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Rekordtief bei Firmenpleiten im Ländle

04.10.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Victoria Schuchlenz vom KSV1870 sieht keine Insolvenzwelle anrollen. <span class="copyright">KSV1870</span>
Victoria Schuchlenz vom KSV1870 sieht keine Insolvenzwelle anrollen. KSV1870

Zahl der Insolvenzen in drei Quartalen um 70 Prozent unter Vorkrisenniveau.

Die Zahl der Firmenpleiten bewegt sich in Vorarlberg in Bezug auf die Größenordnung unverändert weit abseits jeglicher Normalität, wenn man die Jahre vor der Pandemiebekämpfung für Vergleichszwecke heranzieht. Das ist auch bei den jetzt veröffentlichten Zahlen zu den Insolvenzen in den ersten drei Quartalen 2021 der Fall. Wie der KSV1870 Vorarl­berg mitteilte, sind in diesem Zeitraum in Vorarlberg 28 Firmeninsolvenzen (eröffnete und nicht eröffnete Verfahren) verzeichnet worden.

Das ist ein Rückgang um 50,9 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2020 und der zweitstärkste Rückgang im Bundesländervergleich hinter Kärnten mit minus 51,6 Prozent. Österreichweit liegt das Minus bei nur 28,4 Prozent. Die damit zusammenhängenden Passiva schmolzen im Ländle von 97 Millionen Euro auf jetzt 15 Millionen Euro zusammen. Noch markanter ist der Vergleich mit den ersten drei Quartalen im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Nach Angaben von Victoria Schuchlenz, der Leiterin des KSV1870 Vorarlberg, sei demgegenüber die Zahl der Firmenpleiten heuer um über 70 Prozent zurückgegangen.

Weniger Unternehmensinsolvenzen als üblich gab es heuer am Landesgericht Feldkirch zu bearbeiten. <span class="copyright">Hartinger</span>
Weniger Unternehmensinsolvenzen als üblich gab es heuer am Landesgericht Feldkirch zu bearbeiten. Hartinger

Es lasse sich schwer einschätzen, welche Faktoren konkret zu dieser auffallenden Schieflage in der Insolvenzstatistik innerhalb Österreichs führen würden, so Schuchlenz. Durch die öffentlichen Förderungen, Unterstützungen und Stundungen etwa durch die Finanzämter und die Sozialversicherungen sei vielen Unternehmen in ­Österreich eine Atempause verschafft worden. Darunter würden mög­licherweise auch nicht wenige Unternehmen fallen, die es ohne diese Unterstützungen unabhängig von der Pandemiebekämpfung nicht geschafft hätten und jetzt über mehr Liquidität verfügen.

Warum ausgerechnet Vorarlberg und Kärnten hier so hervorstechen, lasse sich damit aber nicht erklären. Möglicherweise gebe es einen Zusammenhang mit der Bedeutung einzelner Branchen.

Österreich-Zahlen

Österreichweit gab es in den ersten neun Monaten 2021 insgesamt 1814 Unternehmens­insolvenzen. Das sind um 28 Prozent weniger als noch im Vergleichszeitraum 2020. Die Höhe der Passiva lag bei insgesamt 744 Millionen Euro. 5700 Dienstnehmer waren von den Konkursen betroffen.

Ende der “Safety Car Phase”

Jetzt könnte allerdings wieder mehr Bewegung in Richtung einer Normalisierung kommen. Denn Ende September 2021 hat nicht nur im steuerlichen Bereich die sogenannte „Safety-Car-Phase“ geendet. Unternehmen können in zwei Modellen bis längstens 30. Juni 2024 ihre seit Mitte März 2020 gestundeten Steuern nachzahlen. Zwischen Juli und September 2021 gab es die obgenannte flexible Anfangsphase, in der bei Liquiditätsproblemen nur 0,5 bis 1,0 Prozent der gestundeten Steuern nachgezahlt werden mussten.

Privatinsolvenzen

Ein Plus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr war in den ersten drei Quartalen bei den Privatkonkursen in Vorarl­berg zu verzeichnen. Das Ländle sei damit im Bundesländervergleich ein „Ausreißer“, heißt es seitens des KSV1870. Denn österreichweit habe es einen Rückgang von sieben Prozent gegeben. Die geschätzten Passiva seien um rund 30 Prozent zurückgegangen, in Vorarlberg habe es dagegen eine Steigerung um 60 Prozent gegeben. Das Ländle sei wohl eines der wenigen Bundesländer, das hinsichtlich der Privatkonkurse auf dem Weg in Richtung „Normalniveau“ sei, meinte Victoria Schuchlenz, Leiterin des KSV1870 Vorarlberg.

Heuer rechnen sie und ihre Kollegen „mit einer kontinuierlichen Zunahme der eröffneten Privatkonkurse in Richtung Jahresende“. Zugleich gehen die Experten davon aus, dass die Gesamtzahl unter dem Vorjahreswert von rund 7300 Fällen liegen werde. Der Aufwärtstrend werde sich allerdings bis ins kommende Jahr ziehen, weshalb es möglich sei, dass bereits 2022 wieder das „Vor-Krisen-Niveau“ erreicht werde. Im Jahr 2019 waren in Vorarlberg insgesamt rund 9500 Schuldenregulierungsverfahren eröffnet worden.

„Diese Schonfrist ist nun vorbei. Seit Oktober müssen die Unternehmen bei gestundeten Steuern größere Rückzahlungen an die Finanzämter leis­ten“, so Schuchlenz. Eine vergleichbare Entwicklung gibt es bei den Sozialversicherungen. Hierzu muss man wissen, dass gerade die Finanzämter sowie die Sozialversicherungen in der Vergangenheit die maßgeblichen Antragsteller bei Insolvenzverfahren waren. Diese Akteure dürften deshalb nun langsam wieder in den Vor-Pandemie-Modus kommen, wenn es um Insolvenzanträge geht.

Keine Insolvenzwelle

Unternehmen, welche die Rückzahlung ihrer Schulden bis auf das Äußerste hinausgezögert haben, stehen jetzt möglicherweise vor einem noch größeren Schuldenberg, schätzt Schuchlenz. Dass es deswegen jedoch gleich zu einer Insolvenzwelle komme, glaubt die Leiterin des KSV1870 Vorarlberg nicht. Man gehe vielmehr von Nachzieh­effekten aus, wie sie bereits in einigen Bundesländern zu erkennen seien. Das werde jedoch aufgrund des Fristenlaufs voraussichtlich erst im ersten Quartal 2022 soweit sein, denkt Schuchlenz. Dann werde sich wohl auch die Anzahl der Insolvenzen wieder auf dem Vor-Pandemie-Level einpendeln.

Günther Bitschnau/wpa