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„Das vermissen wir schon schmerzlich“

26.09.2021 • 12:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Denkmalschützerin Barbara Keiler im NEUE-Interview.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Denkmalschützerin Barbara Keiler im NEUE-Interview. Hartinger

Barbara Keiler über fehlendes Gesetz zum Ortsbildschutz.

Lassen sich die Vorarlberger gerne beim Bauen dreinreden?
Barbara Keiler:
Der Anfang ist manchmal schwierig. Viele wissen einfach nicht, was wir so machen und glauben, dass man keine Türklinke ändern darf. Tatsächlich ist aber sehr vieles möglich. Letztlich sind die Betroffenen dann aber froh über die Beratung. Wir wollen ja nichts verkaufen. Wir wollen gute und nachhaltige Lösungen finden.

Was sind denn die größten Vorbehalte gegenüber dem Denkmalschutz?
Keiler:
Dass man nicht mehr Herr über sein eigenes Gebäude ist. Aber wir sind ja nicht die einzigen, die mitreden. Bauämter und Raumplanung beschränken das Bauen ebenfalls und das betrifft dann jeden. Der Denkmalschutz betrifft allerdings nicht jeden. Für jemanden, der sich zum ersten Mal damit auseinandersetzen muss, ist das mitunter eine schwierige Situation.

Zur Person

Barbara Keiler

leitet seit 2013 die Abteilung Vorarlberg des Bundesdenkmalamts (BDA). Sie studierte Architektur an der TU Innsbruck und Kunstgeschichte an der Uni Innsbruck. Seit 1998 Referentin für Baudenkmalpflege beim BDA Vorarlberg mit Schwerpunkt Bregenzerwald und Altstadt Feldkirch.

Nicht neu ist der Denkmalschutz für die Stadt Feldkirch. Trotzdem gibt es dort massive Probleme mit der Unterschutzstellung des Café Feurstein. Man spricht von kalter Enteignung, weil Kaffeehausmobiliar, das nicht der Stadt gehört, in einem stadteigenen Gebäude unter Schutz gestellt werden soll. Können Sie die Aufregung bis zu einem gewissen Grad verstehen?
Keiler:
Das können wir schon nachvollziehen. Aber das Bundesdenkmalamt hat die Aufgabe, die betreffenden Objekte nicht nur für die nächsten fünf Jahre, sondern für Jahrzehnte, bestenfalls Jahrhunderte zu erhalten. Wir machen das nicht, weil wir jemandem lästig sein wollen, sondern weil wir überzeugt sind, dass die betreffenden Objekte für die Geschichte des Landes wichtig und (architektur)historisch, kulturell oder künstlerisch bedeutend sind. Wir überlegen uns das schon gut.

In Feldkirch mussten Sie auch Gefahr-in-Verzug-Paragrafen anwenden. Sie haben also befürchtet, dass das Inventar während des laufenden Verfahrens entfernt werden könnte?
Keiler:
Ja. Das kommt aber sehr selten vor. Wir haben in der Regel eine gute Gesprächsbasis und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Im speziellen Fall waren beziehungsweise sind die Fronten verhärtet.

Die Stadt hat beantragt, das Mobiliar an einem anderen Ort, dem Palais Liechtenstein aufstellen zu dürfen. Widerspricht das nicht der Unterschutzstellung, das Inventar wird ja dann sozusagen aus seinem Kontext gerissen?
Keiler:
Ja, das denken wir auch. Wir sind der Meinung, dass es dort bleiben soll, wo es jetzt ist.

Gibt es Beispiele, wo so ein „Ortswechsel“ Sinn gemacht hat?
Keiler:
Eine Sitzgruppe mit Tisch ist vom Jüdischen Museum in die Villa Menti in Feldkirch gewandert. Wenn die Villa in Hohenems nach wie vor als Wohngebäude genutzt worden wäre, hätte man sie vielleicht dort lassen können. In der Villa Rosenthal gibt es beispielsweise Interieur, das dort bleibt, weil es sich ganz gut mit dem kommenden Literaturhaus verträgt.

In Feldkirch steht die gesamte Altstadt unter Ensembleschutz, vieles davon ist in Privatbesitz. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Hausbesitzern?
Keiler:
Ich betreue Feldkirch schon seit über 20 Jahren. Es läuft sehr gut dort. Vielleicht ist es einfacher für die Eigentümer, weil es die Nachbarn genauso betrifft. Für einen Hausbesitzer im Bregenzerwald, dessen Nachbarn mehr Freiheiten haben, ist es sicher schwieriger. Ich denke, unsere Arbeit wird größtenteils geschätzt. Wir versuchen zeitgemäßes Wohnen zu ermöglichen. Es gibt ja auch Förderungen vom Bund, der Kulturabteilung des Landes und der Stadt Feldkirch. Letztere trägt sehr viel dazu bei, das muss man sagen.

Es wird vielfach kritisiert, dass die Förderungen, die der Bund ausschüttet, zu gering sind.
Keiler:
Ja, da würde man sich natürlich mehr wünschen. Aber ich habe auch schon Fälle ge­habt, da hätte auch viel Geld nichts genützt.

Wie schwierig ist es, ein denkmalgeschütztes Haus thermisch zu sanieren. Schließt sich das nicht aus?
Keiler:
Eine konventionelle Sanierung, sprich 20 Zentimeter Styropor und Dreifach-Isolierverglasung, spielt sich natürlich nicht. Es gibt aber sehr gute Alternativmöglichkeiten, mit welchen man gute Werte erzielt. Wir freuen uns deswegen sehr, dass die Kollegen vom Ener­gieinstitut am Tag des Denkmals bei uns im Haus zahlreiche Beispiele präsentieren.

Welche Möglichkeiten gibt es da? An der Fassade kann man wahrscheinlich relativ wenig machen, oder?
Keiler:
Muss nicht sein. Bei einem Bregenzerwälderhaus mit Schindeln, die am Ende der Lebenszeit angekommen sind und sowieso irgendwann ersetzt werden müssen, könnte dahinter eine dünne Außendämmung gemacht werden. Bei einer bemalten Putzfassade geht das natürlich nicht, eventuell ist aber eine Innendämmung, eine Dämmung am Dach oder zum Keller möglich. Mitunter kann man aber auch am Heizsystem etwas machen. Eine 0815-Lösung gibt es allerdings nicht.

Und das geht dann mitunter ins Geld. Deshalb werden auch immer wieder steuerliche Anreize gefordert.
Keiler:
Ja, das ist ein großes Thema. Dafür setzen wir uns schon lange ein. Wenn die Menschen erhaltenswerte Gebäude, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, sanieren und pflegen, wäre eine steuerliche Absetzbarkeit der Ausgaben gerechtfertigt.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, bei dem mit dem Denkmalschutz besonders vorbildlich umgegangen wurde?
Keiler:
Die Marktgasse und das Jüdisches Viertel in Hohenems, das archäologische Erbe in Rankweil, diverse Burgen sowie die Umnutzung von his­torischen Industrieanlagen wie Klarenbrunnfabrik oder Hämmerle-Fabrik im Steinebach in Dornbirn.

Nach welchem Schema gehen Sie bei der Auswahl der schützenswerten Objekte vor?
Keiler:
Da gibt es Programme und Konzepte, die wir gemeinsam mit unserer Inventarisations- und Forschungsabteilung in Wien erstellen. Meis­tens gehen wir regional vor. In den letzten Jahren haben wir uns vieles im Montafon angeschaut oder im Klostertal. In den 2010er-Jahren haben wir die Städte abgearbeitet. Aber wir haben auch zeitliche Schwerpunkte.

Momentan steht ja die Nachkriegsarchitektur im Fokus, nicht?
Keiler:
Ja, das ist österreichweit ein sehr großes Thema. Das Problem ist, dass diese Bauten in der breiten Öffentlichkeit oft noch nicht als baukulturelles Erbe geschätzt werden und deshalb durch Abriss, Umformungen oder Dämmungen gefährdet sind.

Weil zu jung?
Keiler: Genau. Da fehlt sozusagen die zeitliche Distanz. Aber man muss sich nur in Erinnerung rufen, dass historistische Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert den 1960er-Jahren überhaupt keine Wertigkeit hatten. Da wurden beispielsweise in Kirchen Dekorationen und Wandmalereien runtergeschlagen und weiß ausgemalt.

Wie viele Objekte stellen Sie im Jahr unter Denkmalschutz und wie lange dauert so ein Verfahren?
Keiler:
Wenn es gut läuft, machen wir 15 bis 20 Unterschutzstellungen. Manche Verfahren sind in zwei Monaten erledigt, manche ziehen sich, weil es Einsprüche gibt.

Kommen Sie manchmal zu spät?
Keiler:
Ja, sicher. Laut einer Erhebung wurden in 20 Jahren circa 20 Prozent der Objekte, die vielleicht noch unter Schutz gestellt worden wären, abgerissen oder so umgebaut, dass sie weit weg sind von einem Denkmal. Das hat uns selbst erstaunt, dass es so viele sind. Aber Denkmalschutz ist nicht nur unser Thema. Grundsätzlich sind für das Bauverfahren die Gemeinden zuständig. Der Ortsbildschutz ist deren Sache. Wenn wir um eine Expertise gebeten werden, machen wir das natürlich. Allerdings müssen wir darauf schauen, dass wir unser Programm durchbringen. Leider gibt es in Vorarlberg kein Orts- und Stadtbildschutzgesetz wie in anderen Bundesländern. Das vermissen wir schon schmerzlich und bildet sich wohl auch im Land ab.

Welches aktuell gebaute Gebäude wird in 30 bis 50 Jahren unter Denkmalschutz stehen?
Keiler:
Es gibt einige Schulen, die wirklich ganz toll sind. Aber auch im Industrie- und Verwaltungsbau gibt es potenzielle Anwärter. In Vorarl­berg hat die Architektur seit den Baukünstlern eine sehr hohe Qualität. Hierzu gibt es viele Publikationen und Ausstellungen.

Welche Auswirkung hat der Bauboom auf die Denkmalpflege?
Keiler:
Der Beratungsaufwand ist sehr hoch. Man merkt auch, dass es an Handwerkern fehlt. Gerade in diesem Bereich braucht es Handwerker mit Spezialfertigkeiten und die können natürlich nicht überall gleichzeitig sein.

Tag des Denkmals

Heutiges Programm im und um das Denkmalamt

10 bis 12.30 Uhr: „Denkmalpflege und Ressource – Energiesparen in historischer Bausubstanz – passt das zusammen?“

11 Uhr: „Ein Spaziergang durch Raum und Zeit“

11.15 Uhr: Hausführung

11.30 Uhr: „Sprechstunden zur Denkmalpflege“ – Wie alt ist mein Haus?

13 Uhr: „Sprechstunde Denkmalpflege“ – Modernes Wohnen in historischer Bausubstanz: geht das? Ja klar!“

13.15 Uhr: Hausführung

13 bis 15.30 Uhr: „Denkmalpflege und Ressource – Energiesparen in historischer Bausubstanz – passt das zusammen?“

13.30 Uhr: „Wir entdecken die alte Bregenzer Oberstadt“ – Kinder- und Familienführung durch die Oberstadt. (Start beim BDA Bregenz)

14.30 Uhr: „Sprechstunden zur Denkmalpflege“ – Mein Haus ein Denkmal? Wie läuft eine Unterschutzstellung ab, warum wird ein Haus unter Schutz gestellt, wie ist die rechtliche Grundlage?

15.15 Uhr: Hausführung

15.45 Uhr: „Führung – Mittelalterliche Oberstadt und die Umgebung von St. Gallus“

Die Teilnahme ist nur mit gültigem 3G-Nachweis möglich.

Weitere Veranstaltungsorte und Führungen unter

www.tagdesdenkmals.at.

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