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Grüne Risse

01.10.2021 • 13:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Annalena Baerbock muss in die zweite Reihe. Das Sagen hat bei den deutschen Grünen jetzt Robert Habeck
Annalena Baerbock muss in die zweite Reihe. Das Sagen hat bei den deutschen Grünen jetzt Robert Habeck imago images/Arnulf Hettrich

Zwischen Annalena Baerbock und Robert Habeck knirscht es gewaltig.

Sag’s mit Bildern. So läuft das im ikonografischen Selfie-Zeitalter nicht nur in den sozialen Medien. Auch die Titelseiten deutscher Zeitungen sind in diesen Tagen vielsagend. „Vizekönig Robert I.“, amüsierte sich die einst linke und heute grünbürgerliche „taz“ und zeigte Robert Habeck mit Lorbeer-Kranz. Das Boulevardblatt „Bild“ hielt es mit Annalena Baerbock: „Erst Kanzlerhoffnung, dann kaltgestellt“, hieß es am Donnerstag auf der Frontseite. Das zeigt: Zwischen den beiden Grünen-Vorsitzenden kriselt es gewaltig.

Schon zu Wochenbeginn war das zu beobachten. Da traten die beiden nach der Wahl gemeinsam in der Bundespressekonferenz auf. Aber nur einer gab die Richtung vor: Habeck. „Wir führen die Verhandlungen gemeinsam als gewählte Bundesvorsitzende. Punkt. Und alle weiteren Fragen sind ebenfalls geklärt“, sagte er kategorisch. Was klang wie eine sehr harmonische Linie, war bald darauf durchkreuzt. Da sickerte durch: Habeck wird Vizekanzler in einer möglichen Koalition.

Die Linken hatte ein Ziel

„Das entscheidet die Partei und nicht nur zwei Personen“, donnerte Jürgen Trittin. Der frühere Bundesumweltminister steht für den linken Parteiflügel. Schon im Frühjahr war aufgefallen, wie stark er sich für Baerbock als Kanzlerkandidatin einsetzte. Der linke Flügel hatte vor allem ein Ziel: Den Oberrealo Habeck verhindern.

Habeck war vor drei Jahren gemeinsam mit Baerbock an die Parteispitze gerückt. Gemeinsam hatten beide die Partei in die Mitte geführt. Habeck war dabei der strategische Kopf. Schon in Schleswig-Holstein hatte er die Grünen in ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP geführt – obwohl auch eine Ampel mit der SPD möglich gewesen wäre. „Wenn Robert Habeck die grüne Verhandlungsdelegation führt, bin ich mir nahezu sicher, dass es zu vernünftigen Ergebnissen kommen kann“, schwärmte FDP-Grande Wolfgang Kubicki jetzt, der mit Habeck damals in Schleswig-Holstein Jamaika besiegelte. Schwarz-Grün-Gelb auch im Bund? Für linke Grüne muss das wie eine Drohung klingen. Auch deshalb macht die einstige Putztruppe jetzt mobil.

Realos oder Fundis?

Entlang alter Verwerfungslinien tauchen bei den Grünen längst überwunden geglaubte Risse wieder auf. Realos oder Fundis – das ist ein Streit aus dem vergangenen Jahrhundert. Damals ging es um die Frage, ob sich die einstige Protestpartei realpolitisch an Regierungen beteiligt, um die Welt zu verändern oder in fundamentaler Systemopposition verharrt.

„Linke Oppositionelle reiben sich in Regierungsstrukturen schneller auf, als sie sie beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, Druck von außen zu üben“, so Jutta Ditfurth, 70, einstige Fundi, die die Partei längst verlassen hat. Über die Grünen heute urteilte Ditfurth: Das sei mittlerweile eine „stinknormale bürgerliche Partei“. Habeck würde das als Kompliment auffassen. Nicht aber der linke Flügel, der von der Option einer rot-rot-grünen Regierung beraubt, wenigstens ein Bündnis mit der Union verhindern will.

So ist die Situation mittlerweile komplex. Baerbock entstammt eigentlich auch dem Realo-Flügel. Aber der Parteilinken dient sie nun als „Fixstern“ (FAZ), um Habeck zu verhindern. Keine ungefährliche Konstellation. Am Wahlabend hatte sie noch um Habeck geworben, man werde „gemeinsam“ entscheiden, sagte Baerbock und wollte Habeck das Mikrofon überreichen. Der lehnte ab und zog sein eigenes Mikro aus der Hosentasche. Der Mann macht jetzt sein eigenes Ding. Gern auch als Vizekanzler.

Bei der Kandidatenkür im Frühjahr fühlte sich Habeck ausgebremst. Die Welt ließ er gern teilhaben an seinem Schmerz. Nicht allen gefiel das. Es müsse jetzt „etwas Neues entstehen. Das ist kompliziert, aber gleichzeitig extrem reizvoll“, sagt Habeck einen dieser Habeck-Sätze.

Und die Parteilinke hört genau hin. Das mäßige Abschneiden der Grünen hat nämlich auch andere Konsequenzen. Im Fall einer Regierungsbeteiligung stehen nun weniger Ministerämter zur Verfügung. Als Vizekanzler wäre Habeck gesetzt. Baerbock als Kanzlerkandidatin ohnehin. Beide entstammen nach Grünen-Arithmetik dem Realo-Lager. Auf den dritten Rang käme demnach eine Frau von links. Wird eng für Spitzengrüne wie Trittin. Von Realos wie Cem Özdemir ganz zu schweigen.

Egal ob Jamaika oder Ampel – bei den Grünen dürfte es noch lauter werden, bis die neue Regierung steht.

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