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Nobelpreis geht nicht an Impfstoff-Entwickler

04.10.2021 • 12:41 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Nobelpreis geht nicht an Impfstoff-Entwickler

Ab heute werden in Stockholm und Oslo die Nobelpreise bekannt gegeben.

Es ist eine Art Staatsgeheimnis – nur der Jurorenkreis weiß, wer in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaft mit einem Nobelpreis bedacht wird. 2021 war diese Frage vor allem in der Sparte der Medizin spannend werden. Dass Dynamiterfinder Alfred Nobel, auf den der Preis zurückgeht, in seinem Testament festhielt, dass die Auszeichnungen an diejenigen gehen sollen, “die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbrachten“, stellt zwangsläufig den Zusammenhang zu den Problemstellungen der letzten Monate her. Viele tippten daher auf Impfstoffentwickler.

Doch die Jury hatte überraschend anders entschieden. Der US-Forscher David Julius und Ardem Patapoutian aus dem Libanon erhalten den diesjährigen Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckungen der menschlichen Rezeptoren für Temperatur- und Berührungsempfinden. Das Wissen werde genutzt, um Behandlungen für eine Reihe von Krankheiten zu entwickeln, darunter chronische Schmerzen, teilte das Nobelpreiskomitee am Montag in Stockholm mit. Die Dotierung beträgt wie im Vorjahr zehn Millionen Kronen (985.000 Euro).

Die Preisträger hätten wichtige Verbindungen im Verständnis der komplexen Verbindungen zwischen unseren Sinnen und der Umwelt aufgezeigt, hieß es in der Begründung zu den Nobelpreisen. Die bahnbrechenden Entdeckungen durch die diesjährigen Nobelpreisträger “haben es uns ermöglicht zu verstehen, wie Wärme, Kälte und mechanische Kräfte die Nervenimpulse auslösen, die es uns ermöglichen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und uns an sie anzupassen”, hieß es vom Komitee.

Der 65 Jahre alte US-Amerikaner Julius nutzte Capsaicin, eine scharfe Verbindung aus Chilischoten, die ein brennendes Gefühl hervorruft, um einen Sensor in den Nervenenden der Haut zu identifizieren, der auf Hitze reagiert. Patapoutian, der 1967 im Libanon geboren wurde und wie Julius in Kalifornien forscht, entdeckte mithilfe druckempfindlicher Zellen eine neue Klasse von Sensoren, die auf mechanische Reize in der Haut und in inneren Organen reagieren.

Doch nicht mRNA-Entwickler

Zuvor war spekuliert worden, dass mRNA-Entwickler hoch im Kurs stehen würden. Dass schon relativ rasch nach Ausbruch der Corona-Pandemie ein entsprechender mRNA-Impfstoff vorgelegt werden konnte, wurde erst durch jahrzehntelange Vorarbeit möglich. Als Pioniere der Forschung im Bereich der “Messenger-Ribonukleinsäure” gelten die in Ungarn geborene Katalin Karikó und der US-Amerikaner Drew Weissman: Dem kongenialen Forscher-Duo gelang 2005 der Durchbruch, als es entdeckte, wie man fremde mRNA ohne Überreaktion des Immunsystems in den Körper einsetzen kann.

Auch Özlem Türeci (54) und Ugur Sahin (56), Gründer des Mainzer Unternehmens Biontech, die zusammen mit Pfizer einen Impfstoff vorlegten, sind im Gespräch: Gegen sie machte im Vorfeld indes ein Netz aus Hilfsorganisationen (“The People’s Vaccine”) mobil: Die Leistung des Ehepaars sei zwar außergewöhnlich, kritisiert wird jedoch, dass “das Impfstoffrezept nicht mit Herstellern in den Entwicklungsländern geteilt” werde – im Sinne einer “Fairteilung”. Türeci und Sahin sind jüngst mit dem renommierten Medizinpreis der Paul-Ehrlich-Stiftung ausgezeichnet worden – der Vorwurf, sich das Monopol vergolden zu lassen, hält sich aber.

Trotz bemerkenswerter Geschwindigkeit bei der Bereitstellung des Vakzins könnte es laut Beobachtern noch zu früh für einen Nobelpreis dafür sein: Immerhin hofft man, dass die mRNA-Methode in Zukunft auch gegen Krebs und HIV eingesetzt wird – ein Quantensprung in der Medizin. Zudem sind Karikó und Weissman mit 66 und 62 Jahren im Vergleich zu vielen bisherigen Forschern noch vergleichsweise jung.

Politisch aufgeladen ist stets der Friedensnobelpreis: Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist offenbar nominiert. Auf der Liste, die nicht öffentlich einsehbar ist, sollen zudem die schwedische Klimakämpferin Greta Thunberg (18) sowie der russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny (45) stehen.

Verliehen werden die Auszeichnungen am 10. Dezember in Stockholm bzw. für den Frieden in Oslo.

Die Nobelpreise in der Übersicht:

Medizin, 4. Oktober

Bereits heute wird der Medizin-Nobelpreis bekannt gegeben – seit 2020 ist er wie die anderen mit zehn Millionen schwedischen Kronen (umgerechnet etwa 981.000 Euro) dotiert. Es ist gut möglich, dass dabei der noch andauernde Kampf gegen die weltweite Corona-Pandemie in den Mittelpunkt gerückt wird – nicht zuletzt, um den enormen Wert von entsprechenden Impfungen zu betonen: Wenn dem so ist, sind Katalin Karikó, die als “Mutter der mRNA-Impfung” gilt und ihr Kollege Drew Weissman wohl dieser Auszeichnung würdig: Die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna beruhen auf diesem Prinzip.

Physik, 5. Oktober

Am 5. Oktober wird bekannt gegeben, wer den Nobelpreis für Physik erhält. 2020 ging die Auszeichnung an drei Forschende und ihre Entdeckungen rund um schwarze Löcher. 2019 ging der Physik-Nobelpreis zur Hälfte an James Peebles, zur anderen Hälfte gemeinsam an Michel Mayor und Didier Queloz für ihre “Beiträge zum Verständnis des Universums und des Platzes der Erde im Kosmos”. Jedes Jahr beauftragt das Nobelpreiskomitee rund 3000 ausgewählte Personen damit, ihnen Kandidaten vorzuschlagen.

Chemie, 6. Oktober

Am 6. Oktober wird der Chemie-Nobelpreis bekannt gegeben. 2021 wurde er an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna vergeben – die Forscherinnen hatten einen Weg zur Genom-Editierung entwickelt. Im Gespräch ist heuer z. B.  die britische Chemikerin Clare Grey: Sie untersucht, warum Batterien und Akkus früher oder später den Geist aufgeben – und will das ändern. In Zeiten, in denen E-Mobilität das Maß der Dinge zu sein scheint, ein wichtiges Feld. Die Hamburger Körber-Stiftung hat ihr bereits den “Preis für europäische Wissenschaft” verliehen – sechs dieser Gewinner haben bislang auch Nobelpreise erhalten.

Literatur, 7. Oktober

Die höchste Adelung für Autorinnen und Autoren – heuer werden dafür unter anderem zwei bekannte Namen hoch gehandelt: Das ist der 72-jährige Japaner Haruki Murakami, der in sein umfangreiches Werk gerne surrealistische Elemente einfließen lässt. Andererseits könnte es auch die Kanadierin Margaret Atwood werden: Die heute 81-Jährige, die mit ihren Romanen sie unzählige Frauen inspirierte, gilt als eine der “ewigen” Anwärterinnen darauf. Der Nobelpreis für Literatur wird am 7. Oktober bekannt gegeben.

Frieden, 8. Oktober

Der Friedensnobelpreis rückte nicht zuletzt durch einige strittige Entscheidungen der letzten Jahre in die öffentliche Aufmerksamkeit: 329 Nominierungen sind diesmal eingegangen. Die Auszeichnung könnte an eine Person oder an eine Organisation gehen: Ein Favorit ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Aussichtsreich ist auch die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja (39). Einmal mehr wird die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg genannt. Dem “Palestinian Center for Human Rights” und der israelischen Menschenrechtsorganisation “B’Tselem” werden ebenso gute Chancen zugestanden. Am 8. Oktober wissen wir mehr.

Wirtschaft, 11. Oktober

Der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften wird am 11. Oktober bekannt gegeben und beschließt den Kreis der Auszeichnungen. Er ist eigentlich kein “echter” Nobelpreis: Der Preis war erst nachträglich von der Schwedischen Reichsbank “in Gedenken an Alfred Nobel” gestiftet worden und wurde 1969 erstmals verliehen. 2020 etwa hatten Robert Wilson und Paul Milgrom die Auszeichnung für “Verbesserungen der Auktionstheorie und Erfindung neuer Auktionsformate” erhalten.