? An der Mischung aus Größenwahn, Selbstverleugnung und Sturköpfigkeit? Linz ist die kleinste Großstadt der Welt, ein hybrides Mühlviertler Dorf, und ihre Spezialität sieht aus wie ein erblindeter Keks. Oder stehen die dreilöchrigen Linzer Augen für den alles abräumenden Lauf des Schicksals? Symbolisieren sie Bowling-Kugeln? Freundlich sind die Leute, sagen aber Sätze wie “nix gsogt, is globt gnua” oder “auf di werdns grad warten”. Die Oberösterreicher sich leicht verduckst, haben Probleme mit ihrer Identität. Mostpeople.

Wer die von Franz Stelzhamer gedichtete Landeshymne hört, glaubt an einen Scherz: “Hoamatland, Hoamatland, i han di so gern! Wia a Kinderl sei Muader, a Hunderl sein Herrn.” Dabei ist der Oberösterreicher weniger stolz auf sein Land als der Tiroler, Kärntner oder Steirer. Die Landschaft ist weder hochalpin noch pannonisch flach, sondern konsequent hügelig. Immer wieder geht es leicht bergauf und leicht bergab – so wie in der Sprache Thomas Bernhards, wo die Sätze auch ständig einen neuen Anlauf nehmen. Eine Wiederholung des Immergleichen. Wie beim Essen, da werden auch alle böse, wenn sich etwas ändert, es zum Schweinsbraten kein Stöckelkraut gibt, der Erdäpfelkäse zu fest ist oder der Grammelknödel im falschen Teig daherkommt. Der Oberösterreicher ist ein Gewohnheitstier, was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Shrimps, hat mein Onkel einmal gesagt, während er mit seinem Taschenfeitl in einem gekochten Sauschädel herumstocherte, Fleischstücke vom borstigen Kopf löste und sich in den Mund stopfte, Shrimps würde er nie essen. So ein grausliches Zeug. Mehlwürmer …

Oberösterreich? Eine spröde, ländliche Gegend, wo selbst die Hauptstraße in Linz Landstraße heißt. Wo knorrige Mostbäume in nebelverhangenen Feldern oder auf braunen, beraureiften Wiesen stehen, die Menschen Knödelgesichter haben, aus denen Wörter wie oidamlang, oidfaderisch, Dreaschen, Dedern oder Zwidawurzn kommen. Das B spricht der Oberösterreicher als W aus, wie umgekehrt, statt Löwe sagt er Löbe, Möwe sind Möbelstücke und Möbe der Vogel. Beim Telefonieren heißt es: “Morgen rühre ich mich wieder” – als ob man sich bis dahin nicht bewegen würde. Den Kiwi (Kübel) gibt es länger als in Neuseeland.

Und außerdem das “neta“. “Ich bin eh neta einkaufen gewesen. Hat eh neta an Fünfer gekostet.” Manche glauben ja, das neta hieße netter. “Ich bin eh netter einkaufen gewesen.” Aber das ist Blödsinn. Die Oberösterreicher sind ja vieles, aber ganz bestimmt nicht nett. Wann, dann sind sie griaslad oder gfeanzt, also eine Mischung aus süßlich und verschlagen – wie der Most.

Oberösterreichisch ist die kehlkopfschonendste Sprache der Welt. Man darf nur den Mund beim Sprechen nicht bewegen. Und dann gibt es diesen Test, mit dem man Fremde überfällt: Sag einmal Oachkatzlschwoaf, weil wenn du Oachkatzlschwoaf nicht sagen kannst, bis du kein Oberösterreicher. Oberösterreich, vier wenig unterschiedliche Viertel und ein Salzkammergut, das einem nicht allein gehört. Überall destilliert man Zwetschken, Kletzen, Zirben oder Kriecherl, wird Bauernschnapsen gespielt, trägt man rote Schnapsnasen wie Scheibtruhen im Gesicht, und muss ein Schnaps vor allem eines können, die Gurgel runterfahren wie die Feuerwehr zum Brand.

Oberösterreich ist ein schönes Land mit freundlicheren Menschen als in Wien. Ich bin gerne dort. Und doch hat mich in Vöcklabruck, meiner Heimatstadt – vorn a Turm, hint a Turm und dazwischen lauter Surm – letztens eine große Traurigkeit gepackt. Zwar gab es am Stadtplatz immer noch Marktstände, aber keine Menschen mehr. Früher herrschte da ein unwahrscheinliches Gewusel, nun war die Stadt – und es lag nicht an Corona – wie ausgestorben.

Wo waren alle? Im Einkaufszentrum! In Elektronikmärkten und bei “Running Sushi”. Einem Unort, der auch in Doha, Sarasota oder Norrköping sein könnte, identitätslos, austauschbar, aber mit Parkgelegenheit. Mostschädeln! Weil das ist die Gefahr für Oberösterreich, wenn man nicht aufpasst, verkommt es zu einem Einkaufszentrum oder einer Autobahnraststation. Aber das wäre dann mostdeppert oder wie der Oberösterreicher sagt: “A schena Kas. Des zipft mi oa.”

von Franznobel

Franzobel
Franzobel, geboren 1967 als Stefan Griebl im oberösterreichischen Vöcklabruck, ist Schriftsteller, Kolumnist der Kleinen Zeitung und Bachmannpreis-Träger. Bücher u. a.: „Das Floß der Medusa“ (2017), „Rechtswalzer“ (2019), „Die Eroberung Amerikas“ (2021).Fotograf

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