Allgemein

Die Generation mit fehlendem Baustein

03.10.2021 • 18:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">symbolbild/Shutterstock</span>
symbolbild/Shutterstock

Studierende dürfen wieder vor Ort lernen. Krise hat Spuren hinterlassen.

Mit 1. Oktober hat das Wintersemester an den meisten österreichischen Universitäten begonnen. Viele Studierende haben durch Corona und das damit verbundene Distance Learning die Hörsäle in den letzten Semestern nur selten von innen gesehen. Großteils fanden nur vereinzelte Laborübungen vor Ort statt. Jetzt wird wieder vermehrt auf Präsenzlehre gesetzt. Dem blicken einige Studierende mit Freude entgegen. „Ich habe am ersten Tag in der Präsenzlehre mehr Motivation als in den letzten drei Semestern gemeinsam verspürt“, beschreibt Marina Nagele (25) das Gefühl. Für die Medizinstudentin hat das Semester an der Comenius Universität in Bratislava schon im September begonnen.
Doch nicht nur Studenten berichten von einer positiven Wahrnehmung. Auch der Geschäftsführer der FH Vorarlberg, Stefan Fitz-Rankl, beschreibt die Stimmung als „gut und zuversichtlich“. Angst vor einer Ansteckung an der Uni verspüren die Studierenden hingegen eher nicht.

Die Online-Semester waren nämlich für einige belastend. So war für Mechatronikstudent Maximilian Ender (24) eine Präsenz-Laborübung der Höhepunkt im letzten Jahr. „Der intellektuelle und emotionale Austausch mit anderen im Studium ist das A und O“, sagt der FH-Vorarlberg-Student. Ihm hat neben dem Austausch über die Lehrveranstaltungsinhalte auch der Abschluss nach absolvierten Prüfungen, wie ein gemeinsames Bier, gefehlt. Darunter leide die Motivation, erzählt der Dornbirner.

Depressionen und Angst

Dass das Distance Learning für viele Studierende eine psychische Belastung dargestellt hat, zeigt die österreichweite Studie zum ersten Coronasemester von Psychologin Bernadette Vötter von der Psychologischen Studienberatung Innsbruck. Die Studie hatte zum Ergebnis, dass sich die Angst- und Depressionswerte mit 36 Prozent im Vergleich zu den Ergebnissen von 19 Prozent von einer Studie der WHO aus dem Jahr 2018 fast verdoppelt haben. Dabei haben sich 60 Prozent der Studenten von der Umstellung des Studienalltags gestresst gefühlt. Auch die Psychotherapeutin Angelika Schwarz-Ortner von der Psychologischen Studienberatung Innsbruck konnte zu Beginn der Pandemie eine Anfragenzunahme beobachten. Die Nachwirkungen seien immer noch zu spüren, da manche Studierende die Beratung erst verspätet in Anspruch nehmen. Es gibt immer noch lange Wartezeiten bei Psychotherapeuten. Für viele Studierende sei es die erste große erlebte Krise, sagt Schwarz-Ortner. Zum verschlechterten Wohlbefinden trugen existenzielle Sorgen durch den Verlust von Nebenjobs, das gleichzeitige Lernen und Leben auf engem Raum, Einsamkeit und Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Tagesstruktur bei. Studienanfänger wurden mit Schwierigkeiten konfrontiert, neue Kontakte zu knüpfen. Über Zoom fehlt die Möglichkeit, mit dem Sitznachbar ins Gespräch zu kommen. Unter diesen Studienanfängern war auch Fabian Kruijen (19), der das Lehramtstudium nach zwei Monaten wieder abbrach und sich für die Suche nach einer Lehrstelle entschied. Ihm haben das Studentenleben und der Austausch gefehlt.

Herztöne auf YouTube

So eine zusätzliche Belastung kann sich auch auf die Leistung auswirken. So berichten Studierende teilweise von anspruchsvolleren Prüfungen, fehlenden Lerngruppen und Professoren, die nur Skripte oder Folien zum Selbststudium zur Verfügung stellten. Die Wahrnehmung der Online-Lehre unterscheidet sich aber je nach Lerninhalt und Engagement der Professoren. Nagele berichtet beispielsweise, dass sie vor ihrem Praktikum im Krankenhaus nur Herztöne auf YouTube gehört habe und ihr dadurch die Routine beim Platzieren des Stethoskops fehle. Hingegen ist Fabian Achammer (26) überzeugt, dass Mathematik mit gutem Grundwissen auch aus einem Skript ohne Vortrag gelernt werden kann. Als Tutor konnte er aber beobachten, dass die spezielle Prüfungssituation mit Kamera zusätzliche Nervosität erzeugt. Teilweise brachte das Distance Learning für ihn als Studierender auch Vorteile mit sich – wie Aufzeichnungen, die bei Verständnisproblemen wiederholt angeschaut werden können. Die mehr verfügbare Zeit, weil Freizeitaktivitäten und der Anfahrtsweg wegfielen, konnten manche Studierende für das Absolvieren von zusätzlichen Prüfungen nutzen. Fitz-Rankl berichtet von einem „Rekordwert von Abschlüssen“ von 402 Studierenden und keinem Anstieg an Studienabbrüchen im Jahr 2020 an der FH Vorarl­berg.

TU-Wien-Studentin Doris Rhomberg (24) empfindet die Online-Lehre in der gewohnten Umgebung zu Hause ohne den Anfahrtsweg als gemütlich. In ihrem während der Pandemie begonnenen Masterstudium hatte sie kein Problem, neue Bekanntschaften über Zoom zu finden. Für sie ist die Rückkehr in den Hörsaal eine ungewohnte Situation. Damit beim Einstieg in den Präsenzbetrieb alles glatt läuft, bietet die FH Vorarlberg beispielsweise spezielle Welcome-back-Workshops an. Durch die Rückkehr an die Hochschulen werden jedoch nicht alle durch die Krise ausgelösten Depressionen und Ängste sofort verschwinden. Außerdem könne der Generation teilweise ein Baustein in der Entwicklung durch die Online-Semester fehlen, meint Schwarz-Ortner. Jedoch trage das Durchschreiten eines belastenden Wegs auch zur Bildung bei.
Damit Corona die Studierenden nicht wieder zurück nach Hause zwingt, haben die Universitäten Vorkehrungen getroffen. Die Fachhochschule Vorarlberg orientiert sich am Stufenplan der Regierung und verlangt entweder einen 3G-Nachweis oder eine FFP2-Maske. Die Einhaltung wird durch Security-Mitarbeiter am Campus oder durch Lehrende zu Beginn der Vorlesung kontrolliert.

Unterschiedliche Corona-Regeln

Jede Universität verfolgt ein anderes Sicherheitskonzept. So gilt an der Universität Wien 2,5G. Dies bedeutet, dass nur PCR-Tests und keine Antigentests akzeptiert werden. Zusätzlich besteht eine FFP2-Maskenpflicht mit Ausnahme von Redebeiträgen. Sitzplätze werden im Schachbrettmuster besetzt. An anderen Hochschulen dürfen alle Sitzplätze eingenommen werden. Das freut zwar Studierende, stößt in der Politik aber nicht nur auf Gegenliebe. So begrüßt Bildungsminister Heinz Faßmann zwar die durchgehende 3G-Umsetzung, kritisiert jedoch die uneinheitliche Regelung der Hörsaalbelegung.