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Durch das Malen im Gespräch mit sich selbst

27.09.2021 • 19:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Heilgard Bertel vor ihren Werken in der Schau. <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Heilgard Bertel vor ihren Werken in der Schau. Wolfgang Ölz

Zum 80. Geburtstag gibt es eine Schau in der Alten Seifenfabrik.

Heilgard Bertel (Jahrgang 1941) zählt mit ihrem reichen malerischen und bildhauerischen Schaffen zu den erfahrenen Künstlerinnen Vorarlbergs. Bekannt ist sie im Land vor allem auch durch ihre mal- und kunsttherapeutische Tätigkeit. Sie erklärte bei der Eröffnung ihrer neuen Schau: „In meinem Alter ist der Malprozess ein Weg, mit sich selbst im Gespräch zu bleiben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag hat Kulturjournalist Peter Niedermair in der Alten Seifenfabrik Pässler & Schlachter in Lauterach eine sehr sehenswerte Ausstellung unter dem Motto „Ein Rest Erde, ein kleiner Acker ist mir verblieben“ kuratiert.

Zur Ausstellung
Heilgard Bertel. „Ein Rest Erde, ein kleiner Acker ist mir verblieben“. Bis 10. Oktober in der Alten Seifenfabrik, Lauterach. Do. und Fr., 16 bis 19 Uhr, Sa. und So., 15 bis 19 Uhr geöffnet. Tanzperformance mit Ursula Sabatin bei der Finissage am 10. Oktober um 10.30 Uhr.

Der Kulturkritiker hat dafür sein Kunstnetzwerk aktiviert – es gab ein Programm mit verschiedenen Musikern wie etwa Peter Madsen und Rosario Bonaccorso, einer Tanzperformance von Ursula Sabatin, bis hin zur Kontextualisierung der Malerei Bertels mit bekannten Vorarlberger Gastkünstlern wie Roland Adlassnigg, Brigitte Hasler, Mario Meusburger, Udo Rabensteiner, Herta Spiegel und Wolf Georg. Bei der Eröffnung sprachen Kulturlandesrätin Barbara Schöbi-Fink und die Lauteracher Gemeinderätin Christina Metzler.

Zelle

In einem wahren Schaffensdrang hat Bertel im konstanten Format von 100 mal 70 Zentimetern eine Serie von abstrakten, farbintensiven Arbeiten geschaffen, die in ihrer archetypischen Symbolsprache direkt in die Tiefe führen. Das konstante Format ihrer Bilder sieht sie wie die Türen zu Mönchszellen. Die Bilder selbst sind in der Zelle, denn: Die Zelle lehrt den Menschen alles, wie schon die alten Wüstenväter wussten. Kontemplation ist für Bertel Wahrnehmung. Bezüge zu den Malgebeten von Mark Rothko sind bewusst gewählt.

Eröffnung der Ausstellung Alte Seifenfabrik <span class="copyright">Ölz</span>
Eröffnung der Ausstellung Alte Seifenfabrik Ölz

Dieses Spätwerk unterscheidet sich von den erzählerischen Bildern der früheren Jahre. Auch wenn der Urgrund ihrer Malerei immer ein existentieller ist, tritt in ihrem Werk „Karfreitag“ der spirituelle Bezug besonders deutlich zu Tage. Die kaum sichtbare rote Linie führt in den Fluchtpunkt des Schwarzen. Rot steht für die Liebe, die stark ist wie der Tod. Die absolute Fins­ternis im zentralen Bildraum verweist auf eine verzweifelte Schwärze, die alles in Frage stellt.

Heilgard Bertel, Ausstellung Alte Seifenfabrik <span class="copyright">Ölz</span>
Heilgard Bertel, Ausstellung Alte Seifenfabrik Ölz

Ein bedeutsamer Strang der Tradition ist für die Künstlerin die griechische Mythologie. So nennt sich ein anderes Bild mit einer bedrohlichen schwarzen Fläche „Das schwarze Segel des Theseus“. Theseus hatte vergessen statt schwarzer Segel, wie mit seinem Vater vereinbart, bei der Heimkehr weiße Segel zu setzen, worauf der Vater sich von einer Klippe ins Meer stürzte. Die Unachtsamkeit des einen verursacht den Tod eines geliebten Menschen. Eine Metapher für das Leben, die Bertel in ihrer Arbeit künstlerisch überzeugend aktualisiert.

Wolfgang Ölz