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“Wahlsieg schreckt Kunden auf“

28.09.2021 • 20:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Wahlsieg schreckt Kunden auf“
xbrchx – stock.adobe.com

Es bestehen Sorge, dass KPÖ-Sieg negative Folgen auf Investitionen haben könnte.

Dass die US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg über Kommunalwahlen in Österreich berichtet, kommt eher selten vor. Das Grazer Wahlergebnis, aber auch der Einzug der Corona-Skeptiker MFG in den oberösterreichischen Landtag war Bloomberg – nur gut vier Stunden nach den ersten Hochrechnungen – jedoch eine detaillierte Berichterstattung samt grafischer Aufbereitung wert. Auch die US-Nachrichtenagentur AP hat den Wahlsieg der Grazer Kommunisten vermeldet, entsprechend rasch fand die Geschichte Verbreitung auf verschiedensten US-Nachrichtenportalen – von der Washington Post bis hin zur Las Vegas Sun.

In die Kategorie Kuriosum sind Berichte wie diese, zumindest aus Sicht einiger Wirtschaftstreibender, vor allem aus der Industrie, die in Graz ihre Firmenzentralen oder Fertigungsstätten betreiben, aber nicht einzuordnen, wie ein Rundruf der Redaktion zeigt. Die Steiermark ist ein stark exportorientiertes Bundesland – und Graz ist ein industrielles Kraftzentrum des Standorts. So sind fünf der zehn größten steirischen Unternehmen in Graz angesiedelt, viele andere im direkten Umland.

“Könnte uns schon zurückwerfen”

“Wenn ausländische Medien bis in die USA über einen Wahlsieg einer Kommunistischen Partei in Österreich berichten, dann schreckt das natürlich auch internationale Kunden auf”, sagt Jochen Pildner-Steinburg, langjähriger früherer steirischer Industrie-Präsident und Mit-Eigentümer des Grazer Technologieunternehmens GAW. “Wir haben schon erste Anrufe von internationalen Partnern, die uns fragen, wie wir das einschätzen und die auch wissen wollen, was das für künftige Investitionen in Graz bedeutet. Es gibt also schon die Sorge vor negativen Auswirkungen”, so Steinburg. Die Außenwirkung für einen international aufgestellten Wirtschaftsstandort sei aus seiner Sicht nicht zu unterschätzen, “das könnte uns schon zurückwerfen”. Er gehe nun davon aus, “dass wir in den nächsten Wochen sehr, sehr viel Erklärungsbedarf gegenüber unseren Kunden haben werden”. Das Bewusstsein, dass Elke Kahr keine Kommunistin alter Sowjet-Prägung sei, “ist natürlich im Ausland nicht vorhanden, das wissen die nicht”.

“Freilich nicht förderlich für einen Wirtschaftsstandort”

Ähnlich argumentiert auch Gernot Pagger, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung. „Die wenigsten Grazerinnen und Grazer haben wohl die KPÖ gewählt, weil ihnen deren kommunistisches Parteiprogramm zusagt. Aber das können die internationalen Eigentümer, Investoren, Geschäftspartner und Kunden Grazer Unternehmen leider nicht wissen.“ Es sei „freilich nicht förderlich für einen Wirtschaftsstandort, dessen Dynamik von privaten Investitionen abhängt, wenn eine Partei, die für Gemeineigentum steht, die stimmenstärkste Gruppierung stellt“, so Pagger. Es müsse auch zukünftig „klar und unumstößlich sein“, dass der Grazer Wohlstand auf Technologie, Innovation und Produktion basiere. „Dementsprechend muss der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort weiter aktiv gestaltet werden.“

Der Autozulieferer Magna will sich “zu politischen Themen” nicht äußern, auch bei AVL winkt man mit dieser Begründung ab. Es fällt insgesamt auf, dass am Tag nach der Wahl zwar vielfach Zuschreibungen wie “wir sind fassungslos” oder “das müssen wir erst einmal sacken lassen” aus den Chefetagen von Grazer Unternehmen zu vernehmen ist, öffentlich äußern wollen sich viele aber nicht.

“Was ist denn da bei euch abgegangen?”

Gerade aus der Autozulieferindustrie ist hinter vorgehaltener Hand aber zu hören, “dass die internationalen Kunden sehr besorgt sind, insbesondere in Deutschland und den USA wird allein der Begriff Kommunismus extrem kritisch beäugt, die fragen uns, was ist denn da bei euch abgegangen?”, wie es ein Industrie-Manager formuliert. Es gelte nun, das Ergebnis für die Kunden einzuordnen und viel zu erklären, was aber wohl nicht so einfach sei.

“Grazer Spaß- und Eventgesellschaft”

Jochen Pildner-Steinburg wertet „das Ergebnis und die niederschmetternd geringe Wahlbeteiligung auch als Ausfluss einer Grazer Spaß- und Eventgesellschaft, die so ein Wahlergebnis offenbar lustig findet, das ist für mich einfach unerklärlich“.

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