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„Vorarlberg ist in einer speziellen Situation“

26.09.2021 • 10:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Hartinger

Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink über Lehrermangel und Impfpflicht für Lehrer.

Der Lehrermangel in Vorarlberg ist akut. Wo fehlen die Pädagogen konkret?
Barbara Schöbi-Fink:
Die Lehrer fehlen vor allem in der Volksschule. Durch Umschichtungen, Rückholung von Pensionisten sowie Überstunden ist es gelungen, alle Posten zu besetzen. Es war aber nicht einfach und bleibt eine Herausforderung.

Es kann aber nicht die Lösung sein, in den kommenden Jahren immer wieder Lehrer aus der Pension zurückzuholen. Was wird aktiv getan, um diesem Mangel entgegenzutreten?
Schöbi-Fink:
Seit einigen Jahren bewerben wir den Lehrerberuf intensiv in anderen Bundesländern und bieten auch Goodies an. Wir übernehmen Mietkostenzuschüsse für Pädagogen, die aus anderen Bundesländern zu uns kommen. Fünf Mal im Jahr bezahlen wir Heimfahrten. Es ist aber auch anzumerken, dass gegen die Demografie kein Kraut gewachsen ist. Ein Blick in andere Berufsgruppen zeigt auch, dass überall Fachkräfte gesucht werden. Das beschränkt sich nicht nur auf den Bildungsbereich. Pensionisten bleiben aber eine wichtige Ressource. Wir sind froh, wenn Lehrer nicht so früh wie möglich in Pension gehen, sondern etwas später.

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Es gab zuletzt intensiveren Austausch mit dem Bund. Was wurde besprochen?
Schöbi-Fink:
Es ist wichtig, dass der Bund endlich erkannt hat, dass wir in Vorarlberg gegenüber anderen Bundesländern eine spezielle Situation haben. Das hat auch mit der Nähe zur Schweiz zu tun. Es wurde vor einigen Monaten „Pilot Vorarlberg“ ins Leben gerufen, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. Die wichtigsten Hebel wie Dienstrecht, sprich das Gehalt, und die Ausbildung sind nun mal zu 100 Prozent Bundeskompetenz. Das können wir nicht steuern.

Wie viel pädagogisches Personal verliert Vorarlberg an die Schweiz?
Schöbi-Fink:
Wir haben keine Zahlen, daher wissen wir das nicht. Wenn eine Pädagogin in Vorarlberg erst gar nicht beginnt oder das Dienstverhältnis hier beendet und in der Schweiz eine neue Anstellung annimmt, ist das nicht dokumentiert.

Das Gehalt der Lehrer bestimmt der Bund und ist in allen Bundesländern gleich. Wieso erklärt sich das Land Vorarlberg nicht bereit, einen Zuschuss zu bezahlen, um den Beruf hierzulande finanziell attraktiver zu machen?
Schöbi-Fink:
Das dürfen wir nicht. Das Dienstrecht ist zu 100 Prozent Bundesangelegenheit. Wir dürfen einem Lehrer für den Unterricht nicht mehr bezahlen, auch wenn wir Dienstgeber sind. Das haben wir unzählige Male diskutiert.

Worum geht es bei „Pilot Vorarl­berg“?
Schöbi-Fink:
Unter anderem um Themen wie den Quereinstieg leichter zu ermöglichen oder berufsbegleitende Ausbildungen anzubieten. Da braucht es Flexibilität in der Gesetzgebung für Vorarlberg, denn das ist Bundeskompetenz. Nach vielen Gesprächen habe ich aber nun das Gefühl, dass daran gearbeitet wird. Die Demografie betrifft derzeit Vorarlberg, wird aber in den nächsten Jahren auch andere Bundesländer treffen.

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Gibt es schon Lösungen?
Schöbi-Fink:
Wir sind mitten in den Verhandlungen, um gangbare Wege zu formulieren. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber es geht viel um die Ausbildung.

Ausbildung ist ein gutes Stichwort. Diese wurde um zwei Jahre verlängert, und Kritiker aus der Praxis sehen darin keinen Nutzen. Warum passiert das ausgerechnet in Zeiten eines Lehrermangels?
Schöbi-Fink:
Die Veränderung in der Ausbildung ist nicht von heute auf morgen passiert. Mit dem Bildungsreformgesetz war klar, dass sich die Ausbildung verändert, und dieses wurde bereits unter anderen Bildungsministern auf Schiene gebracht. Die Verlängerung ist umstritten, und aus der Praxis kommt die Meinung, eine Verlängerung würde es nicht brauchen. Das möchte ich nicht kommentieren. Das sollen die Experten beurteilen. Die Ausbildungsverlängerung ist noch relativ jung. Nun gilt es, die Evaluierungsergebnisse abzuwarten. Das muss ich zur Kenntnis nehmen. Auch wenn mir das nicht schnell genug geht.

In der Ausbildung ist es neuerdings verpflichtend, den Mas­terabschluss berufsbegleitend zu absolvieren. Gleichzeitig ist das aber nicht mit mehr Gehalt verbunden.
Schöbi-Fink:
Der verpflichtende Master ist in der Diskussion, wenn es darum geht, die Ausbildung zu verkürzen oder anders zu organisieren. Ein Blick auf das Gehalt zeigt aber, das Einstiegsgehalt liegt durchaus auf dem Niveau anderer Akademiker in den ersten Berufsjahren.

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Der häusliche Unterricht stellt in vielerlei Hinsicht ein Problem dar. Wieso kann man sich nicht zu einer Schulpflicht durchringen?
Schöbi-Fink:
Es tut mir um jeden Schüler leid, der sich aufgrund der Pandemie im häuslichen Unterricht befindet. Schule ist mehr als nur zu lernen, sondern auch ein sozialer Ort. Sehr viele Länder haben uns vor der Pandemie um diese Flexibilität beneidet. Die Zahlen waren immer konstant und in Summe unbedenklich. Daher ist der Ruf einer Veränderung von der Unterrichtspflicht zur Schulpflicht zwar legitim, aber es geht mir zu schnell. Die Treiber sind pandemiebedingt. Das Ministerium ist aber auch dabei, diesen Vorgang zu beleuchten, um die Möglichkeiten des häuslichen Unterrichts eventuell einzuschränken.

Wieviele Kinder befinden sich in diesem Schuljahr im häuslichen Unterricht?
Schöbi-Fink:
Es sind 350. Das sind doppelt so viele wie vor Corona. Das ist viel zu viel. Aber in anderen Bundesländern hat sich die Zahl vervierfacht.

Wieviele positive Fälle wurden in den Schulen seit Schulstart per PCR-Test nachgewiesen?
Schöbi-Fink:
Es waren in der ersten Woche sechs Fälle, in der zweiten Woche acht Kinder bei circa 45.000 Schülerinnen und Schülern. Das ist in einem sehr überschaubaren Bereich.

Wieso gibt es keine Impfpflicht für Pädagogen?
Schöbi-Fink:
Dafür bin ich nicht zu gewinnen. Ich unterstütze die Verordnung, dass Pädagogen entweder geimpft oder PCR-getestet sein müssen. Das gilt für viele andere Berufe auch und ist sinnvoll. Wenn sich die Gesamtbevölkerung in dem Ausmaß hätte impfen lassen, wie das die Lehrer gemacht haben, wären wir raus aus der Krise. Es sind 82 Prozent der Lehrer in Vorarlberg geimpft. Es gibt also keinen Grund, bei diesem Thema ausgerechnet über den Bildungsbereich zu sprechen.

Wieso gibt es keine allgemeine Impfpflicht?
Schöbi-Fink:
Eine Impfung ist ein sehr großer Eingriff in den Körper, und darüber muss jeder selbst entscheiden können.